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Leisere Produktion beruhigt Gemüter

Leiharbeiter aus Polen Leisere Produktion beruhigt Gemüter

Wenn eine Ortsbeiratssitzung zu einer kleinen Bürgerversammlung wird, muss es um ein brisantes Thema gehen. Die Tagesordnung des Ortsbeirats Wohra ließ das am Donnerstagabend nicht vermuten.

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Von September bis Dezember können in der ehemaligen Wohraer Molkerei wieder polnische Leiharbeiter wohnen – sofern die Gemeindevertretung am 11. September zustimmt. Foto: Mayer

Wohra. „Antrag der Firma KomPack GmbH und Co KG auf Umnutzung eines Wohn- und Bürogebäudes sowie eines Betriebsgebäudes in eine Unterkunft für Zeitarbeiter in einem befristeten Zeitraum von September bis Dezember“, lautete in korrektem Amtsdeutsch der einzige Tagesordnungspunkt, der knapp 50 Bürgerinnen und Bürger in die Räume des Unternehmens in der ehemaligen Molkerei gezogen hatte. Die Wiederbelebung der alten Molkerei wird von Wohras Bürgern begrüßt, wie Ortsvorsteherin Hannelore Keding-Groll eingangs betonte. Mit den Folgen der Wiederbelebung durch das junge Unternehmen der Backwaren- und Verpackungsbranche hatten aber einige Anwohner ein Problem, wie der Abend zeigen sollte.

Bürgermeister Peter Hartmann (parteilos) erläuterte den Hintergrund der Zusammenkunft. Schon im Vorjahr habe das Unternehmen im Herbst 2011 rund 50 Leiharbeiter aus Polen in Wohra beschäftigt und diese in dem Firmengebäude untergebracht. Diese Nutzung zu Wohnzwecken sei dann durch das Kreisbauamt wegen brandschutzrechtlicher Bedenken untersagt worden. Die Firma habe inzwischen einen Bauantrag gestellt, der vom Kreisbauamt noch nicht genehmigt sei. Das Bauamt habe nach Erfüllung der Brandschutz-Auflagen die zeitweise Aussetzung des Nutzungsverbotes signalisiert, sollte die Gemeinde dem Antrag des Unternehmens zustimmen.

Die Firma ist aufSaisonarbeiter angewiesen

Geschäftsführer Wolfgang Schratz erklärte den Besuchern, dass die Firma im Herbst zum Abfangen von Auftragsspitzen auf Leiharbeiter angewiesen sei. Ungelernte Leiharbeiter seien in der Region praktisch nicht zu bekommen, begründete Schratz die Abhängigkeit des Unternehmens von den polnischen Leiharbeitern und die Notwendigkeit, diese in Wohra unterzubringen.

Die Firma beschäftigte an ihrem Hauptsitz in Hachborn und in Wohra zusammen 20 festangestellte Mitarbeiter und erwirtschafte derzeit einen Jahresumsatz von 4 Millionen Euro. In Wohra würden keine Feinbackwaren erstellt, sondern tiefgefroren angelieferte Kuchen und Muffins veredelt, verpackt und konfektioniert. Abnehmer der Produkte seien die Branchenriesen Aldi, Penny und Rewe. In die vor zwei Jahren erworbene Molkerei habe das Unternehmen knapp eine Million Euro investiert. Gearbeitet werde einschichtig, in Spitzenzeiten auch im Zwei-Schicht-Betrieb zwischen 6 und 22 Uhr, wobei auch die polnischen Leiharbeiter krankenversichert und nach den Bestimmungen des Tarifvertrags (7,89 Euro, ab dem 1. November 8,01 Euro) bezahlt würden, nannte der Geschäftsführer die wichtigsten Kennzahlen.

Einige Anlieger klagten über Lärmbelastung - zum Teil hervorgerufen durch die 50 Saisonarbeiter, die im Vorjahr „um 4 Uhr früh mit Kleinbussen vorfuhren“ oder nach Feierabend „Spektakel machten“, zum Teil hervorgerufen durch nachts vor dem Gelände mit laufenden Aggregat parkende Kühllaster und durch ein auf dem Firmenhof platziertes Kühlaggregat. Der Disponent versicherte, dass keine Kühllaster nachts mehr vor dem Firmensitz parkten und die Geschäftsleitung ergänzte, dass die Kühlung ins Gebäude verlegt worden sei. Ein Anwohner erklärte, dass der Produktionsbetrieb heute praktisch nicht mehr hörbar sei.

Gemeindevorstand und Ortsbeirat sagen ja

Im feste Willen, das Unternehmen in Wohra zu halten, stimmten der Ortsbeirat und am späten Abend auch der Gemeindevorstand dem Antrag zu. Um dem Unternehmen zeitlich entgegenzukommen, verlegte der Gemeindevorstand die nächste Sitzung des Gemeindeparlaments auf dem 11. September vor.

Die Gemeindevertreter werden sich dann auch mit einer Änderung des Bebauungsplans befassen. In dem öffentlichen Verfahren solle eine temporärer Wohnnutzung in dem Gewerbegebiet erlaubt werden, erklärte Bürgermeister Peter Hartmann gegenüber der OP. Eine Baugenehmigung allein verschaffe der Firma keinerlei Rechtssicherheit, denn diese könne wegen des derzeit gültigen Bebauungsplans beklagt werden.

von Matthias Mayer

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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