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Das Opfer wird zum zweiten Mal Opfer

Rangelei auf Fußballplatz landet vor Gericht Das Opfer wird zum zweiten Mal Opfer

Die Zeugenaussage ist das häufigste und zugleich schwächste Beweismittel in Strafverfahren. Das zeigte sich einmal mehr bei einem Prozess vor dem Kirchhainer Amtsgericht.

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Eine Rangelei, und schon stürmen Zuschauer auf den Platz. Eine ähnliche Situation wie auf diesem Foto hatte für einen Fußballer aus dem Vogelsbergkreis gravierende Folgen.

Quelle: Thorsten Richter

Kirchhain. Der Vorsitzende­ Strafrichter Joachim Filmer bekam vom Angeklagten und den sieben Zeugen acht unterschiedliche Versionen zum Tatgeschehen zu hören. Dabei ging es um ein Thema, zu dem sich bestimmt 60 Millionen Deutsche berufen fühlen, jederzeit eine profunde Meinung zu haben: ein Fußballspiel.

Das Kreisligaspiel fand im Sommer 2016 im Vogelsbergkreis statt. Es endete 2:2. Ein Spieler der Gastmannschaft wurde in der 88. Minute so schwer zusammengeschlagen, dass er sich einen Jochbeinbruch, eine Gehirnerschütterung und Hämatome an Oberkörper und Beinen zuzog.

Der Geschädigte hatte zuvor versucht, die schnelle Ausführung eines Freistoßes für die Heimmannschaft  zu verhindern. Dafür sagte ihm sein Gegenspieler aus nächster Nähe die Meinung. Ein zweiter Spieler der Heimmannschaft eilte hinzu, um die Streithähne zu trennen. Dabei wurde der Stadtallendorfer von dem späteren Opfer mit den Worten „was willst du denn, du Scheiß-Türke“ beleidigt. Der erboste Spieler, Angeklagter in diesem Verfahren, versetzte dem linken Verteidiger der Gastmannschaft einen Tritt gegen den Oberschenkel. Der Schiedsrichter zeigte ihm die Rote Karte. Am Ende  der Beweisaufnahme blieben für Gericht und Anklage lediglich diese objektiven Tatsachen, die bei weitem nicht den Anklagevorwurf einer gefährlichen Körperverletzung bestätigten.

Das große Schweigen im Walde

Der Zeugen-Chor stimmte eine geradezu groteske Kakophonie an. Das begann mit dem „Tatort“, den die geladenen Spieler, Schiedsrichter, Zuschauer und Trainer zwischen der Mittellinie und der Eckfahne ansiedelten. Der Spielstand wurde zum Teil falsch wiedergeben und der Schiedsrichter vertauschte in seiner Aussage das Heimrecht der Partie.

Zum Tatgeschehen gab es von Spielern, Anhängern und Trainer der Heimmannschaft das große Schweigen im Walde. Die Vorgeschichte hatten sie auf dem Schirm. Wer aber das Opfer während der Rudelbildung in der 88. Minute festgehalten und so runtergedrückt hatte, sodass ihm die fatalen Kniestöße ins Gesicht versetzt werden konnten, hatte niemand gesehen. Auch von den Schlägen und Tritten wollen sie nichts mitbekommen haben. Der Trainer der Heimmannschaft gab an, dass er damit beschäftig gewesen sei, seine aufgebrachten Reservespieler zu beruhigen. Gipfel der Verwirrung: Laut Spielbericht im DFB-Netz hatte der Spielertrainer dazu wiederum keine Gelegenheit, weil er in der 90. Minute das Tor zum 2:2 schoss. Das kann aber auch ein Fehler gewesen sein.

Allein ein Zuschauer war sich sicher, „zwei Kniestöße des Spielers, der dafür die Rote Karte bekommen hat“, sicher gesehen zu haben.  Mit den Worten „habt ihr das gesehen“ habe er sich im gleichen Moment an die Umstehenden gewandt. Er räumte allerdings ein, dass er den Spieler vom Ansehen her nicht identifizieren könne.

So blieb noch die Aussage des Schiedsrichters, auf dessen Feststellungen im Spielbericht insbesondere das Opfer als Nebenkläger setzte. Darin heißt es, dass der Spieler mit der Nummer sechs komplett die Kontrolle verlor und den Spieler mit der Nummer zwei der Gastmannschaft mit Fußtritten, Kniestößen und Faustschlägen traktierte. Im Gerichtssaal relativierte er seine nach dem Spiel niedergeschriebenen Festlegungen und seine spätere Aussage bei der Polizei, wonach „der Türke“ dem Opfer drei bis viermal ins Gesicht geschlagen habe.

Er sei zunächst 35 Meter vom Geschehen entfernt gewesen. Er könne sich nicht mehr an Kniestöße erinnern. Eine Menschentraube um die Streithähne habe ihm zeitweise die Sicht versperrt. Für ihn als Schiedsrichter sei die Zahl der Tritte und Schläge nicht relevant. Schon ein Schlag reiche für die von ihm gezückte Rote Karte aus, sagte der Unparteiische.

Schiedsrichter relativiert Aussage

Der Angeklagte räumte nur einen Tritt gegen den Oberschenkel des Opfers ein. Er habe seinen Widersacher definitiv nicht gegen den Kopf geschlagen oder getreten. Der Stadtallendorfer legte dem Gericht ein Chatprotokoll vor, wonach ein Teamkollege Urheber der schweren Verletzungen sein könne. Der räumte in dem Chat ein, das Opfer möglicherweise im Gesicht erwischt zu haben – allerdings nicht mit dem Knie, sondern mit den Oberschenkel.Da der von zwei unbekannten Spielern festgehaltene Nebenkläger wegen seiner gebeugten Haltung den Urheber der folgenschweren Kniestöße nicht erkennen konnte, ließ sich der Tatnachweis nicht mehr führen.

„Mir tut der Nebenkläger leid. Er bleibt allein mit seinen Verletzungen und Schmerzen, weil Zeugen nicht den Mumm hatten, zu sagen was los war“, sagte Amtsanwältin Tina Grün. Sie hatte während der Beweisaufnahme wiederholt falsch verstandene Kameraderie beklagt und Zeugen mehrfach darauf hingewiesen, dass sie sich der Gefahr einer uneidlichen Falschaussage aussetzen. Der Anklagevorwurf lasse sich so nicht nachweisen, erklärte sie für die Staatsanwaltschaft.

Richter Joachim Filmer hatte dies schon vor den letzten beiden Zeugen befürchtet und eine vorläufige Einstellung des Verfahrens nach § 153a der Strafprozessordnung angeregt. Darauf einigten sich letztlich die Prozessbeteiligten. Der Angeklagte muss wegen der eingestandenen Körperverletzung dem Opfer bis zum 28. Februar 350 Euro Schmerzensgeld bezahlen. Geschieht das, wird das Verfahren eingestellt.

von Matthias Mayer

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