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Ostkreis Nach 18 Wochen kommt das erste Ei
Landkreis Ostkreis Nach 18 Wochen kommt das erste Ei
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10:02 18.04.2018
Iris Reinkemeier-Kraus und Tobias Kraus (beide 42) betreiben seit 18 Jahren gemeinsam den Geflügelhof Reinkemeier in Anzefahr. Aktuell leben dort 40 000 Hennen und auch einige Hähne. Quelle: Nadine Weigel
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Anzefahr

„Mich gibt‘s nur mit Hof.“ Gut 20 Jahre dürften vergangen sein, seit Reinkemeiers jüngste Tochter Iris ihren Tobias wissen ließ, dass derjenige, der sie einmal heiratet, gleich eine riesige Hühnerschar dazubekommt. „Was soll man da machen, ich war verliebt“, sagt Tobias Kraus und lacht.

Inzwischen kann sich der aus Ginseldorf stammende 42-Jährige kaum mehr ein anderes Leben vorstellen. „Das macht schon Spaß, ich genieße es sehr, mein eigener Herr zu sein“, erklärt der gelernte Industriemechaniker und schmunzelt.

Für seine Frau Iris Reinkemeier-Kraus stand von Kindesbeinen an fest, dass sie den Hof der Eltern einmal übernehmen würde. „Ich habe schon früher viel mitgeholfen, es hat mir einfach Spaß gemacht mit den Hühnern – und das ist noch heute so“, sagt die 42-jährige Agrar-Ingenieurin. Ihre beiden älteren Schwestern Marion und Ulrike schlugen andere Wege ein, die eine wurde Steuerberaterin, die andere Bankkauffrau.

Auf dem Hof Reinkemeier leben aktuell 40 000 Junghennen und 2400 Legehennen. Es gibt sechs Ställe mit insgesamt rund 4100 Quadratmetern Fläche. Auf einen Quadratmeter kommen etwa 16 Hühner. Das gilt jedoch nur für die Hennen, die nach den Regeln konventioneller Landwirtschaft aufgezogen werden. Reinkemeiers halten auch Bioland-Junghennen.

Und denen steht mehr Platz zu. In der Bio-Aufzucht teilen sich maximal 13 Hühner einen Quadratmeter. Außerdem bekommen diese Hennen viel Tageslicht und Frischluft, da in der Biolandhaltung ein Offenstall vorgeschrieben ist. Dort tummeln sich die Hennen tagsüber, picken geschrotete Körner, baden im Sand oder fliegen auf ­eine der vielen Leitern, wo sie sich gern niederlassen.

Mehr Platz und Komfort fürs Tier bedeutet für den Betrieb mehr Aufwand und höhere Kosten – das schlägt sich im Preis für die legereife Henne wieder. Aus Bioland-Aufzucht kostet sie 12,50 Euro, aus konventioneller Haltung ohne Auslauf liegt der Preis bei 8,50 Euro.

Die Reinkemeiers haben sich auf die Aufzucht von Küken spezialisiert. Früher gab‘s eine Brüterei auf dem Hof, inzwischen werden die nur einen Tag alten Küken von Betrieben aus Nordrhein-Westfalen und Bayern angeliefert. „In unserer Branche ist alles spezialisierter geworden. So eine Brüterei bedeutet sehr viel Aufwand“, erklärt Iris Reinkemeier-Kraus.

80 000 Küken wachsen alljährlich in Anzefahr bis zur Legereife auf. „Wir sind voll ausgelastet – mehr geht nicht“, sagt Tobias Kraus, der ungern weitere Ställe bauen will. „Dann bräuchten wir auch wieder mehr Personal.“ Der Familienbetrieb beschäftigt zurzeit zwei Mitarbeiter in Vollzeit und einen Mini-Jobber, „und so, wie es jetzt läuft, läuft es gut“, findet der 42-Jährige.

Reinkemeiers Hennen verbringen etwa viereinhalb Monate ihres Lebens in Anzefahr. Ab der 18. bis 20. Woche sind sie legereif. Und dann ist der Zeitpunkt für den Weiterverkauf gekommen. Kleinere Privathalter aus der Region gehören zu den Kunden, außerdem Direktvermarkter aus ganz Deutschland. Die Kleinkunden holen ihre Hühner selbst ab. In Kartons werden sie per Auto zu ihrem künftigen Stall transportiert. Das trifft etwa auf ein Viertel der Gesamtzahl an verkauften Tieren zu.

Bei größeren Bestellungen liefert Tobias Kraus die Tiere mit dem betriebseigenen Lastwagen aus. Manchmal hat er mehr als 3000 Hennen an Bord. Die Tiere sitzen während der Fahrt dicht aneinandergedrängt jeweils zu mehreren in einer Gitterbox aus Kunststoff.

Der Lkw verfügt über Lüftungsklappen, damit die Frischluftzufuhr sichergestellt werden kann. Kraus ist viel unterwegs, kommt auf eine Jahresleistung von 70 000 Kilometern mit dem Geflügel-Laster. Heute geht‘s nach Ostdeutschland, morgen Richtung Norden.

Kennzahlen

Hühnerhaltung: 20 000 Plätze für Küken und Junghennen in zwei Aufzuchthallen der konventionellen Haltung, 20 500 Plätze in der ökologischen Haltung (mit Offenstall); Legehennen: 2 400 Plätze in der Bodenhaltung (Stall, kein Freiland)
Ackerbau: 27,5 Hektar Ackerland (überwiegend bewirtschaftet durch Lohnunternehmen)
Grünland: 1 Hektar
Stromerzeugung: Photovoltaik auf der überdachten Mistfläche – Hof Reinkemeier deckt damit zwei Drittel seines Eigenbedarfs
Arbeitskräfte: Familienbetrieb mit zwei Vollzeit-Mitarbeitern und einem Mini-Jobber

Iris Reinkemeier-Kraus übernimmt einen Großteil der Büroarbeit – und sie organisiert die Impfungen. Eine Junghenne wird in den viereinhalb Monaten ihrer Aufzucht bis zu 20 Mal gepiekst. Bis zum 10. Lebenstag bekommt jedes Küken drei Impfungen.

„In den eineinhalb Jahren, in denen die Hennen dann bei unseren Kunden Eier legen sollen, müssen sie fit und gesund sein“, erklärt die studierte Landwirtin.

Geimpft werden die Hennen unter anderem gegen die Marek‘sche Krankheit, die Lähmungserscheinungen verursacht. Einen Großteil der Impfungen nehmen die Reinkemeiers selbst vor. Die kleinen Küken bekommen eine winzige Spritze in den Oberschenkel. „Wir arbeiten dann zu dritt, einer fängt, zwei impfen – so schaffen wir in einer Stunde 2000 Küken“, sagt Tobias Kraus.

Bei Reinkemeiers leben die Junghennen in etwa fünf verschiedenen Altersgruppen. Einige Hähne sind auch immer mit dabei, das soll sich positiv aufs Sozialverhalten der Herde auswirken. „Die Hähne halten die Hennen zusammen“, erklärt Iris Reinkemeier-Kraus.

Jeder der Ställe verfügt über zwei „Etagen“. Der höher gelegene Teil sei nötig, „damit die Hennen das Fliegen lernen“, sagt die Landwirtin. Außerdem ziehen sich die Hühner zum Schlafen auf die obere Etage zurück und setzen sich dort auf ihre Stangen. Dieses Verhalten ist evolutionär bedingt. Früher lebten Hühner wild im Wald und übernachteten in den Ästen der Bäume, um vor Fressfeinden ­sicher zu sein. 

Bodenhaltung

Foto: Nadine Weigel

Bei 2400 Legehennen kommen die Reinkemeiers täglich auf etwa 2200 Eier: Hier hockt der 14 Jahre alte Philipp am Sortierband. Aus dem Stall der Legehennen werden die Eier automatisch nach draußen in den Sortierraum befördert. Auf dem Hof in Anzefahr leben die Legehennen in Bodenhaltung. Täglich gibt der Betrieb große Mengen an Eiern an Gastronomiebetriebe und Bäckereien ab. Aber es kommen auch viele Kunden auf den Hof und versorgen sich für ihren privaten Bedarf.

Statistikern zufolge lag der Verbrauch in Deutschland im Jahr 2017 bei durchschnittlich rund 230 Eiern pro Kopf. Mit rund 61 Prozent der Haushaltskäufe in Deutschland erstehen die Verbraucher ihre­ Eier am häufigsten aus Bodenhaltung. Danach folgen die Freilandhaltung mit rund 24 Prozent, die ökologische Erzeugung mit rund Prozent und die Haltung in Käfigen mit rund 2 Prozent. ­Diese Zahlen legt das Bundeslandwirtschafts-Ministerium vor.

Der Einkauf von Eiern aus ökologischer Erzeugung sei gewachsen, Einkauf von Eiern aus Käfigen zurückgegangen. Seit dem 1. Januar 2010 ist es in Deutschland verboten, Hennen in Legebatterien zu halten – erlaubt sind seitdem noch Kleingruppenkäfige. Ab 2025 ist auch damit Schluss, die Käfighaltung wird vollständig abgeschafft. Laut der Tierschutzorganisation Albert-Schweitzer-Stiftung leben noch 8,31 Prozent aller Legehennen in Käfighaltung. Der größte Anteil davon werde in Betrieben mit mindestens 200 000 Hennen gehalten.

Die Fütterung der 40 000 Junghennen und 2400 Legehennen läuft weitgehend automatisiert. Die Tiere brauchen täglich bis zu fünf Tonnen Schrot. Das ist grob gemahlenes Getreide. Einen Teil davon bauen die Reinkemeiers selbst an, einen Teil kaufen sie.

Von großen Silos gelangt das Futter in ein Rohrsystem, das in den Ställen endet. Für die Küken streuen die Reinkemeiers zusätzlich geschrotete Körner auf Wellpappe. „Das knistert, das ist interessant – da fangen die Küken ganz selbstverständlich mit dem Picken an“, sagt Iris Reinkemeier-Kraus.

Bei den Reinkemeiers sieht es so aus, als würde der Hof auch noch in der nächsten Generation weiterbestehen. Wie schon ihre Mutter Iris wollen auch die Kinder Anna (12 Jahre) und Philipp (14 Jahre) den Betrieb gern einmal übernehmen. „Ja, da hätte ich Lust drauf“, sagt Anna. Und Philipp erzählt, wie gern er auf dem Land lebt: „Ich werde jeden Morgen vom Krähen der Hähne geweckt. Hier gibt‘s viel Platz und Freiheit, mit dem Fahrrad oder der Bahn komme ich überall hin. Ich könnte mir einfach nicht vorstellen, in einer kleinen Wohnung in der Stadt zu leben“, sagt der 14-Jährige und lächelt.

Tochter Anna (12 Jahre) hält drei der erst wenige Tagen alten Küken in den Händen. Foto: Nadine Weigel

Dass es mit seinem Hof weitergeht, macht den Senior Hubert Reinkemeier glücklich. Der 83-Jährige und seine 77-jährige Ehefrau Maria haben sich weitgehend aus dem Betrieb zurückgezogen. Vor acht Jahren ging der Hof auf Tochter und Schwiegersohn über. Doch ist Hubert Reinkemeier noch immer gefragt, wenn Kunden vorbeikommen, die er teils seit Jahrzehnten kennt.

Zitat

„Wenn man den Kindern etwas Gescheites hinterlässt, dann wollen sie es auch haben.“
Hubert Reinkemeier, Gründer des Geflügelhofs

Der 83-Jährige freut sich, wenn sie auf ein Schwätzchen bei ihm reinschauen. „Ich bin stolz auf unseren Hof, auf die Existenz, die wir uns aufgebaut haben“, sagt der Landwirt, der das Unternehmen 1960 gemeinsam mit seiner Frau gründete. Unverkennbar, dass Reinkemeier kein Hesse ist. Er stellt kein „gelle“ ans Satzende, sondern ein „nich“.

Für das Ehepaar, das aus Westfalen stammt, war der Umzug nach Hessen ein großer Schritt. Die beiden verdienten ihren Lebensunterhalt schon damals mit der Junghennen-Aufzucht, verkauften außerdem Ferkel und hatten sich im Marburger Land einen Kundenstamm aufgebaut. So kam die Überlegung, sich dort niederzulassen. „Es sollte ein katholisches Dorf sein, weil wir selbst Katholiken sind – wir wollten, dass die Kinder es leicht haben. Und einen Bahnhof sollte es geben“, erklärt der 83-Jährige, wie die Wahl damals auf Anzefahr fiel.

Mitten auf der grünen Wiese und etwas abseits vom Dorf entstanden vor mehr als 50 Jahren erst die Scheune und dann das Wohnhaus. Nach und nach folgten die Ställe.
Es ist noch immer ein Ort, der den Reinkemeiers Zukunft bietet. „Wenn man den Kindern etwas Gescheites hinterlässt, dann wollen sie es auch haben, nich“, sagt Hubert Reinkemeier und lächelt verschmitzt.

von Carina Becker-Werner

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