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Leben wie auf der Startbahn West

Bürgerversammlung Leben wie auf der Startbahn West

Mann muss nicht gleich prärevolutionäre Zustände ausrufen, wenn über geplante Windräder vor der eigenen Haustür informier und diskutiert wird. Das zeigte die Bürgerversammlung in Emsdorf.

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Auch Bürgerinnen und Bürger aus den Nachbarorten informierten sich in Emsdorf. Foto: Mayer

Emsdorf. Die Veranstaltung, zu der Kirchhains Stadtverordnetenvorsteher Willibald Preis am Donnerstagabend ins Emsdorfer Dorfgemeinschaftshaus eingeladen hatte, blieb im Rahmen mitteleuropäischer Umgangsformen, auch wenn die eine oder andere hitzige Bemerkung fiel.

Das Interesse war groß, das Dorfgemeinschaftshaus vollbesetzt und die Ortsbeiräte der von den Kirchhainer Windkraft-Plänen betroffenen Orte Emsdorf, Langenstein, Burgholz, Sindersfeld und Erksdorf zum Teil vollzählig erschienen.

Bürgermeister Jochen Kirchner (parteilos), Bauamtsleiter Volker Dornseif und zwei Vertreter des von der Stadt beauftragten Planungsbüros AboWind erläuterten die wichtigsten Kennzahlen des Projekts. Die Stadt möchte, wie die OP mehrfach berichtete, Vorrangflächen für die Windkraft auf städtischen Grund ausweisen um so gleichzeitig den Bau von Windkraftanlagen an anderer Stelle zu verhindern.

Diese Vorrangflächen befinden sich nördlich von Sindersfeld im Wald, südlich von Emsdorf und im Langensteiner Forst. Vertraglich vereinbart ist mit der Firma AboWind der Bau von sieben Windrädern des Typs Nordex 117. Diese Windräder haben einen Rotor-Durchmesser von 117 Metern und sollen zusammen Strom für 12000 Haushalte produzieren. Bei Sindersfeld sollen zwei Windräder gebaut werden, im Langensteiner Forst zwei und südlich von Emsdorf drei. Die Anlagen im Langensteiner Forst haben einen Abstand von 1200 Metern zu Langenstein und von je drei Kilometern zu Emsdorf und Burgholz. Zwischen den Emsdorfer Windrädern und dem Ortsrand liegen 1000 Meter, nach Erksdorf sind es 1200 Meter.

Warum Windräder in Emsdorf und Sindersfeld und nicht anderswo? Jochen Kirchner begründete die Standortauswahl mit den wichtigsten Kriterien für den Bau solcher Anlagen: Ausreichend Wind und ein Mindestabstand von 1000 Metern zur Bebauungsgrenze und von 500 Metern zu einzelnen Häusern.

Bis zu 17 Windräder möglich - aber nur in der Theorie

Erstmals richtig Unruhe kam im Saal auf, als Fotomontagen von der Emsdorfer Skyline mit den Windrädern gezeigt wurden und als sich der Burgholzer Ortsvorsteher nach der tatsächlichen Ausdehnung der Vorranggebiete und deren Maximal-Kapazität erkundigte. Statt der jetzt geplanten 7 Windräder seien theoretisch 17 Windräder möglich, aber diese Zahl sei völlig unrealistisch, erklärte Volker Dornseif. Denkbar wären zusammen zwölf Anlagen, denn am Standort Emsdorf ließen sich fünf weitere Windräder realisieren.

Diese denkbare Perspektive sorgte im Emsdorfer und Erksdorfer Lager für keine Freude. Ein Ehepaar, das südöstlich von Emsdorf einen Aussiedlerhof bewirtschaftet, klagte über deutliche Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität durch den großen Erksdorfer Windpark. Die Dauerbeschallung durch die Maschinen und die Blinklichter gäben ihnen jetzt schon das Gefühl, auf der Startbahn West zu leben, sagte die Eheleute, deren Anwesen künftig von Windrädern umgeben sein wird. Ähnlich äußerte sich die Erksdorfer Ortsbeirätin Ilona Pohl. „Wir sind in Erksdorf die Gelackmeierten. Wir sehen die 19 Anlagen nicht nur, wir hören sie auch. Wegen der Hauptwindrichtung werden wir auch die Emsdorfer Windräder hören“, sagte sie und bat die Stadt Kirchhain, vielleicht doch im Stadtgebiet einen anderen Standort zu suchen.

„Ich kann die Erksdorfer verstehen“, sagte Jochen Kirchner angesichts der geballten Ansammlung von 19 Windrädern zwischen dem Krückeberg und Erksdorf. „Die Stadt Stadtallendorf hat bei der Windkraft einiges verschlafen“, hielt Kirchner den politisch Verantwortlichen vor. Die Situation bei Erksdorf werde sich noch verschärfen, weil dort sechs weitere Anlagen geplant seien. Gemessen an diesem Volumen fielen die drei Emsdorfer Windräder nicht ins Gewicht. Gleichwohl sei die Stadt bereit, den Emsdorfer Standort aufzugeben, wenn sie im Gegenzug von Stadtallendorf Standflächen für ihre Windräder in einem Stadtallendorfer Windpark bekomme, sagte Kirchner unter dem Beifall der Zuhörer.

Kritik an der konkreten Planung äußerte ein Emsdorfer Jäger. Das Windrad fünf solle ausgerechnet in einer für Vogelschutz-Zwecke angelegten Feldgehölz-Insel gebaut werden. Dort brüte der Rote Milan, und er selbst habe dort schon den Schwarzstorch gesehen (Anmerkung der Redaktion: Was für die A 49 der Kammmolch, ist für Windräder der höchst schützenswerte Rote Milan). Jochen Kirchner nahm diesen Hinweis auf und kündigte eine Überprüfung an. Dies gelte auch für alle Einwendungen, die Bürger schriftlich gegen das Vorhaben einreichen können. n Am Montag, 17. September, findet um 19.30 Uhr im Stadtteil Sindersfeld eine weitere Bürgerversammlung zum Thema Windkraft im Feuerwehrhaus statt.

von Matthias Mayer

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