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Ostkreis Notfalls hilft Gute-Laune-Stein
Landkreis Ostkreis Notfalls hilft Gute-Laune-Stein
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20:49 25.01.2010
Vom weltreisenden Yuppie hat sich Jochen Kirchner zum Bürgermeister Kirchhains gewandelt. Quelle: Tobias Hirsch

Kirchhain. Frühmorgens in einer Bucht vor Costa Rica. Ein braungebrannter athletischer Surfer treibt einsam auf seinem Surfbrett. Arme und Füße baumeln lässig im Wasser. Hinter dem Strand erwacht der Urwald zum Leben: Nebelschwaden steigen auf, Vögel beginnen zu zwitschern – und Jochen Kirchner fasst einen alles verändernden Entschluss.

Jochen Kirchner war kein Robinson Crusoe, zumindest nicht in direktem Sinne. Er trug schwarze Anzüge und reiste für seinen Chef um die Welt. „Ich war zehn Jahre jünger wie der Durchschnitt der ersten Klasse im Flugzeug“, sagt der ehemalige Unternehmensberater nicht ohne Stolz. Sein Arbeitgeber gehörte zu den größten in der Branche – mit Firmensitzen in 100 Ländern. Kirchner reiste von einem Ort zum anderen – heute Wien, morgen Chicago – und überall lebte er aus dem Koffer – einem schwarzen Lederkoffer mit Firmenlogo. An ihm und dem Dresscode erkannten sich die Mitglieder dieses elitären Kreises während der Geschäftsreisen an den Flughäfen. „Wir waren wie die schwarzen Männer bei Momo, nur ohne Zigarren“, sagt er. Private Kontakte pflegte Kirchner kaum. Irgendwann befürchtete er, gänzlich zu vereinsamen.

„Ich habe dann einfach gekündigt. Niemand hat das verstanden“, erzählt Kirchner. Er hat gut verdient, war erfolgreich und kam in der Welt rum. Aber die Kehrseite der Medaille wog schwerer für den damals Mittdreißiger: „In meinem Job war eine Familie nicht möglich. Die Scheidungsquote im Unternehmen lag bei 90 Prozent“. Kirchner nahm eine Auszeit um den Kopf frei zu bekommen und bei seiner Lieblingsbeschäftigung seinen Lebensplan neu zu skizzieren. „Ich habe auf Satellitenfotos nachgeschaut, wo die beste Welle auf der Welt steht. Da bin ich dann hingeflogen“.

Drei Monate später kehrte er nach Deutschland zurück, lernte eine Kirchhainerin kennen und setzte den Startpunkt seines neuen Lebensplans in die Ohmstadt. Durch die Moderation eines Streitgesprächs zwischen überschwemmungsgeplagten Anwohnern und der Stadt Kirchhain wurden zunächst die Grünen auf den Neubürger aufmerksam. Sie witterten eine Chance, mit Kirchner an der Spitze die eingefahrenen politischen Machtverhältnisse in Kirchhain aufzubrechen. Ein Bündnis, geschmiedet aus CDU, FDP und Grüne, machte den Unbekannten schließlich zum Bürgermeisterkandidaten.

Ein halbes Jahr später entschied er die Wahl für sich – zur völligen Überraschung seiner Unterstützer. „Sie wollten mich schon trösten, bevor das Ergebnis überhaupt feststand. Nach der Wahl ist mir erst richtig bewusst geworden, dass eigentlich keiner auf mich gesetzt hatte“, sagt Kirchner, „Die Verblüffung in den Gesichtern werde ich nie vergessen.“

Einen Plan B für den Fall einer Wahlniederlage hat Kirchner nicht: „Auch wenn ich nicht gewählt werden, werde ich in kein großes schwarzes Loch fallen“, sagt er und ergänzt: „Ich binde mich nicht gerne an Dinge.“ Das einzige, was er stets bei sich trägt ist ein kleiner glatter Stein – ein Geschenk seiner vier Jahre alten Tochter. „Sie hat ihn mir in die Hand gedrückt und gesagt: ,Papa, das ist ein Gute-Laune-Stein’“, erklärt er.

von Tobias Hirsch

Mehr zu diesem Thema lesen Sie in der Dienstagsausgabe der OP.

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