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Ostkreis Kampusch: „Er hat mich nie gebrochen“
Landkreis Ostkreis Kampusch: „Er hat mich nie gebrochen“
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16:32 04.05.2018
Natascha Kampusch zeigt während der Lesung ihr Buch. Quelle: Karin Waldhüter
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Stadtallendorf

Natascha Kampusch erhielt am Mittwochabend ernormen Zuspruch. Sämtliche Stühle waren schon besetzt, aber noch immer strömten die Menschen in den Saal. Mehr Stühle wurden herbeigeholt, bis alle etwa 300 Besucher einen Platz hatten.

Nach einem kurzen Smalltalk, bei dem Natascha Kampusch von ihrer Anreise aus Wien mit Flugzeug und Zug berichtete, begann sie direkt, Ausschnitte aus ihrem Bestseller „3.096 Tage“ vorzulesen. 3.096 Tage oder, anders ausgedrückt, achteinhalb Jahre verbrachte Natascha Kampusch in der Gewalt ihres Entführers Wolfgang Priklopil.

Wille zu leben wurde gestählt

Am 23. August 2006 gelang der damals 18-Jährigen die Flucht aus dem im niederösterreichischen Strassdorf liegenden Haus mit dem unterirdischen Verlies. Ja, es fällt nicht immer leicht, Natascha Kampusch zuzuhören, Augen und Herz zu öffnen und den Leidensweg ihre Gefangenschaft in sich aufzunehmen. Doch man lernt in ihren Büchern „3.096 Tage“ und „10 Jahre“, das sie nach der Pause vorstellte, auch eine emanzipierte Frau kennen, deren Wille zu leben auf grausame Weise gestählt wurde.

Priklopil will sie kontrollieren und dressieren. Wie an einer unsichtbaren Leine darf sie sich nie mehr als einen Meter von ihm entfernen. Er will sie unterwerfen, was ihm nie ganz gelingen wird. „Er hat die Angst in mir verankert, dass mich da draußen niemand mehr liebt oder sucht.“ „Seinem Versuch, mich auszulöschen, habe ich widerstanden, er hat mich nie gebrochen.“

Es sind Worte wie diese, die dem Buch sowohl Dramatik als auch Authentizität verleihen. „Wenn ich weinte, drehte er das Licht ab. Brav zu sein hieß, ich sollte dankbar sein.“ Und es sind diese Sätze, die Mitgefühl bei den Besuchern wecken, auch als Natascha Kampusch beim Lesen ins Stocken gerät und die Zeilen verliert. „Meine Hände zittern so, ich bin auf einmal so nervös und weiß gar nicht warum“, entschuldigt sie sich beim Publikum.

Enormer öffentlicher Druck

Der Ton ihrer Bücher ist klar, nüchtern und reflektiert. Nach ihrer Selbstbefreiung wird der öffentliche Druck enorm. Auf die Frage, ob die Polizei damals richtig gehandelt habe, antwortet Kampusch mit Blick auf ihre Erfahrung mit Medien zunächst zurückhaltend: „Das kann ich nicht bewerten.“ In Richtung Entführung habe man nicht ermittelt, was ein fataler Fehler gewesen sei.

Man habe von dem Kastenwagen gewusst und sei auch auf dem Grundstück gewesen, habe aber versäumt, Hunde dorthin mitzunehmen. Auf die Frage, ob sie tagtäglich mit der Situation konfrontiert werde, antwortet sie: „Für mich ist das Ganze Vergangenheit, das Geschehen ist abgeschlossen, das Gefühl der Ohnmacht wird bleiben und das Gefühl, sich normal zu sozialisieren, ist mir genommen worden, das ist nach wie vor ein Defizit.“ „Was sind Ihre Wünsche für die Zukunft“, will Helmut Heyn wissen.

Weitere Bücher geplant

„Freiheit kann man sich auch weiterhin wünschen, Glück, Weisheit und Erkenntnis und die Möglichkeit, anderen zu helfen“, zählt die 30-Jährige auf. Danach gefragt, wie ihr Alltag aussehe, berichtet sie von ihrer eigenen Schmuckkollektion, erzählt, dass sie als Moderatorin eine eigene Talkshow hatte und für ihre Zukunft plane, weitere Bücher zu schreiben, die nicht unbedingt biographisch sein werden. Nach der Lesung nahm sich Natascha Kampusch für jeden Besucher Zeit, der ein persönliches Gespräch suchte und signierte Bücher.

von Karin Waldhüter

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