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Ostkreis Neue Steine wecken altes Handwerk
Landkreis Ostkreis Neue Steine wecken altes Handwerk
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00:17 22.07.2018
Sabine Walter (von links), Thomas Kleinschmidt, Frank Schubert, Reiner Nau und Andreas Harnisch freuen sich über den kurzen Weg des Korns vom Feld in Langenstein über die Brücker Mühle Amöneburg bis in die Backstube in Kirchhain. Quelle: Florian Lerchbacher
Ostkreis

„Mit dieser großen Resonanz haben wir nicht gerechnet. Alle Erwartungen werden übertroffen“, gibt Reiner Nau vom Brücker Verein zu. Die kleine Gruppierung hatte mit Unterstützung des Arbeitskreises Dörfliche Kultur Kirchhain und einiger privater Spender den Einbau von Mahlsteinen in die Brücker Mühle finanziert. „Wir haben hier einen Bildungsauftrag. Wir möchten die Kultur und das Knowhow erhalten“, erklärte Nau damals.

Gewerblich hatte Müllermeister Thomas Kleinschmidt schließlich schon seit dem Jahr 2001 kein Mehl mehr hergestellt und sich vornehmlich darauf konzentriert, sein Wissen zu vermitteln und den Menschen den Weg vom Getreide zum Brot näherzubringen.

Flauschigeres Mehl durch Mühlen-Mahlsteine

Doch letztendlich kam alles ganz anders: Aus Demonstrationszwecken läuft die Mühle auch heute noch, aber die Nachfrage nach steingemahlenem Mehl sei riesig, stellt Nau heraus. Und nicht nur das: Es entwickelt sich derzeit auch quasi eine Ostkreis-Produktionskette. Kleinschmidt mahlt historische Getreidesorten – die derzeit noch aus Maulbach kommen – und Bäckermeister Frank Schubert macht in Kirchhain daraus Brot.

„Der Vorteil des Mehls, das zwischen Steinen gemahlen wird, ist, dass es viel flauschiger ist als modern gemahlenes Mehl, das in modernen Mühlen geschnitten wird. Es nimmt Wasser ganz anders auf“, betont er.

Harnisch: Alte Sorten sind auch für Allergiker geeignet

Und Andreas Harnisch, Biolandwirt aus Langenstein – bisher im Neben-, bald aber im Vollerwerb – fügt hinzu, dass Getreidesorten wie Schwarz­emmer, Emmer, Einkorn, Dinkel oder Lichtkornroggen mehr Mineralstoffe und mehr Vitamin E und C enthalten als Getreide, das in den vergangenen 50 Jahren durch Züchtung verändert worden sei. Noch dazu sei es aufgrund einer anderen Glutenzusammensetzung auch für Allergiker geeignet, sagt Schubert: „Es ist nahrhafter und bekömmlicher.“

Hier gibt es das Brot zu kaufen

Das erwähnte Brot gibt es in der Brücker Mühle in Amöneburg und natürlich in der Bäckerei in der Pestalozzistraße 16 in Kirchhain zu kaufen.

Ein Grund für Harnisch, Mitglied des Verbandes Naturland, verschiedene Sorten anzubauen – und künftig auch die Brücker Mühle zu beliefern, die daraus wiederum Mehl macht, aus dem dann in Kirchhain Brot wird. Ohne Zusatz von Chemie, wie Schubert betont. „Deswegen ist unser Brot auch nie gleich.“ Je nachdem, aus welchen Körnern das Mehl stammt, muss auch er die Herstellung von Brot anpassen. Um ein bisschen „Ausprobieren“ komme er dabei nicht umhin, ergänzt der Bäckermeister. „Das ist eben Handwerk beziehungsweise Handwerkskunst“, kommentiert Nau.

Gespräche mit Passanten erwünscht

Für Harnisch sind die „alten Getreidesorten“ auch eine Möglichkeit, den klimatischen Veränderungen entgegenzutreten: „Sie kommen mit weniger aus als Hochleistungsarten. Es ist also einfacher, die Erträge zu sichern. Dieses Jahr verzeichneten Landwirte beispielsweise Ertragsrückgänge um rund 25 Prozent.“

Der Bio-Landwirt hat seine Felder entsprechend ausgezeichnet und freut sich, immer wieder mit Passanten ins Gespräch zu kommen – so wie mit Dipl.-Ing. agr. Sabine Walter, der Partnerin von Thomas Kleinschmidt, die auf die Unterschiede beim Anbau hinweist: Während das Getreide von Harnisch hoch aufschießt, seien die Halme beim konventionellen Anbau inzwischen viel kürzer. Zum einen, weil die Landwirte kaum noch Stroh produzieren wollten. Zum anderen, weil das Getreide so verändert wurde, dass es ertragreicher ist – dann müssten aber auch die Halme kürzer sein, um das höhere Gewicht zu tragen.

von Florian Lerchbacher