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Mit 13 Jahren freiwillig nach Auschwitz

Amöneburg Mit 13 Jahren freiwillig nach Auschwitz

Gisela Spier-Cohen, die letzte Zeitzeugin des hessischen Landjudentums, berichtete Stiftsschülern von ihren Erlebnissen im Dritten Reich.

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Interessiert und mucksmäuschenstill lauschten die Stiftsschüler dem Erzählungen von Gisela Spier-Cohen. Die 79-Jährige überlebte als einzige ihrer Familie den Holocaust.

Quelle: Tobias Hirsch

Amöneburg. Es war zwei Wochen vor ihrem neunten Geburtstag, als SA-Männer aus Neustadt nach Momberg marschierten, die Synagoge zerstörten und an ihrem Elternhaus die Fensterscheiben einschlugen. „Als der erste Stein durchs Fenster flog, sind meine Eltern und mein Bruder in Nachthemden über die Felder zu meiner Tante geflüchtet“, erzählt Spier-Cohen. Sie selbst übernachtete bei einer Freundin der Familie – „in einem christlichen Haus“. Ihre Mutter hatte sie in dieser Novembernacht vorsorglich ausquartiert. Ein Freund des Vaters hatte die jüdische Familie vorgewarnt.

71 Jahre ist das jetzt her. Die Bilder dieser Zerstörungswut sind der heute 79-Jährigen noch deutlich in Erinnerung. Diese hat sie ebenso wenig vergessen wie das Versprechen, was sie und eine Freundin sich gaben, als sie 1945 aus einem Lager in Nordhausen befreit wurden: „Wenn wir das überleben, müssen wir der Welt davon erzählen“. Die Familie Spier lebte in Momberg. mütterlicherseits war die Familie in Amöneburg verwurzelt. Deutsch war ihre Muttersprache – und Goethe und Schiller waren ihre Dichter. Gisela Spier-Cohens Vater war ein Veteran des Ersten Weltkriegs, Träger des Eisernen Kreuzes und Gemeindevertreter von Momberg. Siegfried hieß er. „Ein guter deutscher Name“, wie Spier-Cohen betont. Seine Brüder sind beide im Ersten Weltkrieg gefallen. „Das hat unsere Familie deutsch gemacht!“. Siegfried Spier machte sich nichts aus den Nazis. „Das wird schon vorüber gehen“, habe er immer gesagt. „Er hat das gerne geglaubt“, sagt Spier-Cohen. Sie sah ihren Vater zum letzten Mal am 8. September 1942. Er stand auf der Ladefläche eines Lastwagens in Auschwitz – mit einem verständnislosen Ausdruck im Gesicht.

von Tobias Hirsch

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