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"Ich war noch nie so frei wie jetzt"

Verdienstkreuz für Ursula Rogg "Ich war noch nie so frei wie jetzt"

"Wofür ich das Bundesverdienstkreuz bekomme? Das frage ich mich auch", sagt Ursula Rogg. Die Stadtallendorferin ist bescheiden - auch wenn sie das gar sein nicht müsste, wie ein Blick zurück zeigt.

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Seit ihrer Geburt ist der Treysaer Weg im alten Dorf von Stadtallendorf die Heimat von Ursula Rogg.Foto: Florian Lerchbacher

Stadtallendorf. „Kommunalpolitik gehörte eigentlich immer zu meinem Leben. Das war einfach etwas selbstverständliches“, erklärt Ursula Rogg und spielt ihre Verdienste herunter. Dabei fungierte sie zehn Jahre lang als Stadtverordnete der CDU und gehörte weitere 22 Jahre dem Magistrat an. Inzwischen hat sie sich größtenteils aus der Politik zurückgezogen: Rogg bekleidet nur noch den Posten der Beisitzerin im Vorstand der Stadtallendorfer CDU. Nimmt man ihre Worte für bare Münze, dann hatte sie auch so gut wie keinen Einfluss auf die Politik in ihrer Heimat: „Ich war doch eher ein Teamplayer“, gibt sie sich bescheiden.

Harmonie ist Rogg sehr wichtig - entsprechend verwunderlich ist es retrospektiv, dass sie sich für die Kommunalpolitik als Hobby entschieden hatte: „Ich glaube, früher waren die politischen Diskussion härter. Vielleicht habe ich mich aber über die Jahre hin auch einfach daran gewöhnt“, ergänzt die 68-Jährige. Vor allem die Anfangszeit in Reihen der Stadtverordneten sei „schlimm“ gewesen: „Ich ging zu jeder Sitzung mit Herzklopfen - dabei wurde ich ja nie angegriffen, weil ich auch gar nichts sagte. Die anderen bekamen es ab - aber auch das war hart für mich.“

Nur sehr ungern erinnert sie sich an das Ende der Amtszeit von Bürgermeister Heinz Rüschenschmidt zurück: „Wir hatten ihn als CDU nach Stadtallendorf geholt - und dann ließen wir ihn mehrheitlich fallen. Menschlich war das so eine Sache...“, bedauert sie noch heute.

In die Politik war sie einst „eher reingerutscht“, wie sie sich erinnert. Nach dem frühen Tod ihres Mannes habe sie nach Gründen gesucht, um aus dem Haus zu kommen und Ablenkung zu finden.

In den 90er Jahren nahm sie dann ihre Mutter und ihre Tanze zur Pflege auf. Inzwischen lebt sie wieder alleine - auch wenn in der Wohnung über ihr Tochter Susanne samt Ehemann und drei Söhnen leben. Ihre politischen Ämter legte sie zum Ende der Ära Manfred Vollmer nieder„Ich war noch nie so frei wie jetzt und hatte noch nie so viel Zeit“, bemerkt Rogg, die ihre neu gewonnenen Freiräume vornehmlich für kleinere Reisen nutzt. Außerdem besitzt sie erstmals in ihrem Leben ein Fahrrad: „Das habe ich mir verordnet.“ Dessen Nutzung als Hobby zu bezeichnenen, wagt sie allerdings (noch) nicht. Ähnliches gilt für die Gartenarbeit - wobei sich bei diesem Thema Roggs Neigung erkennen lässt, den Lauf der Dinge hinzuneh men und zu akzeptieren. „Ich habe wunderbare grüne Bohnen und Rote Beete. Meine Tomaten hatten Krautfäule“, sagt sie und fügte einen für sie sehr typischen Satz hinzu: „Naja, so ist das eben.“

Seit ihrer Geburt lebt Rogg im Treysaer Weg - bis auf eine kurze Zeit, in der es sie in die Hauptstraße verschlagen hatte. Das alte Dorf ist also ihre Heimat. „Und die Kirche ist ein Stück Heimat. Da fühle ich mich zuhause - auch wenn das vielleicht gegen den Trend ist“, berichtet sie.

Rogg ist seit dem Jahr 1985 Kassiererin und Schriftführerin im Frauenchor St. Katharina - und natürlich leidenschaftliche Sängerin. Zudem engagiert sie sich schon seit vielen Jahren im Besuchsdienst der Kirchengemeinde St. Katharina und besucht einmal wöchentlich die Senioren im Altenheim. Des Weiteren ist sie als Kommunionshelferin seit einigen Jahren ehrenamtlich tätig.

Ansonsten geht sie gerne zum Seniorenturnen, zum Yoga oder zu Kaffeekränzchen. Eventuell will sie bald einen Computerkurs für Senioren besuchen - dabei hatte sie mit der Kommunalpolitik nicht nur aufgehört, weil sie „die Jungen mal machen lassen“ wollte, sondern weil vieles digitalisiert läuft. „Die Einladungen kamen per Mail - und mit Internet wollte ich mich eigentlich nicht beschäftigten.“ Nun allerdings hat sich ihre Meinung etwas geändert und an der Begründung lässt sich erkennen, wie engagiert Rogg Themen in Angriff nehmen kann: „Wenn etwas nicht klappt, dann ärgert mich das. Ich werde wohl doch irgendwann den Computerkurs besuchen.“

n Heute um 16 Uhr händigt Landrat Robert Fischbach das Bundesverdienstkreuz an Ursula Rogg aus.

von Florian Lerchbacher

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