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Ostkreis In der Hagelwand taucht rotes Licht auf
Landkreis Ostkreis In der Hagelwand taucht rotes Licht auf
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06:15 21.05.2012
Dieses Foto entstand während des schweren Unwetters am 11. September 2011 zur Unfallzeit in der Stadtallendorfer Innenstadt. Sichtweite: maximal zehn Meter. Quelle: Matthias Mayer
Kirchhain

Am frühen Nachmittag des 11. September 2011 braute sich über dem Ostkreis ein schweres Unwetter zusammen. Eine schwarze Wolkenwand machte in Minutenschnelle den Tag zur Nacht und entlud ihre Fracht in einem rohrbruchartigen Hagel- und Regensturm. Dieses extreme Wetterereignis führte zu einem schweren Verkehrsunfall auf der Bundesstraße 62 zwischen Kirchhain und Bürgeln. Dabei wurden zwei Menschen schwer verletzt.

Wegen dieses Unfalls musste sich ein Fahranfänger aus Kirchhain vor dem Jugendgericht am Amtsgericht Kirchhain verantworten. Vorwurf der Anklage: Der Abiturient aus Kirchhain habe den Unfall verursacht, weil er seine Geschwindigkeit nicht ausreichend an die extrem schlechten Witterungsverhältnisse angepasst habe.

Opfer erlitten einen Bein- und einen Wirbelbruch

Der Abiturient war am Steuer eines mit sieben jungen Leuten besetzten Kleinbusses mit zwei Motorradfahrern kollidiert, die wegen des Unwetters aus der Straße angehalten hatten. Die Unfallfolgen waren gravierend. Ein Motorradfahrer zog sich einen Unterschenkelbruch zu, sein Begleiter wurde sogar mit einem Wirbelbruch an der Lendenwirbelsäule ins Klinikum gebracht. Wie Jugendrichter Joachim Filmer berichtete, kam das Opfer zwar ohne Lähmung davon, leidet aber noch immer erheblich an den Folgen der schweren Verletzung und sei noch immer arbeitsunfähig.

Der junge Angeklagte, der am Unfalltag erst seit drei Monaten den Führerschein besaß, schilderte das Unfallgeschehen aus seiner Sicht. Er sei noch bei gutem Wetter in Kirchhain auf die Bundesstraße aufgefahren. Im plötzlich einsetzenden Starkregen habe er auf 40 km/h abgebremst. „Als der Hagel begann, habe ich weiter abgebremst“, erklärte er. In der Hagelwand sei vor ihm ein rotes Licht aufgetaucht. Praktisch im gleichen Augenblick sei er mit einem rot-orange-farbenen Motorrad kollidiert. „Der Fahrer flog auf die Motorhaube und fiel dann seitlich herunter“, schilderte der Angeklagte den Moment des Aufpralls.

Das weitere Geschehen: Der junge Mann rief sofort den Rettungsdienst an. Der Hagel krachte so laut auf das Auto, dass der Anrufer in der Rettungsleitstelle kaum zu verstehen war. Der Autofahrer und dessen Freundin stiegen aus und trafen im Unwetter auf der Straße auf zwei Verletzte. „Einer konnte nicht mehr auftreten, der andere klagte über Rückenschmerzen“, erklärte der Angeklagte. Der zweite Motorradfahrer war bei dem Aufprall offenbar von der Maschine seines Begleiters getroffen worden.

„Sie sind sicherlich nicht gerast“

Jochim Filmer sprach von einem unglücklichen Unfallgeschehen. „Sie sind sicherlich nicht gerast“, bescheinigte der Jugendrichter dem Angeklagte, ergänzte aber auch: „Wenn Sie eine Sichtweite von 20 Metern haben, dürfen Sie nur noch Schrittgeschwindigkeit fahren.“

Rechtsanwalt Gerhard Bretthauer nahm seinen Mandanten in Schutz: „Das war kein üblicher Auffahrunfall“, sagte er unter Hinweis auf die plötzlich aufgetretenen extremen Wetterbedingungen und offenbarte zugleich seine Strategie: „Ziel der Verteidigung ist die Einstellung des Verfahrens.“

Dem wollte sich Joachim Filmer trotz seines Hinweises auf die schwerwiegenden Unfallfolgen nicht verschließen. „Das Verschulden bewegt sich an der unteren Grenze zur Strafbarkeit und stellte das Verfahren mit Zustimmung von Amtsanwalt Heinisch, der die Anklage vertrat, vorläufig ein. Allerdings gab das Jugendgericht den Angeklagten eine Auflage mit auf den Weg: Er muss ein ganztägiges Verkehrsseminar der Kreisverkehrswacht besuchen.

von Matthias Mayer