Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis Missbrauchsopfer: Enttäuscht, ernüchtert und frustriert
Landkreis Ostkreis Missbrauchsopfer: Enttäuscht, ernüchtert und frustriert
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:32 06.07.2012
Amöneburg

 Hinter ihnen liegen Jahre mit dunklen und quälenden Erinnerungen, aber auch mit enttäuschten Hoffnungen, Ernüchterung und Frustration. Die beiden Frauen, heute 32 und 36 Jahre alt, waren in den 90er Jahren durch zwei damalige Lehrer der Stiftsschule missbraucht oder sexuell belästigt worden. Erstmals äußerten sie sich im direkten Gespräch mit der OP dazu, wie das Bistum Fulda und die Leitung der  Stiftsschule mit ihnen in der jüngsten Vergangenheit umgingen. Bisher standen sie nur indirekt mit dieser Zeitung in Kontakt, um ihre Anonymität zu wahren.
Dass sie nun dennoch reden wollen, hängt mit ihren Erfahrungen der vergangenen Monate zusammen. Sie fühlen sich weder vom Bistum Fulda als Schulträger noch von der Schulleitung wirklich ernstgenommen. Ihre Enttäuschung ist gewachsen, so berichten sie übereinstimmend.
Im Februar, mehr als anderthalb  Jahre nach den Aussagen der Frauen, veröffentlichte das Bistum den Abschlussbericht einer eingesetzten Kommission. Als Konsequenz aus den damaligen Ereignissen regte die Kommission eine Entschuldigung durch die Stiftsschule an. Außerdem sollte den Frauen dabei  geholfen werden, materielle Hilfe von der Deutschen Bischofskonferenz zu erhalten, als „symbolische Geste der Heilung“, wie es seinerzeit in der Mitteilung des Bistums hieß.

Vom Bistum nicht ernst genommen

Auf die Entschuldigung, wie angekündigt von Schulleiter Hans-Georg Lang geschrieben,  musste zumindest die 36 Jahre alte Frau übermäßig lange warten. Sie erfuhr von einer Entschuldigung bei der anderen betroffenen Frau. In ihrem Briefkasten fand sich zunächst nichts. In einem Elternbrief der Schule war zu diesem Zeitpunkt ebenfalls nur von einem Missbrauchsfall die Rede. Die betroffene Frau fühlte sich wieder missachtet. Erst eine Intervention, unter anderem von Inge Hauschildt-Schön, einer früheren Stiftsschullehrerin, brachte die Klärung und den Entschuldigungsbrief.
Vom Bistum Fulda haben beide Frauen bis zum heutigen Tage nichts mehr gehört. Direkte Hilfsangebote gab es nicht. Im Falle von Stephan Hoffmann, der am früheren Internat der Schule in den 1970er Jahren zum Missbrauchsopfer wurde, hatte das Bistum den Kontakt selbst gehalten (diese Zeitung berichtete im September 2011).
Keiner der beiden Frauen geht es dabei um Entschädigungszahlungen an sich, vielmehr fühlen sie sich ein weiteres Mal vom Bistum nicht ernstgenommen. „Von Anne Schmitz, der Missbrauchsbeauftragten, habe ich während die Kommission tagte, nur zwei Anrufe erhalten. Beide Male bat sie mich, dass ich eine Erklärung unterschreibe, dass ich das Bistum nicht verklage“, sagt die heute 36-Jährige. Sie hatte sich stets darum bemüht, dass ihre Anonymität vom Bistum gewahrt bleibt. Ohne ihre Einwilligung gab das Bistum ihre Unterlagen aber 2010 an die Polizei weiter (die OP berichtete). Ihre Leidensgenossin ist es „müde geworden, mich weiterhin damit auseinanderzusetzen“, räumt sie ein. Doch beide wollen, dass ihre Geschichte weitererzählt wird – auch als Mahnung gegen ein allzu schnelles Schließen ihrer Akten, so geben sie zu verstehen. Was die 32-Jährige nach wie vor beschäftigt, ist, dass die beiden ehemaligen Lehrer auf keiner Ebene belangt wurden. Juristisch sind ihre Taten verjährt, kirchenrechtlich sahen die eingesetzte Kommission und das Bistum keinen Handlungsbedarf. Doch wie reagiert das Bistum selbst auf die heutige Situation der Frauen und ihre Anliegen? „Das Bistum Fulda als Schulträger würde sich freuen, wenn sich die betroffenen Frauen direkt mit uns in Verbindung setzen würden, damit wir ihnen bei einer Antragstellung behilflich sein können“, erklärte Bistumssprecher Christof Ohnesorge auf Anfrage dieser Zeitung.  Der Sprecher des Bistums verwies die OP außerdem für weitere Auskünfte an Schulleiter Lang. Auch Lang empfiehlt den Frauen zunächst, sich noch einmal selbst mit dem Bistum in Verbindung zu setzen, grade auch im Hinblick auf mögliche Entschädigungen aus dem Fonds der Deutschen Bischofskonferenz. „Wenn es bei den Frauen Hemmungen gibt, bin ich immer bereit, als Vermittler zum Bistum aufzutreten und sie zu unterstützen, wenn sie sich an mich wenden“, sagt Lang. Ob die Frauen den Weg gehen werden, den Bistum und Schulleiter vorschlagen, ist ungewiss. Denn nunmehr kommen sie sich abermals wie „Bittstellerinnen“ vor. „Wir haben zu keinem Zeitpunkt irgendwelche Hilfe angeboten bekommen“, sagt eine der Frauen.
Beide Frauen haben den Abschlussbericht der Kommission nie gesehen. Das Bistum hatte die Veröffentlichung seinerzeit mit der Begründung abgelehnt, dass Persönlichkeitsrechte dadurch verletzt werden könnten. „Für mich wäre es aber schon gut zu wissen, was die Kommission eigentlich ermittelt hat, zumindest, was meine Person angeht“,sagt die 36-Jährige.

Aufruf: Sexuelle Übergriffe melden

Beide Frauen fordern das Bistum darum dazu auf, ihnen die Unterlagen zugänglich zu machen, unter Umständen auch in Auszügen.  Auf Anfrage dieser Zeitung erklärte das Bistum Fulda dazu erneut, dass eine Herausgabe des Kommissionsberichts zum Schutz der Persönlichkeitsrechte aller Beteiligten nicht möglich sei.
Abgeschlossen hat  keine der Frauen mit ihren Erlebnissen der Vergangenheit. Beide stehen mit Inge Hauschildt-Schön weiter in Kontakt, die sie bis heute unterstützt. Hauschildt-Schön kritisiert die Vorgänge nach dem Ende der Kommissions-Arbeit mit deutlichen Worten: „Wenn wir uns nicht öffentlich geäußert hätten, wäre überhaupt nichts passiert. Was jetzt geschehen ist zeigt, dass sich nichts geändert hat“, ist sie überzeugt. Das Bistum hätte scheinbar nichts hinzugelernt.
Was raten die beiden Frauen Schülern in der Gegenwart, die in vergleichbare  Situationen kommen wie sie vor inzwischen mehr als 17 Jahren? Beide müssen im Gespräch einen Moment überlegen, aber beide vertreten denselben Standpunkt: Betroffene sollten sich in jedem Falle überwinden und Übergriffe oder sexuelle Belästigungen melden. „Keiner sollte sich kleinkriegen lassen“, betont die 36-Jährige. Dabei rät sie auch dazu, dass sich Opfer Hilfe holen, auch vor einem Gang zur Polizei. Als Beispiel für eine Hilfsmöglichkeit nennt sie den Verein „Wildwasser“.

Anzeige