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Ostkreis Kenner informieren über Zustand des Waldes
Landkreis Ostkreis Kenner informieren über Zustand des Waldes
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00:18 29.09.2018
Unter der Rinde einer Fichte im Neustädter Stadtwald sind Borkenkäfer-Larven zu sehen. Die Käfer richten große Schäden im Wald an. Quelle: Florian Lerchbacher
Kirchhain

Peter Becker vom Forstamt Kirchhain und Martin Gilbert, seit vielen Jahren der für den Stadtwald zuständige Revierförster, schilderten lebensnah und für jedermann verständlich, wie es um den Stadtwald bestellt ist und wie dieser in Zukunft aussehen könnte. Peter Becker gliederte den forstlichen Sachstandsbericht in vier Punkte:

  • Windwurf: Am 18. Januar tobte der Orkan Friederike über Deutschland. Im Vergleich zu Nordhessen kam der Raum Kirchhain beim stärksten Orkan seit Kyrill glimpflich davon. In Hessen fielen bei diesem Orkan 2,4 Millionen Festmeter Holz. „Das ist ein enormes Ausmaß für alle, die mit dem Wald zu tun haben. Der Bezirk des Forstamtes hatte 40.000 Festmeter Holz aufzuarbeiten“, sagte Becker. Die Schadensbilanz im Kirchhainer Stadtwald: Fichte: 2.900 Festmeter. Kiefer: 350 Festmeter. Douglasie: 100 Festmeter. Lärche: 50 Festmeter. Buche: 70 Festmeter. Eiche: 30 Festmeter. Ein Großteil sei bereits aufgearbeitet und verkauft worden. „Im Februar und im März ging es deshalb richtig rund im Stadtwald. Im vierten Quartal müssen noch 250 Festmeter Windwurf im Stadtwald aufgearbeitet werden“, sagte Becker.
  • Borkenkäfer: „Borkenkäfer befinden sich in hoher Anzahl in unseren Wäldern, begünstigt durch die hohen Temperaturen und die langanhaltende Trockenheit. Wir reden hier vom Klimawandel – von nichts anderem“, stellte der Fachmann fest. Das zweite Problem: Zwölf forstliche Fuhrbetriebe haben in den vergangenen drei Jahren in Hessen dichtgemacht. Das Holz kommt verzögert aus dem Wald – zugunsten des Borkenkäfers. Im Bezirk des Forstamtes Kirchhain betrifft der Borkenkäfer-Befall 25.000 Festmeter. Im Stadtwald sind es 500 bis 600 Festmeter.
  • Konsequenzen für den Stadtwald: Bedingt durch den vermehrten Einschlag nach dem Orkan steigt der Überschuss aus dem Stadtwald auf 150.000 Euro. Dieser Betrag kann die Stadt im nächsten Jahr wieder einholen. 2019 wird im Stadtwald weniger Holz eingeschlagen. Gleichzeitig steigt der Aufwand für Wiederbewaldung und Pflege der neuen Bestände. Becker rät, eine Rücklage für die kommenden Aufgaben zu bilden. Wann damit begonnen werde, sei noch völlig unklar. Bei dieser Trockenheit sei es völlig sinnlos, Herbstkulturen anzulegen. Es gebe eine große Anzahl an Fragezeichen. Das gelte auch für den Winter. Eine Frostperiode sei ideal. Mit einer solchen könnten die neuen Borkenkäfer Anfang 2019 abgefangen werden, so Becker. Wie sieht der Wald in der Zukunft aus? Becker hat ziemlich genaue Vorstellungen, wie der Mischwald im Hinblick auf Trockenheit und Hitze künftig aussehen könnte: Die Traubeneiche, die Douglasie, die gegen Trockenheit und Hitze besonders resistenten Küstentanne und die Weißtanne sowie die europäische Lärche. Douglasie und Lärche, die roten Nadelbäume, seien heute schon stark nachgefragt. Für ihn gehöre auch die Fichte als der Brotbaum der Forstwirtschaft dazu, selbst wenn sie oft genug verteufelt werde. Die Fichte habe weiter ihre Existenzberechtigung, wenn sie standortgerecht angepflanzt werde. Die pauschale  Verurteilung von Nadelbäumen im Wald werde mit Blick auf die Statistik ad absurdum geführt. Von den im vergangenen Jahr in Deutschland eingeschlagenen 21 Millionen Festmeter Holz seien 20 Millionen Festmeter Nadelholz gewesen.
  • Holzmarkt in Kirchhain: Werner Gilbert hat trotz des Überangebots auf dem Holzmarkt nach dem Orkan für den Kirchhainer Stadtwald „erstklassige Preise erzielt“, wie Peter Becker berichtet. 94 Euro für den Festmeter Eiche, 68 Euro für den Festmeter Buche und 88 Euro für den Festmeter Fichte seien außergewöhnlich gute Preise gewesen.

Der stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für Wirtschaft, Umwelt und Verkehr, Reiner Nau, warnte davor, im Stadtwald in Jahren zu denken. „Wir fahren gut mit Hessen Forst“, stellte der Grüne fest.

von Matthias Mayer