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Kein Frieden überErksdorfs Dächern

Windenergie Kein Frieden überErksdorfs Dächern

Die Erksdorfer wollen weder den Bestand des neuen Windparks im Osten des Dorfes noch den westlich des Ortes geplanten Kirchhainer Windpark widerstandslos hinnehmen. Das wurde bei einer Ortsbeiratssitzung deutlich.

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Im schmucken Erksdorfer Neubaugebiet wohnen die Bürger auf Tuchfühlung mit den Windrädern. Foto: Matthias Mayer

Erksdorf. Wer die Stimmmungslage der Erksdorfer nachempfinden möchte, muss nur einmal tagsüber und bei Dunkelheit durch die Neubausiedlung am östlichen Ortsrand spazieren. Hier sind in den vergangenen Jahren sehr schöne Häuser entstanden, einige davon an der von Häuslebauern so begehrten Bebauungsgrenze.

Heute wird das Idyll im Grünen zwischen Allendorfer Grund, Buchenweg und Sportplatz durch die neuen Windräder getrübt. Diese rücken den Anwohnern bis auf rund 700 Meter auf die Pelle. Darunter sind einige Windräder des Herstellers Enercon, die mit einer Nabenhöhe von 138 Metern die derzeit höchsten Bauwerke des Landkreises sind. Alle 19 Windräder des mit Abstand größten Windparks des Kreises sind von dort aus zu sehen und zum Teil auch zu hören. Und nachts illuminiert eine bizarre Lightshow die Szenerie. Rotlicht-Bestrahlung aus rund 100 blinkenden Lampen.

Vor diesem Hintergrund diskutierten am Mittwochabend rund 40 Bürger aus Erksdorf und Emsdorf im Bürgerhaus über den Ist-Zustand und über die weiteren Windkraft-Pläne rund um die beiden Ortschaften. Ansprechpartner waren Stadtallendorfs Bürgermeister Christian Somogyi (SPD), die Mitglieder des Erksdorfer Ortsbeirats und der mit der komplizierten Materie vertraute Experte aus der Stadtverwaltung, Uwe Volz.

Der Unmut der Besucher richtete sich zuerst gegen die Entstehungsgeschichte des bis vor ihren Haustüren gewachsenen Windparks. Die Stadtpolitik habe das Projekt entweder völlig verschlafen oder die Käufer der städtischen Bauplätze vorsätzlich getäuscht, hieß es aus dem Publikum. Ein Besucher warf auch dem Ortsbeirat vor, die Windpark-Pläne verschlafen zu haben. Ein Vorwurf, den Ortsvorsteher Helmut Schütz entschieden widersprach. Der Ortsbeirat sei ebenso vor vollendete Tatsachen gestellt worden, wie alle anderen Bürger auch. Er selbst habe erst von dem Vorhaben erfahren, als die erste Grube für ein Fundament ausgehoben worden sei. „Das Projekt ist im Rathaus wie eine geheime Verschlusssache behandelt worden“, sagte Schütz.

Somogyi: Die Stadt hat einen Fehler gemacht

Christian Somogyi bescheinigte der Stadtverwaltung, die Entwicklung des Windparkes korrekt nach dem Buchstaben des Gesetzes begleitet zu haben. Allerdings sei dies ohne die Transparenz eines parlamentarischen Verfahrens geschehen. Die Pläne seien weder den Ausschüssen noch der Stadtverordnetenversammlung vorgestellt worden. Somogyi bezeichnete dies als gravierenden Fehler, der die rechtzeitige Information der Bürger und den Dialog mit den Betreibern verhinderte habe. Ein solcher Dialog hätte sicher zu Kompromissen führen können, sagte der Bürgermeister unter Hinweis auf die von den Erksdorfern „Problemwindräder“ genannten drei besonders ortsnahen Anlagen.

Der Bürgermeister und Uwe Volz erläuterten den Bürgern die komplizierten rechtlichen Rahmenbedingungen für den Ausbau der Windenergie, die sich zuletzt zweimal verändert haben. Und dies mit Auswirkungen auf die Projekte im Raum Erksdorf. So sei das Areal auf dem Hopfenberg, auf dem die Stadt gemeinsam mit Neustadt südlich der geplanten Trasse der Autobahn 49 einen Bürgerwindpark mit sechs Windrädern verwirklichen soll, vom Regierungspräsidium als potenzielle Windkraftfläche gestrichen worden, berichtete Volz. Der Grund: Dort soll die neue durchschnittliche Mindest-Windgeschwindgkeit von 5,75 Metern pro Sekunde nicht erreicht werden.

Die Stadt wolle trotzdem an dem Projekt festhalten, um so die Planungshoheit auf ihrem Gebiet in Sachen Windkraft zu erlangen. Sonst hätten Investoren Zugriff auf andere Windkraft-Standorte ohne Mitspracherecht der Stadt, sagte Somogyi.

Wie der Bürgermeister weiter erläuterte, falle nach der neuen RP-Festlegung auch der Großteil der von der Stadt Kirchhain geplanten Windkraft-Vorrangfläche zwischen Emsdorf und Erksdorf weg. Eine Karte des RP stufe nur noch das östliche Viertel des Kirchhainer Areals als windkrafttauglich ein. Nach Rechtsauffassung der Stadt Stadtallendorf seien damit drei Windräder, die vor den Toren Erksdorfs entstehen sollen, nicht genehmigungsfähig, sagte Somogyi. Gleichwohl habe die Firma AboWind für diese Anlagen Bauanträge gestellt, die allerdings noch unvollständig seien, was für Erksdorf einen Zeitgewinn bedeute, ergänzte Volz. Er riet den Bürgern, die Planungen unter www.beteiligungsverfahren-baugb.de einzusehen und ihre Einwendungen fristgerecht vorzubringen.

Spätestens ab diesem Zeitpunkt wurde im Publikum über Sammelklagen diskutiert - gegen den bestehenden und den geplanten Windpark.

Zeitplan

„Sind die Bedürfnisse von Pflanzen und Tieren wichtiger als die der Menschen?“

(Ein Bewohner eines Aussiedlerhofs, der dicht an den Windrädern steht)

„An die Geräusche der Windräder kann man sich gewöhnen, an die Belastung durch den beharrlichen Schattenschlag der Rotoren mit Sicherheit nicht.“

(Ein geplagter Anwohner)

„Die Stadt hat geschlafen oder uns ganz bewusst getäuscht.“

(Ein erboster Bewohner des Neubaugebiets, der von der Stadt Stadtallendorf einen Bauplatz gekauft hat, ohne darüber informiert worden zu sein, dass vor seiner Haustür ein Windpark gebaut wird.)

„Das Geschäft machen die, die die Windräder gebaut haben und diejenigen, die diesen Leuten ihre Grundstücke verkauft haben. Wir dagegen werden nur getreten.“

(Ein erboster Anwohner)

„Wir können nachts nicht mehr bei offenem Fenster schlafen, weil die Geräusche der Windräder zu laut sind. Unser Haus steht nicht auf einer Drehscheibe. Ich kann es nicht einfach drehen.“

(Der gleiche Anwohner)

„Wir sind Opfer der Goldgräberstimmung, die derzeit bei Investoren rund um die Windkraft herrscht.“

(Ein Erksdorfer Bürger)

„Die Bewohner des Buchenwegs haben während der Bauphase des Windparks gesagt: Wir schauen uns die Sache erst einmal an. Jetzt sagt der Buchenweg: So wie es ist, darf es nicht bleiben.“

(Eine Bewohnerin des Buchenwegs, dessen Anwohner durch den Windpark am meisten beeinträchtigt werden.)

„Der Rechtsweg steht allen Betroffenen offen.“

(Stadtallendorfs Bürgermeister Christian Somogyi (SPD) auf die Frage von Erksdorfer Bürgern, wie sie sich gegen die Pläne der Stadt Kirchhain wehren können, westlich von Erksdorf Windräder zu errichten.)

von Matthias Mayer

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