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Ostkreis Fast 9000 Kinderpornos: Bewährungsstrafe
Landkreis Ostkreis Fast 9000 Kinderpornos: Bewährungsstrafe
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08:02 28.05.2018
Fast 9000 Kinderporno-Dateien hortete ein Mann aus dem Ostkreis auf seinen Rechnern. Dafür bekam er jetzt eine Bewährungsstrafe. Quelle: Peter Kneffel
Kirchhain

Es war kein gewöhnlicher Kinderpornografie-Fall, der vor dem Kirchhainer Amtsgericht unter Vorsitz von Strafrichter Joachim Filmer verhandelt wurde. Auf der einen Seite standen die große Anzahl der gefundenen Dateien und deren aufwendige Katalogisierung. Der Angeklagte hatte akribisch die Fotos und Videos nach dem Alter der Opfer und nach den gezeigten Sexualpraktiken geordnet.

Auf der anderen Seite stand das völlig atypische Nachtat-Verhalten des Angeklagten, der nach dem Tod einer Familienangehörigen vor fünf Jahren sein Haus verließ, sich eine Wohnung nahm und die Computer und die vielen Datenträger mit dem kinderpornografischen Material einfach offen in dem Haus zurückließ, statt es zu verstecken oder zu vernichten. Eine Entrümpelungsfirma entdeckt das inkriminierte Material vor drei Jahren, zeigte die Funde bei der Polizei an und brachte somit das Verfahren ins Rollen.

"Alkohol, Neugier, Dummheit"

„Wie kommt man in den Besitz von fast 9 000 kinderpornografischen Daten? Das ist schon eine Hausnummer“, fragte der Staatsanwalt den Angeklagten. Der antwortete kurz und knapp: „Alkohol, Neugier, Dummheit“. Damit kam er bei der Anklage nicht durch: „Das sind Kernpädophile, die solche Massen von Bildern horten. Sie haben die Dateien mit viel Liebe zum Detail geordnet. Das machen nur Kernpädophile“, stellte der Staatsanwalt fest. „Ich wollte es wegmachen. Aber der Alkohol war schneller als ich“, gab der Angeklagte zu Protokoll und versicherte dem Gericht, keinerlei pädophile Neigungen zu haben.

Seine Verteidigerin, die den Angeklagten seit Jahren kennt, versuchte, das Verhalten ihres Mandanten zu erklären. „Die Arbeit, der Alkohol und seine sehr dominante Familienangehörige haben sein trauriges Leben geprägt“, sagte sie. Inzwischen sei er ein ganz anderer, selbstständiger und zuverlässiger Mensch, der ein lebenswertes Leben führe und nicht mehr trinke, beschrieb die Anwältin den Wandel des nicht vorbestraften Angeklagten.

„Ich will nichts mehr damit zu tun haben. Es war ein ganz finsterer Abschnitt meines Lebens. Und mein Leben habe ich gegenüber früher gründlich geändert“, beantwortete der Angeklagte die Frage der Staatsanwaltschaft nach seiner Zukunft. Auf die Frage des Staatsanwalts, ob er schon einmal über eine Sexualtherapie nachgedacht habe, wiederholte der Delinquent seinen Standpunkt: „Ich bin nicht pädophil. Ich brauche keine Sexualtherapie.“

"Es war kein eigenes Leben"

Die Staatsanwaltschaft kaufte im Plädoyer dem Angeklagten das Tatmotiv Neugier nicht ab. „Das ist schlicht und ergreifend Unsinn“, stellte die Anklage fest und verwies auf die enorm hohe Zahl der Dateien und „die etlichen hundert Stunden Arbeit, die es brauchte, um die Datei-Strukturen anzulegen. Das ist ein dicker Hund – wegen der Anzahl der Dateien und der ­Dateistruktur.“

Der Staatsanwalt beantragte eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten, deren Aussetzung zur Bewährung auf vier Jahre wegen der besonderen Lebensumstände des Angeklagten möglich sei. Als Bewährungsauflage beantragte er 40 Stunden Sexualtherapie, die innerhalb eines Jahres nachzuweisen sind.

„Es war kein eigenes Leben, das mein Mandant gelebt hat. Bei seinem Auszug aus seinem Haus hat er die Sachen nicht mitgenommen. Er hat damit einfach abgeschlossen“, erklärte die Verteidigerin. Zugleich habe er aufgehört zu trinken. Heute habe er eine Freundin, habe sich ein gutes soziales Umfeld aufgebaut. Eine Rückfallgefahr sei nicht gegeben. Der Angeklagte besitze weder ein PC noch ein anderes Gerät, das zum Abspielen von Bild- und ­Video-Dateien geeignet sei. Die Verteidigung beantragte eine Bewährungsstrafe, bat aber darum, von Auflagen abzusehen.

Richter Joachim Filmer verurteilte den Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe von 15 Monaten, auszusetzen auf vier ­Jahre zur Bewährung. Als ­Bewährungsauflage muss der Angeklagte in Raten 1 500 Euro an den Kinderschutzbund zahlen.

Der Richter hegte keinen Zweifel daran, dass der zur Tatzeit alkoholkranke Angeklagte bis 2013 bewusst und gewollt eine so große Menge kinderpornografische Dateien angesammelt habe. Dafür spreche auch der große Arbeitsaufwand zur Ordnung der Dateien. „Mit dem Auszug kam die Wende. Die Sachen blieben da. Das kann man als gewisse Abkehr ansehen. Er hat glaubhaft gemacht, dass er keine Datenträger mehr hat“, sagte der Richter. Das Urteil wurde sofort rechtskräftig.

von Matthias Mayer