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Ostkreis Das Tablet hilft auch bei Sprachlosigkeit
Landkreis Ostkreis Das Tablet hilft auch bei Sprachlosigkeit
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00:17 14.11.2018
Der Mini-Roboter (links) lässt sich über das Ipad programmieren. Quelle: Michael Rinde
Stadtallendorf

Wegdenken lassen sich weder Tafel noch Schreibheft. Darin sind sich die Vertreter von sieben Schulen, die Ipads im Einsatz haben, allesamt einig. Aber die Tablet-Computer sind eine hervorragende Ergänzung in ganz verschiedenen Fächern und Aufgabenstellungen. Und das in ganz unterschiedlichen Schulformen. Seit mehr als zwei Jahren sind Ipads in Schulen im Kreisgebiet, vor allem im Ostkreis, im Einsatz (siehe Hintergrund-Kasten).

Ein besonderes Beispiel ist die Astrid-Lindgren-Schule 
 in Stadtallendorf, eine Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige und motorische Entwicklung. Diese Schule besuchen auch Kinder, die Probleme mit der Sprachentwicklung haben. Bis hin zur Sprachlosigkeit. Ganz unterschiedliche Programme (Apps) sind dort im Einsatz, abgestimmt auf ganz verschiedene Sprachkompetenzen. Den Programmen ist eines gemeinsam: „Sie haben einen großen Lebensweltbezug“, verdeutlicht Pia Lauer. Vereinfacht ausgedrückt bekommen Kinder, die das vorher nicht konnten, die Möglichkeit, dank der Apps Bedürfnisse auszudrücken.

Acht Ipads im Hatzbachtal im Einsatz

Einen ganz anderen Einsatz des Tablet-Computers demonstriert Lauers Kollege Niels Döbbeling. Er hat mit Klassen Hörspiele produziert, samt der dazugehörenden Geräusche, wie dem Schwimmen im Fluss zum Beispiel. Samt dem dazugehörenden Plätschern des Wassers. Es geht darum, Kreativität zu fördern. „Das Ipad ist eine große Kommunikationsmaschine“, beschreibt es Döbbeling.

Hintergrund

Acht Schulen nutzen Ipads in unterschiedlicher Weise. Neben den im Text genannten Schulen sind das auch die Grundschule Kirchhain, die Grundschule Mengsberg-Momberg, die Landgräfin-Elisabeth-Schule Stadtallendorf und die Gesamtschule Heskem.

Der Kreis betreut derzeit 690 Ipads. Sie sind auf ganz verschiedener Basis im Einsatz. So verleiht das Medienzentrum Kirchhain derzeit 90 Geräte auf Anfrage an Klassen. 330 Geräte liegen an Schulen bereit und werden auf Leihbasis an Kinder und Jugendliche ausgegeben.

Und weitere 240 Geräte sind in den erwähnten Ipad-Klassen im Einsatz. Sie werden vom Medienzentrum Kirchhain aus betreut. Der Kreis hat im ersten Jahr des Modellprojektes bereits 27.000 Euro für Geräte und Unterstützung bereitgestellt.     

An der Grundschule am Hatzbachtal mit ihren Standorten Erksdorf und Hatzbach sind acht Ipads im Einsatz. Je zwei Leihgeräte gibt es pro Klasse. Sie kommen in allen Fächern zum Einsatz. Schulleiterin Margarita Zimmermann äußert beim gemeinsamen Pressetermin mit dem Ersten Kreisbeigeordneten Marian Zachow gleich deutlich, dass die Schule gerne mehr Geräte einsetzen möchte.

Die Erfahrungen mit den Tablet-Computern sind für Zimmermann und ihre Kollegen sehr ermutigend. Sie macht aber auch deutlich: „Buch, Tafel und Stift schaffen wir deshalb nicht ab.“

MPS Wohratal setzt auf 120 Geräte

Die Mittelpunktschule (MPS) Wohratal geht einen eigenen Weg. Sie hat Ipad-Klassen geschaffen, analog zur Georg-Büchner-Schule in Stadtallendorf. Die Geräte werden mit finanzieller Hilfe des Landkreises von den Eltern bezahlt. Jedes Kind hat also ein eigenes Gerät. Schulleiter Michael Vaupel berichtet, dass die Akzeptanz bei Eltern und Schülern sehr hoch ist. Und zwar höher, als er selbst beim Start erwartet hat. Von Anfang an habe es eine hundertprozentige Unterstützung bei den Eltern gegeben und auch bei allen Lehrern der Schule. 

120 Geräte sind an der MPS aktuell im Einsatz. Die Klassenräume verfügen über das nötige Funknetz (WLAN) und Beamer, um Bilder zu projizieren. Auch dort war der Landkreis als Schulträger gefordert. „Wir sind ein Stück weitergekommen, als wir erwartet haben“, resümiert Vaupel. Die MPS ist Teilnehmer eines Pilotprojekts des Landkreises, das seit dem vergangenen Schuljahr läuft. Die Jahrgangsstufen sieben bis neun nutzen mittlerweile ausschließlich Ipads.

Förderverein hat mitgeholfen

Bei Schulleiter Vaupel kommen die unterschiedlichsten Rückmeldungen der Eltern an: „Die kritischen Stimmen reichen von zu wenig Ipad-Einsatz bis zu viel.“ Dort, wo sich Eltern den Eigenanteil für die Geräte nicht leisten konnten, half der Förderverein der Mittelpunktschule. Das Geld für die Anschaffung war somit kein Hinderungsgrund. Zachow betont, dass der Kreis deshalb ganz bewusst einen Anteil der Kosten von vornherein übernommen hat.

An der MPS schreiben Schüler auch Klassenarbeiten mit den Ipads. Spezielle Software verhindert dabei, dass sich die Schüler via Suchmaschinen durch die jeweilige Klausur schummeln können, wie Olf Westphal erläutert.

Spielerisch Programmieren lernen

Westphal kommt mit seinen Kollegen im Medienzentrum Kirchhain eine besondere Bedeutung für den gesamten Tablet-Einsatz im Landkreis zu. Von dort werden die Geräte im Einsatz betreut, Software wird aufgespielt, je nach unterschiedlichem Bedürfnis der Schulen. Westphal führt der OP am Rande die neueste Errungenschaft des Medienzentrums vor, einen Miniatur-Roboter samt dem dazugehörenden Ipad.

Auf Kommando vom Tablet-Computer setzt sich der Roboter in Bewegung, lernt je nach Programmierung Hindernisse zu erkennen und vor ihnen zurückzusetzen. „Damit erlernen Grundschüler spielerisch erste Grundlagen des Programmierens“, erläutert Westphal den Zweck des Ganzen. Schulen können sich einen entsprechenden Koffer im Medienzentrum ausleihen.

Schüler im Wettkampf mit dem Computer

Der Landkreis setzt als Schulträger ganz intensiv auf den Ipad-Einsatz und nimmt dafür auch Geld in die Hand. Für Ipad-Klassen müssen die Voraussetzungen stimmen, es gibt Zuschüsse auf den Kauf von Geräten. „Und wir arbeiten daran, dass alle Schulen über die nötige schnelle Datenleitung verfügen“, betont Schuldezernent Zachow. Nach den bisherigen sehr guten Erfahrungen an den teilnehmenden Schulen geht der Erste Kreisbeigeordnete fest davon aus, dass sich der Kreis der Teilnehmer schnell erweitert. Anfragen auch aus anderen Teilen des Kreisgebietes gibt es bereits.

Die Stadtallendorfer Georg-Büchner-Schule (GBS) setzt auch auf Ipad-Klassen. Zwei sind bei Start dieses Schuljahres hinzugekommen, jeweils eine Real- und eine Gymnasialklasse. Es gibt einige besondere Erfahrungen, die die Schule mit dem Einsatz der flachen Computer hat. Das Ipad macht es möglich: Kinder haben Spaß daran, Rechtschreibregeln anzuwenden und einzuüben. Das passiert spielerisch, quasi im Wettkampf mit dem Computer.

Der „Erlkönig“ 
erwacht zum Leben

An anderer Stelle gab es eine besondere Herausforderung. Gemeinsam schufen Schüler mit ihren Tablets einen Film über die Ballade vom „Erlkönig“. Dank Spielfiguren war dies möglich. Mit großem Aufwand entstanden Kulissen und einzelne Szenen. „Die Schüler hatten vorher keine allzu große Freude am Lesen. Jetzt sind sie mit Begeisterung dabei“, berichtet Barbara Voeth, die stellvertretende Leiterin der GBS.

In den Ipad-Klassen geht es natürlich nicht ohne Bücher. Auch das Schreiben behält seinen zentralen Stellenwert. Schließlich sei die Handschrift ein Kulturgut, sagt eine Lehrerin der GBS. Aber es geht auch um weiterführende Inhalte wie Medienkritik, die Frage, wie sich ein Tablet-Computer optimal nutzen lässt, oder den elementaren Datenschutz.

Die unterschiedlichen Ansätze der beteiligten Schulen zeigen, wie weit das Einsatzspektrum für Ipads reicht. Alle Beteiligten sind sich darüber im Klaren, dass die Nutzungsgrenzen noch längst nicht erreicht sind. Wobei alle Schulen immer wieder hervorheben, dass sie das Ipad als überaus wichtige Ergänzung sehen – nicht als Ersatz für bewährte Unterrichtsmittel.

von Michael Rinde