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Mit Speiseaufzug ins Schlaraffenland

Prozess vor dem Kirchhainer Amtsgericht Mit Speiseaufzug ins Schlaraffenland

Die landläufige Meinung vom straffen Leben hinter Kasernentoren wurden bei einem Prozess vor dem Kirchhainer Amtsgericht auf den Kopf gestellt.

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Auf ganz spezielle Art und Weise ließen es sich drei Soldaten in der Stadtallendorfer Herrenwaldkaserne gutgehen.

Quelle: Tobias Hirsch

Kirchhain. Die Staatsanwältin rang nach der Beweisaufnahme um Fassung.

Sie hatte von Soldaten gehört, die nicht in ihren Stuben sondern auf den Sofas im Aufenthaltsraum des Unteroffiziersheims der Stadtallendorfer Herrenwald-Kaserne nächtigten, die dort ungehindert nächtliche Partys feierten und das, was sie dazu an Trink- und Essbaren brauchten, kurzerhand aus der Mannschaftskantine klauten. Und sie hörte von Kasernen-Schlüsseln, die verschwanden, ohne dass dies jemanden gekümmert hätte.

„So was gibt‘s nur bei der Bundeswehr. Da wird alles geklaut, was nicht niet- und nagelfest ist“, sagte die Staatsanwältin. Und der militärisch noch zu DDR-Zeiten von der NVA sozialisierte Verteidiger des Hauptangeklagten bekannte, solche Zustände „bei der Armee“ nicht erlebt zu haben. O tempora, o mores.

Vor Amtsgerichtsdirektor Edgar Krug mussten sich drei nicht vorbestrafte Soldaten der Stadtallendorfer Herrenwaldkaserne wegen fünf gemeinschaftlicher Diebstähle in besonders schweren Fällen verantworten: Ein 25-jähriger Bauhelfer aus Eisleben, verheiratet und Vater von zwei neun und zwei Jahre alten Kindern, ein 24-jähriger Student des Bauingenieurwesens aus Bochum und ein 23-jähriger Paketzusteller aus Leinefelde-Worbis.

Was war geschehen? Die voll geständigen Soldaten arbeiteten im Frühjahr 2010 für den Ordonnanz-Dienst im UnterOffiziersheim. Trotz mitunter langer Dienstzeit hatte das Trio noch genügend Energie für nächtliche Partys. Was die Soldaten dazu brauchten, gab‘s ein Stockwerk tiefer: In der während der Nachtstunden gut verschlossenen Mannschaftskantine.

Aber die feierfreudigen Soldaten finden ein Schlupfloch: Ein Speiseaufzug verbindet die Küche des Unteroffiziersheim mit der Kantine. Fassungsvermögen. Vier Kisten Bier oder ein schlanker und gelenkiger Soldat unter 1,80 Meter. Der Kamerad aus der Lutherstadt Eisleben hat diese Statur.

Er steigt in den frühen Morgenstunden des 19. März 2010 zum ersten Mal in die enge Behausung. Der Bochumer Ingenieursanwärter bedient sachkundig den Aufzugsknopf und schickt seinen Kumpel auf die kurze Reise ins Schlaraffenland. Dort steigt der Bauhelfer aus und lässt über eine Seitentür seine Kollegen in die Kantine.

Die mehrfach geplünderte Wechselgeld-Kasse und die bedenklichen Lücken im Spirituosenregal bleiben natürlich nicht unbemerkt. Der Sohn des Wirtsehepaars geht der Sache auf den Grund und legt sich nachts auf die Lauer. In der Nacht zum 24. Juni läuft ihm der Eislebener in die Arme. An den Händen trägt er Einmalhandschuhe.

Der Soldat und seine Mittäter gestehen gegenüber den Wirtsleuten die Diebstähle und unterschreiben eine Schuldanerkenntnis über 5.500 Euro.

„Was wir gemacht haben, war absolute Scheiße. Ich werde nicht mehr vor Gericht auftauchen – höchstens als Zeuge“, versprach der Eislebener, der seine vierköpfige Familie mit 1 200 Euro im Monat über die Runden bringen muss. Mit Rücksicht auf die wirtschaftliche Situation beschränkte sich Edgar Krug auf eine zehnmonatige Freiheitsstrafe, die er für drei Jahre zur Bewährung aussetzte.

Er bewegte sich damit in der Mitte der Strafanträge von Staatsanwaltschaft und Verteidigung.Die beiden jüngeren Angeklagten, die kein Geld genommen hatten, kamen für ihre Vergehen „hart an der Grenze zum Dummejungenstreich“ mit Geldstrafen davon: 180 Tagessätze à zehn Euro für den Bochumer und à 30 Euro für den Leinefelder.

von Matthias Mayer

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