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Ostkreis "Ich denke, ich wohne an der Autobahn"
Landkreis Ostkreis "Ich denke, ich wohne an der Autobahn"
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00:15 11.01.2014
Ein Lastzug passiert die Eisenbahnbrücke. Der Erdwall endet unmittelbar vor der Straße Bahndamm. Quelle: Michael Rinde
Stadtallendorf

Er könne mittlerweile ohne es zu sehen unterscheiden, ob ein Lastzug von unten (aus Richtung Kirchhain) oder von oben (aus Richtung Neustadt) über die Eisenbahnbrücke fahre. Das berichtet ein Anwohner aus der Straße Bahndamm. „Ich denke, ich wohne direkt an der Autobahn“, beschreibt er seine Empfindungen. Er ist verärgert, fühlt sich im Stich gelassen von den Behörden. „Wie das im Sommer werden soll, das weiß ich noch nicht, dann müssen wir die Fenster wohl zulassen“, ergänzt der Anlieger.

Nicht nur er fühlt sich vom Verkehrslärm der B 454 gestresst. Beim Termin mit der OP sind zwei weitere Betroffene dabei. Einer von ihnen ist Hausbesitzer Gerd Lenz. Er hat bereits einen anderen Punkt im Blick: einen möglichen Wertverlust seiner Immobilie. „Das kauft uns doch keiner mehr ab“, ist er schon jetzt überzeugt.

Die beiden übrigen Betroffenen wollen aus persönlichen Gründen anonym bleiben. Für sie ist der Erdwall, der nach Ende der Arbeiten am zweiten Ausbauabschnitt nahe ihrer Häuser endet, ohne Wert. „Die Lärmschutzwand ist dagegen zwar nicht hübsch, aber wenigstens effektiv“, berichtet ein weiterer Anlieger von seinen bisherigen Erfahrungen. Die Forderung der drei liegt auf der Hand: Sie wollen einen besseren Schutz vor dem Verkehrslärm und haben konkrete Vorschläge: So könnte ein Lärmschutz-Aufsatz anstelle des Geländers an der Bahnbrücke für sie eine Lösung sein. „Wenigstens Lärmschutzfenster müssten doch möglich sein“, formuliert es einer von ihnen.

Bisher sind ihre Bemühungen, bei Hessen Mobil, das den Bund vertritt, ergebnislos geblieben. Verärgert sind sie darüber, dass seit Fertigstellung immer wieder der gelungene Lärmschutz im zweiten Ausbauabschnitt gelobt werde.

Laut der bisher letzten Verkehrszählung aus dem Jahr 2010 passieren täglich 12433 Fahrzeuge die B 454, gezählt wurde seinerzeit in Höhe Lilienthalstraße. Formal sieht die Behörde im Falle der Anlieger keinerlei Handlungsmöglichkeiten, wie Willi Kunze, Regionalbeauftragter, im Gespräch mit der OP mitteilt. Hessen Mobil hat Lärmberechnungen vorgenommen, bei der die Straße Bahndamm einbezogen war.

Angst vor A-49-Ende bei Stadtallendorf

Demnach soll sich der Verkehrslärm nach Ende des bisherigen Ausbaues sogar noch geringfügig verringert haben. „Die Verringerung ist allerdings so gering, dass sie die Anwohner nicht wahrnehmen“, sagt Kunze zur Erläuterung.

Im Falle der betroffenen Häuser gilt ein Grenzwert von 70 db (A) für allgemeine Wohngebiete bei Tag und von 60 dB (A) in der Nacht. Beide Grenzwerte werden laut den Hessen-Mobil-Berechnungen nicht erreicht. Messungen gibt es keine, allerdings Berechnungen nach standardisierten Verfahren. „Lärmmessungen können keine Grundlage für eine schalltechnische Bewertung sein“, heißt es seitens der Marburger Behörde.

Mit großer Unsicherheit und Sorge blicken die Anlieger auf die Zukunft in Sachen A 49. Sie haben die Berichte über ein Ende der Autobahn bei Schwalmstadt oder gar Stadtallendorf genau verfolgt. „Was passiert dann bei uns?“, fragen sie sich. Hessen Mobil hat auch dazu gerechnet. Demnach soll sich die Verkehrsbelastung bei einem endgültigen oder vorläufigen Ende der A 49 in Stadtallendorf „nur“ um zehn Prozent erhöhen. Dann bestünde aus heutiger Sicht kein Handlungsbedarf.

Anders wäre es, wenn die Autobahn bei Stadtallendorf ihr Ende fände. „Dann müssten wir neu nachdenken“, sagt Willi Kunze. Denn dann wären neue Berechnungen in Sachen Schall wohl zwingend. So steht es bereits im Planfeststellungsbeschluss zum Autobahnabschnitt Schwalmstadt-Stadtallendorf.

Bürgermeister Christian Somogyi hatte sich nach Gesprächen mit den Anwohnern ebenfalls mit Hessen Mobil auseinandergesetzt. Aber auch er sieht „leider keine Chance auf eine Verbesserung.“ Änderungsmöglichkeiten hätte es vielleicht während der Planfeststellungsverfahren gegeben, jetzt aber nicht mehr. „Und für ein Handeln der Stadt gibt es keine Spielräume“, betont er.

von Michael Rinde