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Leben in abgewandten Welten

Landgericht Marburg Leben in abgewandten Welten

Widersprüchliche Angaben zum Zeitpunkt der beiden angeklagten Taten erschweren erheblich die Wahrheitsfindung im Strafprozess wegen des sexuellen Missbrauchs eines Kindes.

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Der Paragraph 176 des Strafgesetzbuches sieht für den sexuellen Missbrauch von Kindern Freiheitsstrafen zwischen sechs Monaten und zehn Jahren vor.

Quelle: Matthias Mayer

Stadtallendorf. Im Saal 1004 des Marburger Landgerichts sehen sich das mutmaßliche Vergewaltigungsopfer und der Angeklagte zum ersten Mal seit mehr als sechs Jahren wieder. Der Kontrast könnte kaum größer sein. Auf der einen Seite der heute 42-jährige athletische Mann, der vom Scheitel bis zur Sohle Selbstbewusstsein ausstrahlt. Entspannt lässt der Pfälzer die Blätter einer Gerichtsakte durch die Finger gleiten. Nichts deutet darauf hin, dass gegen ihn schwerwiegende Anklagevorwürfe im Raum stehen: Er soll vermutlich im Oktober 2005 die damals zehnjährige Tochter seiner Freundin in einer Stadtallendorfer Wohnung vergewaltigt und die dann Elfjährige am Silvestertag 2006 zum Oralsex gezwungen haben.

Auf der anderen Seite das mutmaßliche Opfer. Die 16-Jährige wirkt zerbrechlich und unsicher. Sie kauert am Tisch der Nebenklage, schaut nach unten und weicht den Blicken des ihr gegenüber sitzenden Angeklagten aus. Das Gericht wird die Schülerin, die mit ihrer Mutter noch im Ostkreis lebt, unter Ausschluss der Öffentlichkeit vernehmen.

Auch ohne die Kenntnis der Aussage des Mädchens macht die Beweisaufnahme überdeutlich: Mutter und Tochter leben in abgewandten Welten. Ihre problembeladene Beziehung ist vermutlich ursächlich für die späte Anzeige der Taten und für den bemerkenswerten Umstand, dass die Mutter nicht durch ihre Tochter von der Vergewaltigung erfuhr, sondern durch einen Stadtallendorfer Moschee-Lehrer, dem das Mädchen mehr vertraute als der eigenen Mutter.

Tochter Kopftuch, Mutter Minirock

Schon äußerlich trennen die türkisch-kurdische Kleinfamilie Welten. Die Mutter ist westlich orientiert, trägt Minirock und hochhackige Schaftstiefel. Die Tochter trägt schlichte, unaufdringliche Kleidung und in der muslimischen Tradition ein Kopftuch, das nur das Gesicht freilässt. Das Mädchen sucht Orientierung und Halt in der Religion, besucht die Koranschule und freundet sich mit der Familie eines Hodscha an. Die Mutter chattet im Internet mit Männern, was die Tochter zur Weißglut bringt.

Sie habe stets versucht, neue Beziehungen zu verhindern, gab die seit 1999 vom Vater ihrer Tochter geschiedene Frau im Zeugenstand an. Von den beiden angeklagten Missbrauchsfällen habe sie nichts mitbekommen. Am Abend der mutmaßlichen Vergewaltigung, die sich im Wohnzimmer ereignet haben soll, während die Mutter duschte, sei sie von ihrer Tochter auf die Toilette gerufen worden. Sie habe Blut an beiden Beinen des Mädchens gesehen und dies als erste Regel-Blutung gedeutet. Tatsächlich habe die Periode erst ein gutes Jahr später eingesetzt.

Hochzeit ohne Wissen des eigenen Kindes

Im Dezember 2010 heiratete die Mutter ohne Wissen ihrer Tochter in der Türkei. Das ließ die Schülerin völlig ausrasten, wie eine gute Freundin der Mutter vor Gericht erklärte. „Sei war völlig außer sich und nicht zu fassen. Sie hat gesagt: ,Tante F, ich habe Angst, dass der andere Mann genau so ist wie der B. Ich hasse ihn, ich hasse ihn‘“, habe sie geschrien „und damit den Angeklagten gemeint“, sagte die Zeugin. Die widersprach zudem der Einlassung des Angeklagten, dass er die Beziehung bereits im September 2005 beendet habe. Am Silvester-Tag 2006 habe sie den Mann in der Wohnung ihrer Freundin angetroffen, sagte die Zeugin, die detailliert den Ablauf dieses Tages schilderte.

Eine Diplom-Sozialpädagogin, eine Pädagogin, eine Sozialarbeiterin und eine Betreuungshelferin berichteteten ausführlich über ihre mehrjährige Zusammenarbeit mit der Schülerin, die sie übereinstimmend als alltagstauglich, zuverlässig und aufbrausend beschrieben. Keine dieser Fachfrauen unterstellte ihr einen Hang zu fehlender Wahrheitsliebe. Das hatte auch am 28. Februar ein Gutachter festgestellt, als ein 46-jähriger Nachbar des Mädchens vom Kirchhainer Amtsgericht zu einer einjährigen Freiheitsstrafe zur Bewährung verurteilt worden war, weil er das Opfer 2008 in seiner Wohnung begrabscht und sexuell bedrängt hatte.

Die Pädagogin, die seit gut zwei Jahren mit der Schülerin arbeitet, beschrieb sehr eindringlich die Tatfolgen. Die Gespräche drehten sich immer wieder darum, dass die 16-Jährige für sich keine Zukunft sehe, weil sich nach dem Verlust ihrer Jungfräulichkeit in ihrem Kulturkreis kein Mann finde, der sie heiraten werde. Das Tatgeschehen verfolge sie trotz Therapie bis in die Gegenwart, sagte sie unter Hinweis auf das Wiederauftauchen sämtlicher Tatbilder.

von Matthias Mayer

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