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Ostkreis Irrungen und Wirrungen
Landkreis Ostkreis Irrungen und Wirrungen
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06:16 07.05.2012
Stadtallendorf

Angeklagt waren drei junge Männer aus Neustadt und Stadtallendorf, die am 14. März 2010 bei einer Schlägerei in einer Stadtallendorfer Diskothek einem 31-jährigen Handwerker so massive Verletzungen zugefügt haben sollen, dass dieser neben einem Jochbein- und Nasenbeinbruch den dauerhaften Verlust des Augenlichtes auf dem linken Auge hinnehmen musste.

Die an diesem Tag gehörten Zeugen wiesen erhebliche Erinnerungslücken auf, konnten oder wollten zu den Umständen, die die Schlägerei ausgelöst hatten, nur wenig oder nichts sagen. Teilweise wichen die Aussagen vor Gericht auch von den protokollierten Aussagen bei der polizeilichen Vernehmungen erheblich ab. „Meine damalige Aussage kann der Wahrheit näher kommen, als die heutige“, räumte ein Zeuge ein.

Auch beim Fortsetzungstermin gab es abweichende Aussagen zu den Tatbeiträgen der Angeklagten. So beschuldigte diesmal ein Zeuge einen anderen Angeklagten, die Schläge mit einem Aschenbecher ausgeführt zu haben, die vermutlich dem Opfer die Sehkraft auf dem linken Augen kostete. Er habe den Täter klar an seinem auffallenden blau-weiß-gestreiften Pulli erkannt, so der Zeuge. Dieser mutmaßliche Täter hatte aber laut einer Zeugenaussage zum Prozessauftakt bereits bevor der Geschädigte auf dem Boden lag, mit einem Stuhl zugeschlagen.

Wer schlug mit demAschenbecher zu?

Irrungen und Wirrungen prägten den weiteren Aussage-Marathon. Ein Zeuge berichtete, nicht der Angeklagte sondern das spätere Opfer habe zuerst mit einem Stuhl geschlagen. Der Angeklagte habe sich mit einem Stuhl nur verteidigt. Ein weiterer Zeuge gab an, gesehen zu haben, wie einer der drei Angeklagten mit der Faust auf das am Boden liegenden Opfer eingeschlagen habe. Von einem Gegenstand habe er nichts bemerkt. An den genauen Ablauf in der Tatnacht konnte sich allerdings auch dieser Zeuge nicht mehr erinnern.

Erschwert wurde die Verhandlung außerdem durch die mangelnden Deutschkenntnisse mehrerer Zeugen, deren Aussagen von einem Dolmetscher übersetzt wurden. Bei den Vernehmungen bei der Polizei war allerdings kein Dolmetscher hinzugezogen worden. „Ich habe das, was ich dort gefragt wurde verstanden, aber nicht zu 100 Prozent“, betonte ein türkischstämmiger Zeuge.

Auch der Beamte aus der Ermittlungsgruppe der Stadtallendorfer Polizeistation sprach von schwierigen Ermittlungen. Er habe den Eindruck gewonnen, dass viele Zeugen etwas wussten, aber nichts oder nur wenig zum Tatablauf sagten. Bei den Vernehmung sei stets etwas anderes herausgekommen. „Immer wieder höre ich: ,Weiß ich nicht, habe ich nicht gesehen, habe gerade weggeschaut, es war dunkel, es ist schon so lange her‘, oder die Zeugen haben sich gerade als etwas passierte wie von Zauberhand weggedreht“, kommentierte Richter Cai Adrian Boesken die Aussagen der Zeugen.

Die Jugendgerichtshilfe attestierte dem jüngsten Angeklagten, der zur Tatzeit 20 Jahre gewesen war, ein noch unreifes Verhalten und beantragte für den Fall einer Verurteilung die Anwendung von Jugendstrafrecht.

Die Verhandlung wird am 21. Mai fortgesetzt. Dann werden weiteren Zeugen gehört und ein Gutachter äußert sich zur der schweren Augenverletzung des Opfers. Möglicherweise folgen Plädoyers und Urteilsspruch.

von Alfons Wieber

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