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Im Advent kommen die Erinnerungen

Tradition aus dem Erzgebirge Im Advent kommen die Erinnerungen

Joachim Wermann holt sich zur Adventszeit seine Heimat zurück nach Neustadt. Holzkunst in allen Variationen hat er über die Jahre mit nach Hessen gebracht.

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Joachim Wermann schmückt sein Haus in der Adventszeit mit Schwibbögen und Pyramiden aus dem Erzgebirge.

Quelle: Katja Peters

Neustadt. „Herzlich willkommen im erzgebirgischen Adventsland“, sagt Joachim Wermann mit einem strahlenden Lächeln, nachdem er die Haustür geöffnet hat. Der Duft von Räuchermännchen liegt in der Luft, das warme Licht der Kerzen zaubert eine heimelige Stimmung – schon im Flur. Aus dem Wohnzimmer klingt Weihnachtsmusik, natürlich aus dem Erzgebirge.

Vor dem Spiegel steht ein ganz besonderer Schwibbogen. Er ist eine Erinnerung an sein Heimatdorf Gelenau, im Erzgebirge. Die Kirche, die Schule, das Rathaus, das Wappen wurden in Holz geschnitzt. „Unner schienes Gäln“ ist darunter zu lesen. „Das ist mein Dorf“, sagt Joachim Wermann, 81 Jahre alt.

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Anfang der 50er-Jahre kam er als 16-jähriger Junge nach Neustadt. Arbeitete bis zu seiner Pensionierung in der Strumpffabrik, lebte „Am Steimbel“, ehe er später an die Robert-Solz-Straße zog. Und immer zur Adventszeit holte er die Kartons vom Boden und fing an zu schmücken. Jedes Jahr wurden es mehr Figuren von der Bergmannparade, mehr Schwibbögen, mehr Pyramiden. „Mittlerweile stehen hier wohl schon mehrere tausend Euro“, schaut der Neustädter um sich.

Seine größten Schätze sind der Engel und der Bergmann neben dem schmiedeeisernen Schwibbogen im Wohnzimmerfenster. Die beiden Figuren sind schon 75 Jahre alt. Seine Mutter hat sie damals vor der Flucht eingepackt. Zum Glück. „Sie erinnern mich immer an meine Heimat. Man darf nie vergessen, wo man herkommt, und Traditionen muss man pflegen.“

Joachim Wermann schwelgt in Erinnerungen, erzählt von seiner Familie im Erzgebirge, von Cousins und Cousinen, von den Bauern, bei denen er als Kuhjunge auf den Weiden auf die Herden aufgepasst hat und vom Weihnachtsland, in das sich das gesamte Erzgebirge im Dezember verwandelt. „Nirgendwo wird diese Zeit so intensiv gefeiert wie bei uns. Also im Erzgebirge.“

Joachim Wermann hat sein Haus weihnachtlich geschmückt. Foto: Katja Peters

Er reibt sich die Augen, holt tief Luft. Drei Wochen vor dem ersten Advent hat er in diesem Jahr mit dem Schmücken angefangen. „Eigentlich wird nach Totensonntag und dem ersten Advent aufgebaut. Aber mittlerweile ist es so viel, das schaffe ich nicht mehr in einer Woche.“ Karton für Karton schleppt er vom Boden durch das Haus. Verteilt die Bögen auf jedes Fenster, die große Pyramide kommt ins Wohnzimmer, ebenso die Bergmannparade in die Anbauwand. Der große metallene Schwibbogen draußen an der Hauswand bleibt übrigens das ganze Jahr über hängen.

Auf den Tischen werden Kerzenhalter aufgestellt und auch der große Weihnachtsbaum steht schon in der Ecke. Der stammt aus dem eigenen Garten, ist schlicht aber festlich geschmückt, mit Strohsternen, bemalten Keramikkugeln und gehäkelten Bildern. Nur die Kerzen wurden durch eine elektrische Lichterkette ersetzt. „Für mich muss ein richtiger Weihnachtsbaum eigentlich echte Kerzen haben, aber die Lichterketten sind einfach sicherer“, erklärt Joachim Wermann und betont: „Bei mir gibt es nur Lichterketten in warmweiß. Kalthell und bunt, das ist einfach fürchterlich.“ Es gibt aber noch ein weiteres Gesetz im Hause Wermann. Vor dem ersten Advent darf keine Kerze angezündet oder angeschaltet werden.

Jetzt sitzt der Neustädter jeden Tag eine Stunde in seinem Wohnzimmer, legt die Weihnachts-CD auf, macht alle Lichter an und genießt die Atmosphäre. Er denkt an seine Kindheit, an die Gespräche im Dialekt und an die Besuche in der Heimat. Zwei bis drei Mal im Jahr zieht es ihn nach Sachsen – 300 Kilometer fährt er dann voller Vorfreude gen Osten. Am liebsten natürlich in der Adventszeit. Meist hat er Gedichte­ in Mundart mit im Gepäck, die er in seinem Heimatdorf Gelenau dann vorträgt. Auf Seniorennachmittagen oder anderen Veranstaltungen. Zum Bürgermeister hat er natürlich einen guten persönlichen Kontakt. Er besucht die Adventsmärkte, erlebt die Bergparaden hautnah. Für ihn eine der schönsten Traditionen.

Im Haus von Joachim Wermann gibt es einiges zu sehen. Foto: Katja Peters

Auf dem Rückweg hat er dann viele Stollen im Auto. „Bestimmt so zehn, zwölf Stück“, sagt er strahlend. Nur echt im Karton mit dem Bild der Bergparade. Joachim Wermann geht zur Anbauwand und schaut sich seine Figuren an. Die mit den roten Hosen stehen für Gelenau, die mit den gelben für den Nachbarort. Jede hat seinen eigenen Platz. Die Bergmänner sind es auch, die das Aussehen des Schwibbogens geprägt haben. Am halbrunden Eingang zum Zinnbergwerk hängten die Arbeiter immer ihre Grubenlampen an. Heute­ symbolisieren die Kerzen diese Lampen an den Schwibbögen. Diese wurden ursprünglich mal aus Metall hergestellt, ehe die Schnitzkunst ins Erzgebirge Einzug hielt. Auch die Pyramide ist ein Symbol der Erz- und Zinnförderung. Nachempfunden dem sogenannten Göpel, der Antrieb im Bergbau war und damals noch mit Pferdekraft betrieben wurde.

Bis zum 7. Januar bleibt das Haus in Neustadt nun geschmückt. Danach gehen die ganzen Erinnerungen aus der Heimat Karton für Karton wieder auf den Dachboden. Joachim Wermann wird sentimental: „Mir wird himmelangst, wenn ich daran denke, was mit dem Zeug passiert, wenn ich mal nicht mehr bin.“

von Katja Peters

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