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Ostkreis Die Tücken eines Nahwärme-Projekts
Landkreis Ostkreis Die Tücken eines Nahwärme-Projekts
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00:18 01.12.2018
Früh dran und spät davon. Dreieinhalb Jahre nach dem versprochenen Termin bekommt das Debus‘sche Haus die Nahwärmeleitung ins Haus gelegt. Quelle: Matthias Mayer
Rauschenberg

Helmut Nau und Markus Semmler traten gleich am Anfang im Januar 2015 der Genossenschaft bei und ­bezahlten ihren Beitrag in Höhe von 3500 Euro. Zum ersten Spatenstich des Nahwärmenetzes wurde ihnen versprochen, dass sie im Mai 2015 an Nahwärmenetz kämen. Fortan bewegte sich besonders Helmut Nau in Sachen Nahwärme nur noch auf den Mühen der Ebenen, um Bertolt Brecht zu zitieren.

Der Termin im Mai 2015 wurde nicht eingehalten. Ebenso wenig der zweite Termin im Herbst 2015. Dann wechselte die Baufirma. Mehrere neue Termine wurde genannt, nichts passierte. Im Spätsommer 2016 wurde endlich vor dem von Markus Nau restaurierten Baudenkmal Debus‘sches Haus die Straße aufgemacht und alsbald wieder zugeschüttet. Es passierte­ nichts mehr in der Altstadt. Das galt auch für 2017. Es wurde wieder gebaut, aber nicht in der Altstadt.

20. August 2018. Es tut sich was in der Marktstraße. Der Asphalt wird weggefräst, die Straße aufgemacht. Der Graben reicht bis an das Debus‘sche Haus, das an der Ecke Marktstraße-Borngasse steht. Alle Anlieger in der Marktstraße bekommen die ­Anschlussleitungen in ihre Häuser gelegt. Helmut Nau schaut wieder in die Röhre. Ende­ ­August wird der Graben wieder geschlossen.

Termine angekündigt und verschoben

Es folgt ein schwer zu ertragendes Chat-Protokoll bis in die ­Gegenwart, das Helmut Nau dieser Zeitung vortrug. Immer wieder werden Termine angekündigt und verschoben. Zur Ehrenrettung der Genossenschaft sei gesagt: Alle Mitglieder des Aufsichtsrats und des Vorstands der Genossenschaft Nahwärme Rauschenberg arbeiten ehrenamtlich, stemmen ein sinnvolles und gewaltig großes Projekt für die ganze Stadt neben ihrem eigentlichen Beruf. Da kann auch mal was daneben gehen. Besonders dann, wenn auch mal im öffentlichen Verkehrsraum gearbeitet werden muss. Aber die Masse machte es schließlich, und ließ bei Helmut Nau das Fass überlaufen.

Ende September wurde der Graben am Debus‘schen Haus wieder geöffnet und eine nicht eingepackte Rohrleitung zum Haus verlegt. Dann passierte wieder vier Wochen lang nichts. Am frühen Morgen des Ortstermins mit dieser Zeitung wurde das Rohr eingepackt – und das Loch in das Haus mit Bauschaum verfüllt. Für Helmut Nau ist das Pfusch am Bau. Der Bauschaum müsse wieder raus und durch wasserfesten Beton ersetzt werden.

Ein großes Ärgernis für den Bauherren: Die Übergabe-Rohre wurden nicht direkt neben einer Tür, sondern mitten vor einem Fenster montiert. „Die Schildbürger haben an ihrem Haus die Fenster vergessen, wir bekommen ein Fenster mit Rohren ­zugebaut“, stellt Helmut Nau resigniert fest.

Die große
 Selbstbedienung

Aus dem Chat geht hervor, dass Helmut Nau die Genossenschaft Ende August darum gebeten hatte, die Zuleitungsarbeiten am Debus‘schen Haus zügig zu vollziehen, weil dafür der abgeschlossene Holzzaun geöffnet werden müsse. Hinter diesem verberge sich das Baumaterial-Depot, dass dann für jedermann zugänglich werde.

Der Wunsch wurde nicht erhört, und die Langfinger langten tüchtig zu. Gestohlen wurden 170 Lehmziegel, fünf Lehmfässer mit fertigem Lehm, vier Speisfässer, 15 Meter Zinkdachrinne, Zinkbleche, drei Baustützen, etwa die Hälfte des mittelalterlichen Sandsteinpflasters und ungezählte Katzenköpfe, die 1,50 Euro das Stück kosten. Ein Nachbar nahm am helllichten Tag einen Zementsack mit und wurde erwischt. „Ich ­wollte Euch nur testen“, bekam ­Helmut Nau zu hören.

Ärger als die Diebstähle traf die Eigentümer des Debus‘schen Hauses der Baustopp im Innere des Gebäudes. Die Wasser- und Heizungsinstallation konnte seit 2015 nicht erfolgen, da es keine verbindlichen Anschlusstermine von der Nahwärme mehr gab. Ohne Heizquelle im Haus wären die Leitungen im Winter zugefroren. Den Mietausfall für das große Gebäude mochte Helmut Nau gar nicht erst schätzen.

Ein Jahr hinter dem Zeitplan

Axel Schmidt, Vorstandsmitglied der Nahwärme Rauschenberg, räumte ein, dass die Situation 2015 „für Helmut Nau und Markus Semmler tatsächlich ­unglücklich und ärgerlich gewesen ist.“ Das Bauvorhaben sei 2015 bis zum Feuerwehrgerätehaus in der Jahnstraße vorgedrungen. Bis zur Marktstraße habe es nicht mehr gereicht, weil die Genossenschaft bis zu diesem Zeitpunkt ihr Soll bei den förderfähigen Hausanschlüssen für 2015 bereits überschritten habe. Darauf habe die Hausbank den Vorstand hingewiesen.

Das Problem: Zu viel gebaute Hausanschlüsse können auch nachträglich nicht mehr gefördert werden, sagte Axel Schmidt. Ein Umstand, der bisher noch nicht öffentlich ­gemacht wurde. Dazu käme das Problem mit der ersten Baufirma. „Die Zeitkalkulation hat nicht mehr gepasst. Wir hängen dem Zeitplan ein Jahr hinterher“, bekannte Axel Schmidt.

„Wir wollen endlich zu Potte kommen“

Er bedauere, dass Helmut Nau mit den akuten Problemen nicht zu den dienstäglichen Baubesprechungen in das Restaurant Venezia gekommen sei. Gleichwohl liege ihm viel daran, dass „die Sache jetzt für alle Zeiten ordentlich abgeschlossen wird.“ Schon heute komme eine Firma, die die so unglücklich platzierten Rohre umschweißen werde. Sollte es sich im Mauerloch tatsächlich um Bauschaum und nicht um Brunnenschaum, der derzeit Stand der Technik sei, handeln, werde auch hier nachgebessert.

Axel Schmidt stellte klar, dass noch kein Haus in der Marktstraße an das Nahwärmenetz angeschlossen sei. Die Leitungen seien noch leer. „Wir wollen endlich zu Potte kommen“, stellte Axel Schmidt klar. Denn nur wenn die Genossenschaft Nahwärme verkauft, kommt auch Geld in die Kasse.

von Matthias Mayer