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Möbelhaus schließt zur Jahresmitte

"die Einrichtung" Stadtallendorf Möbelhaus schließt zur Jahresmitte

Seit gut 40 Jahren ist Erwin Marterer in der Möbelbranche tätig, vor 16 Jahren eröffnete er „die Einrichtung“ in Stadtallendorf. Ende Juni ist jedoch Schluss – Schuld daran trage auch das Internet.

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Erwin Marterer wird sein Möbelhaus „die Einrichtung“ in Stadtallendorf zum 30. Juni schließen. Denkbar sei, das Haus in Wohnungen umzuwandeln.

Quelle: Andreas Schmidt

Stadtallendorf. Mit der Schließung des Möbelhauses endet in Stadtallendorf eine Tradition. Schon seit der Nachkriegszeit gab es immer ein Möbelhaus in Stadtallendorf: Vorgänger von „die Einrichtung“ war die Firma „Möbel Fertig“, die schon kurz nach dem Krieg in einem ehemaligen Bunker gegründet worden sei. Ende der 80er hatte der Firmengründer das Haus dann an eine Mitarbeiterin verkauft – und die neue Inhaberfamilie baute dann 1996/97 den aktuellen Standort. „Zwischen 1989 und 1995 war durch den Mauerfall eine goldene Zeit auch für die Möbelbranche“, sagt Erwin Marterer. Allerdings „halten solche Booms nicht ewig“, weiß er.

Marterer selbst ist seit Anfang­ der 70er-Jahre in der Branche­ tätig. Zum Schluss war er ­Geschäftsführer bei „Möbel ­Unger“ in Kassel – das Unternehmen wurde an die Metro-Gruppe verkauft „und dann recht schnell geschlossen“, erinnert sich Marterer.

Mit namhaften Marken bekannt geworden

Durch den Einzelhandelsverband in Marburg bekam er ­Informationen von dem Objekt in Stadtallendorf, das verkauft werden sollte. Marterer erstellte­ ein Konzept, das die Banken überzeugte – und so wagte er mit seiner damals rund 30-jährigen Erfahrung den Sprung in die Selbstständigkeit.

Mit seinem Möbelhaus habe­ er sich bewusst an „eine ­gehobene Mittelklasse“ gerichtet, „mit teilweise bis ins High-End gehender Qualität“. Denn für Erwin ­
Marterer war damals klar: „Es gibt hier in der Region einen ­hohen Anteil an Eigentum, also Eigenheimen. Und diese Leute richten sich gerne qualitativ so ein, dass das Möbel am liebsten lebenslänglich hält.“

Die Situation sei damals so gewesen, dass es die großflächigen Märkte gegeben habe, „die alles hatten. Hinzu kamen die Billigmärkte – und in Städten die sogenannten Edelmärkte mit kleinen Flächen und hochwertigen Marken“, erinnert sich Marterer. Mit seinem eigenen Haus habe er die Lücke dazwischen schließen wollen: Bewusst ­
entschied sich Marterer dafür, ­renommierte Marken wie Hülsta oder Rolf Benz ebenso, wie ­Willi Schillig oder Calligaris. ­„Also qualitativ bessere Möbel zu einem bezahlbaren Preis“, fasst er zusammen.

„Ich bin immer noch mit Herzblut bei der Sache“

Mit den Marken habe man ­eine gewisse Aufmerksamkeit auf sich ziehen können – „es ­kamen nicht nur Leute direkt von hier, sondern auch aus weiterer Entfernung. Wir wollten das Einzugsgebiet erweitern – was uns auch gelungen ist“, sagt Marterer.

Im April wird Marterer 67 Jahre alt, „die Rente habe ich also bereits erreicht“, sagt er lachend. Die Gesundheit sei auch nicht mehr die Beste, „als Unternehmensgründer und Selbstständiger habe ich jahrelang auf ­Urlaub verzichtet, damit der ­Laden brummt – das bleibt auch in den Knochen stecken“, sagt Marterer. Dennoch mache ihm seine Arbeit immer noch viel Spaß, „und ich bin immer noch mit Herzblut bei der Sache“.

Doch werde er das Möbelhaus Ende Juni schließen. Von seinen drei Kindern habe keines das Haus übernehmen wollen. Zwar sei ein Mitarbeiter zunächst interessiert gewesen – habe dann aber aufgrund des Risikos doch abgelehnt.

Möbelbranche leidet unter "Beratungsdiebstahl"

Woher kommt das Risiko? „Zum Teil auch durch das Internet“, sagt Marterer. Seit 2010 spiele dies im Handel eine große Rolle – und Zahlen des Bundesverbands E-Commerce und Versandhandel belegen, dass im vergangenen Jahr der Internethandel bei Möbeln, Lampen und Dekorationsartikeln mit 33,9 Prozent besonders ­hohe Zuwächse verzeichnete.

Ermöglicht werde dies auch durch die Industrie, „die keine Vertriebskanäle steuert und ­alles zulässt“. Der Versandhandel – und nichts anderes sei auch der Online-Handel – habe­ schon früher Möbel verkauft. „Mit dem Unterschied, dass heute namentlich bezeichnete­ Markenprodukte auch genauso angeboten werden – früher waren die Möbel von Versendern im stationären Handel nicht verfügbar.“ Dies führe dazu, dass auch die Möbelbranche unter „Beratungsdiebstahl“ leide – heißt: Kunden lassen sich im Fachhandel beraten und kaufen dann im Netz.

Möbelhaus könnte zu Wohnraum werden

Und wie soll es mit der Immobilie weitergehen? „Wenn das Handelsgeschäft nur noch mit sehr viel Mühe ertragreich ist, dann muss man die Frage stellen, welche Nutzungsmöglichkeiten sich sonst anbieten“, sagt Erwin Marterer. Die Bausubs­tanz des 20 Jahre alten Hauses sei hervorragend – daher schwebt Marterer eine Wohnraumnutzung vor. Die Vorteile­ zählt er auf: „Beste Lage, trotz der Nähe der Bahnschienen ­eine relative Ruhe und eine exzellente Infrastruktur – von Einkaufsmöglichkeiten über Fachärzte und das Hallenbad, die alle fußläufig zu erreichen sind.“

Allerdings müsse dazu der Flächennutzungsplan geändert werden, denn der sehe an der Stelle des jetzigen Möbelhauses auch nur ein Möbelhaus vor. Mit der Stadt habe Marterer bereits Verbindung aufgenommen. Insgesamt könnten 20 neue Wohnungen entstehen – das Haus verfügt auf zwei Etagen über insgesamt 2 400 Quadratmeter Fläche.

von Andreas Schmidt

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