Volltextsuche über das Angebot:

28 ° / 14 ° Gewitter

Navigation:
Nur auf dem Berg sieht es schlecht aus

Barrierefreiheit Nur auf dem Berg sieht es schlecht aus

Wirklich barrierefrei ist keines der öffentlichen Amöneburger Gebäude. "Barrierearm" ist derzeit das Zauberwort. Doch die Stadt verspricht Besserung.

Voriger Artikel
Die Rettung des Spinnenprinzes fesselt Kinder
Nächster Artikel
Pfarrerin setzt auf "gutes Miteinander"

Barrierefreiheit? Nicht in den Bürgerstuben Amöneburg. Zu dieser Einsicht kamen auch Burkhard Wachtel (links) und Karl-Heinz Kraus, der Mitglied des Seniorenbeirats ist.

Quelle: Florian Lerchbacher

Amöneburg. Während der Seniorenbeirat mit Bürgermeister Michael Richter-Plettenberg, Bauamtsleiter Volker Lehfeld und dem für die Seniorenarbeit zuständigen Burkhard Wachtel die Amöneburger Bürgerstuben besichtigt, sitzt Christine Stapf im Auto und wartet. „Keine Chance. Meine Frau kommt hier sowieso nicht hinein - selbst, wenn wir alle mit anpacken“, erklärt ihr Ehemann, Martin Kewald-Stapf.

Den ausgebildeten Wohnberater und seine auf den Rollstuhl angewiesene Frau hatte der Seniorenbeirat eingeladen, um die öffentlichen Gebäude mit zwei Experten für barrierefreies Wohnen unter die Lupe zu nehmen. Doch gleich bei der ersten Station hat die Rollstuhlfahrerin keine Chance: Die zahlreichen Stufen der Bürgerstuben erweisen sich als unüberwindlich, zudem sind die Gänge im Haus zu verworren und zu eng. „Der erste Schritt zur Besserung ist, sich mit dem Thema überhaupt auseinandersetzen“, betont Richter-Plettenberg und ergänzt: „Besonders vor dem Hintergrund, dass viele ältere Menschen hier wohnen, ist die Initiative wichtig.“

Manchmal müssen nur Kleinigkeiten umgebaut werden

Zum gemütlichen Nachmittag, den der Seniorenbeirat regelmäßig in den Bürgerstuben ausrichtet, können zum Beispiel viele Bürger nicht kommen, weil sie die steile Treppe nicht erklimmen können. Damit solche Barrieren irgendwann überwindbar werden, nehmen Lehfeld und Kewald-Stapf an der Ortsbegehung teil - sie erkennen schnell, welche Veränderungen notwendig (und bezahlbar) sind. „Manchmal müssen nur Kleinigkeiten umgebaut werden“, hebt Kewald-Stapf hervor. In den Bürgerstuben ist dies allerdings nicht der Fall. Sollte sich trotz des Platzmangels ein Treppenlift gemäß den Vorschriften zum Beispiel zu Fluchtwegen einbauen lassen, würden im Obergeschoss bereits die nächsten Probleme warten: Die Gänge sind schmal und verwinkelt, eine Behindertentoilette gibt es erst gar nicht. „Das Gebäude ist absolut verbaut“, analysiert Lehfeld resignierend. „Das wäre eine Riesensumme, die wir in den Haushalt einstellen müssten, wenn wir das Haus barrierefrei machen wollen“, ergänzt Hildegard Kräling, die Vorsitzende des Seniorenbeirates.

Beim Rathaus ist die Lage nicht so hoffnungslos: Auf Betätigen der Behindertenklingel erscheint sofort eine Auszubildende, um wartenden Gästen die Treppen hinaufzuhelfen. Zwei Treppenlifte wären mindestens nötig, erfasst Richter-Plettenberg die Lage: „Bis zum Büro des Bürgermeisters sollte man schon barrierefrei kommen. Das Rathaus ist schließlich ein Haus für die Bürger.“

Das Trauzimmer wird nie barrierefrei erreichbar sein

Im Bedarfsfall opfert der Bürgermeister sein Zimmer und lässt es für Hochzeiten umgestalten - wer will, könnte für die Trauung aber auch ins Museum ausweichen, schlägt Kräling vor. „Dort müssten wir auch nur die Toilette verbreitern“, fügt Lehfeld hinzu und stellt mit Hilfe seiner Mitstreiter unter Beweis, dass tatsächlich manchmal nur kleine Veränderungen notwendig wären. Und sollte es immer noch Hürden zu überwinden geben, könnten die Mitarbeiter der Bürgerhilfe - die sich derzeit im Aufbau befindet - einspringen, betont Kräling. Die Begleitung bei Behördengängen gehört ohnehin zu dem Aufgabengebiet der freiwilligen Helfer.

In der Mehrzweckhalle Roßdorf kann dann auch Christine Stapf an der Ortsbegehung teilnehmen. Zwar gibt es dort keine Behindertentoilette - für die wäre aber Platz im sanitären Bereich der Männer. „Das wäre auch kein Problem. Es müsste eben nur jemand mitkommen und den Aufpasser spielen“, erklärt die Rollstuhlfahrerin, die sich ansonsten über die Barrierefreiheit des Gebäudes freut.

Das gleiche gilt für die Sternstube, in der die Behindertentoilette allerdings eine Zeitlang als Lagerraum zweckentfremdet wurde. Beim Haus der Vereine ist die Eingangstreppe ein Problem: „Das Gebäude können wir aber vernachlässigen. Es ist schließlich nur das dritte Bürgerhaus des Ortes“, kommentiert Richter-Plettenberg.

Nur ein Problem: Der Spiegel hängt zu hoch

Als „barrierearm“ bezeichnet er das Mardorfer Bürgerhaus, vor dem die Stadt einen Behindertenparkplatz einrichten will - die erste beschlossene Veränderung. Anschließend senkt sie ein Stück Bordstein ab. Im Haus selbst gibt es nur ein Problem: Der Spiegel in der Behindertentoilette hängt viel zu hoch. „Das ist zwar nur eine Kleinigkeit. Trotzdem ist schade, dass dies erst jetzt auffällt“, sagt der Bürgermeister. Für das Gemeenshaus kündigt er die Reparatur des defekten Fahrstuhls an, für das barrierearme Bürgerhaus Erfurtshausen die Anbringung der Handläufe an der Eingangsrampe. Nur der Jugendraum bleibt wohl für Menschen mit besonderen Bedürfnissen unerreichbar. „Und sollte es bei den Umbauplänen für den Treffpunkt Rüdigheim und dem Einbau des Fahrstuhls bleiben, ist das Gebäude auch barrierefrei“, ergänzt er.

Die Mitglieder des Seniorenbeirates setzen sich nun mit dem Gesehenen auseinander und erstellen eine Prioritätenliste, von der erste Punkte im Haushaltsplan des kommenden Jahres landen sollen. Außerdem planen sie, die Friedhöfe in Augenschein zu nehmen - nicht alle sind so leicht zu erreichen, wie es sich insbesondere die älteren und körperlich nicht mehr fittesten Menschen wünschen würden.

von Florian Lerchbacher

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Von Redakteur Florian Lerchbacher

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr