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Jede neu erlernte Silbe ist ein Erfolg

Aphasie Jede neu erlernte Silbe ist ein Erfolg

Ein Schlaganfall oder ein Unfall mit einer Hirnverletzung rauben Betroffenen die Fähigkeit, Gesagtes zu verstehen, zu schreiben oder zu sprechen. Medizinisch steht dafür der Begriff Aphasie.

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Michael Goetz (von links), Peter Lazak, Marion Koch und Horst Lazak schildern die Folgen von Aphasie. Foto: Michael Rinde

Stadtallendorf. An einigen Türen in der Wohnung klebt ein Bild von Marion Koch, der Ehefrau von Peter Lazak. Darunter steht, welches Zimmer sich dahinter verbirgt, zum Beispiel das Arbeitszimmer. Auf dem Foto hält Marion Koch einen großen Zettel in die Höhe auf dem Buchstaben stehen, beim Arbeitszimmer-Bild das „i“.

Für ihren Mann Peter, der nach zwei Schlaganfällen an der Sprachstörung Aphasie ist das ein kleines Hilfsmittel. Er erinnert sich dank der Bilder sowohl an das Wort als auch an dessen Bedeutung. Im August vor vier Jahren passierte es. Peter Lazak erlitt in Stadtallendorf seinen ersten, wenige Tage später, in der Uniklinik Marburg seinen zweiten Schlaganfall. Für seine Partnerin Marion, für alle Angehörigen und Freunde des Paares begann eine Horrorzeit. Am Anfang war nicht klar, ob Lazak überlebt und welche bleibenden Schäden er zurückbehielt. Geblieben ist eine halbseitige Lähmung und die Aphasie. Doch das Paar hat gelernt, mit der Situation umzugehen, unterstützt von Bruder Horst Lazak und Freunden. Marion Koch sitzt neben ihrem Mann auf dem Sofa, streichelt seine Hand. Peter Lazak kann zwei Worte klar und deutlich aussprechen: „Ja“ oder „Nein“, mehr nicht, aber doch zumindest diese beiden. Die Kommunikation klappt zwischen Peter Lazak und seinen engsten Vertrauten. „Wichtig ist, dass wir ihn immer direkt ansprechen“, betont Marion Lazak.

Das bestätigt auch Michael Goetz. Der Stadtallendorfer ist Vorsitzender des Landesverbands Aphasie. Morgen findet der Landesaphasietag in der Stadtallendorfer Stadthalle (siehe Hintergrund) statt. Allein in Hessen gibt es zwischen 6000 und 10000 Menschen, die an Aphasie leiden. Hinter Peter Lazak und seiner Frau liegen vier Jahre mit Operationen, Reha-Maßnahmen, Logopädie-Stunden oder Physiotherapie, vor allem aber ungezählten Veränderungen im Lebensalltag und vielen kleinen Fortschritten. Kontakte zu anderen Menschen, die von Aphasie betroffen sind, haben dem Ehepaar auf dem Weg zur Verbesserung des Gesundheitszustandes von Peter Lazak sehr geholfen.

Gruppe Aphasie hilft sich untereinander

Ein wichtiger Baustein ist dabei die Gruppe Aphasie, die sich in Stadtallendorf beim Hessentag 2010 gründete. Beim Hessentag ging das Ehepaar erstmals wieder in Stadtallendorf unter Leute. Sie fanden Gleichgesinnte. Mittlerweile fahren sie zu zahlreichen Veranstaltungen rund um das Thema Aphasie. Dabei haben sie zum Beispiel auch Betroffene kennengelernt, die nach Jahren wieder sprechen und verstehen können, was gesprochen wird. „Das macht Hoffnung“, betont Marion Koch im Gespräch mit dieser Zeitung. Hoffnung trägt das Paar, das sich mit dem Istzustand einfach nicht abfinden will. Als Marion Koch diese Einstellung und Haltung schildert, schaut sie auf die rechte Hand ihres Mannes. Sie ist offen. Gleich nach dem Schlaganfall lag sie wie ein Anhängsel auf seinen Beinen.

Peter Lazak ist aufgrund seiner Lähmung auf den Rollstuhl angewiesen. Auch das Ehepaar kennt darum die alltäglichen Probleme, die sich dadurch ergeben, zum Beispiel nicht barrierefreie Bahnhöfe. Michael Goetz formuliert als Landesvorsitzender grundlegende Forderungen für Menschen mit Aphasie. „Schwerwiegend ist, dass Versorgungsämter die Folgen einer Aphasie im Alltag häufig nicht anerkennen“, sagt Goetz. Auch Schwierigkeiten mit Krankenkassen gehören zu den Dingen, die zu bewältigen sind. Immer wieder werden Therapien , wie zum Beispiel Sprachunterricht, auch verweigert. Diesen Themen werden sich am Samstag auch Fachvorträge beim Landesaphasietag in Stadtallendorf widmen.

von Michael Rinde

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