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Heimkino und vertauschte Rollen

Aus dem Gericht Heimkino und vertauschte Rollen

Der Angeklagte ließ seine braunen Augen vertrauensvoll hervortreten und versicherte seine völlige Unschuld. Es nutzte nichts. Am Ende der Verhandlung musste er für sechs Monate ins Gefängnis.

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Unter anderem auf zwei Anzüge dieses Herstellers hatten es zwei Diebe in einem Marburger Kaufhaus abgesehen. Foto: Matthias Mayer

Kirchhain. Vor dem Kirchhhainer Amtsgericht wurde ein bizarrer Fall gemeinschaftlichen Diebstahls verhandelt. Angeklagt waren zwei Asylbewerber: Ein 35-jähriger Palästinenser und ein 29-jähriger Algerier. Ihnen warf die Anklage vor, am 14. Dezember 2011 in einem Marburger Kaufhaus gemeinschaftlich drei Anzüge und ein Hemd im Gesamtwert von 1140 Euro gestohlen zu haben. Dem Algerier warf die Staatsanwaltschaft zudem drei Diebstähle - einer davon begangen mit „einem gefährlichen Werkzeug“ (Messer) und einen versuchten Diebstahl vor.

Im Zentrum der Verhandlung stand jedoch die Kaufhaussache. Der Algerier räumte im Kern freimütig ein, was ihm die Anklageschrift vorwarf. Er habe in dem Kaufhaus vier Anzüge und ein Hemd mit in eine Umkleidekabine genommen, genommen, mit der Absicht, sie zu stehlen. „Mir haben die Sachen gefallen. Ich wollte sie haben, hatte aber kein Geld“, sagte er dem unter Vorsitz von Richter Joachim Filmer tagenden Gericht. Drei Anzüge und das Hemd habe er zum Zweck des Diebstahls in eine Plastiktüte gepackt, die ihm zuvor der ihm bekannte Palästinenser zum Preis von einem Euro an der Kasse gekauft habe. „Dann habe ich Angst vor Entdeckung und Strafe bekommen“, übersetzte für ihn der Dolmetscher. Deshalb sein weiteres Handeln: Während die Plastiktüte in der Kabine zurückbleibt, trägt er den vierten Anzug zurück an den Kleiderständer und verlässt den Laden. Das wäre strafrechtlich ein freiwilliger Rücktritt von einer Straftat gewesen. Laut Anklage ging die Geschichte aber weiter. Der Palästinenser soll unverzüglich die fragliche Kabine aufgesucht, die Plastiktüte an sich genommen und mit der Beute versucht haben, den Laden über einen vorher ausgekundschafteten Notausgang zu verlassen.

Diesen Tatvorwurf wies der Palästinenser entschieden zurück. Er habe auf Bitten des der deutschen Sprache kaum mächtigen Algeriers, den er zufällig in dem Kaufhaus getroffen habe, die Plastiktüte an der Kasse gekauft und dann den Laden verlassen, sagte er.

Der Detektiv hathandfeste Beweise

Die Beweisaufnahme schien einen schwierigen Weg zu nehmen, doch dann trat der Kaufhausdetektiv in den Zeugenstand, und der hatte handfeste Beweise mitgebracht: Eine DVD mit Mitschnitten des Tatgeschehens, das Überwachungskameras aus verschiedenen Abteilungen des Kaufhauses aufgezeichnet hatten. Die DVD war anfangs nicht zur Zusammenarbeit mit staatlicher Justiz-Software zu bewegen, ließ dann aber auf Umwegen starten. Die Heimkino-Vorführung im Gerichtssaal brachte überraschende Erkenntnisse. Die Bilder zeigten, wie der Palästinenser vor der eigentlichen Tat im Obergeschoss des Kaufhauses eine Notausgang-Tür inspizierte, sich an der Kasse eine Plastiktüte ohne Bezahlung geben ließ (der Detektiv: „Die Tüten sind bei uns grundsätzlich umsonst“), und dann die Diebesbeute aussuchte und mit ihr die Kabine betrat, die er schließlich mit einem Anzug und ohne Plastiktüte verließ. Die Bilder zeigten weiter, wie der in der Schuhabteilung wartende Algerier sofort die Kabine aufsuchte, die Plastiktüte an sich nahm, um dann das Obergeschoss aufzusuchen, wo er laut Videoaufzeichnung eine halbe Stunde lang ziellos herumlief.

Der Videobeweis zeigte, dass der Algerier etwas gestanden hatte, was er gar nicht getan hat. Des Rätsels Lösung: Die Staatsanwaltschaft hatte in der Anklageschrift die Tatbeteiligungen jeweils dem falschen Namen zugeordnet. Und die Angeklagten spielten das Spiel mit den vertauschten Rollen bereitwillig mit.

Lange Vorstrafenliste belastet Angeklagten

Das Duo war bei seiner Diebestour frühzeitig aufgefallen, wie der Detektiv berichtete. Zwei Mitarbeiter des Kaufhauses hätten den Algerier observiert, während er den Ausgang überwacht habe. Dabei sei ihm vor der Tür der Palästinenser aufgefallen. Sein „alter Kunde“ habe am Steuer eines Pizza-Service-Autos gesessen und gewartet, sei aber beim Anblick des Detektivs fortgefahren.

Für den Detektiv war damit der Zeitpunkt für den Zugriff gekommen. Der Algerier wurde im Obergeschoss festgehalten und der Polizei übergeben. Die Tüte mit der Beute fand sich wenig später unter einem Tisch in der Spielwarenabteilung.

Für Staatsanwaltschaft und Gericht hatte sich der angeklagte Tatvorwurf bestätigt. Der Verteidiger des Palästinensers bekannte: „Es sieht vieles saublöd aus, aber nicht ist nachgewiesen. Schlussfolgerungen sind keine Beweise“, sagte er und beantragte für seinen Mandanten Freispruch. Hilfsweise forderte er für den 35-jährigen eine Freiheitstrafe zur Bewährung, nachdem die Anklage für den siebenfach einschlägig vorbestraften Bewährungsversager sechs Monate Haft ohne Bewährung gefordert hatte. Der Verteidiger sah einen Zusammenhang zwischen der zur Tatzeit laut Urteil des Bundesverfassungsgerichts viel zu niedrigen Sozialleistung von knapp 200 Euro im Monat für Asylbewerber und den Eigentumsdelikten seines Mandanten. Jetzt gebe es monatlich 100 Euro mehr. Das helfe seinem Mandanten, straffrei zu leben.

Den in kurzer Zeit vierfach einschlägig vorbestraften Algerier verurteilte das Gericht zu einer Freiheitsstrafe von fünf Monaten, die es auf drei Jahre zur Bewährung aussetzte. Zu den Bewährungsauflagen gehören 100 Stunden gemeinnütziger Arbeit. In das Urteil bezog das Gericht den versuchten Diebstahl eines Kopfhörers und den Diebstahl von drei Schachteln Zigaretten mit ein. Einen weiteren Anklagevorwurf ließ das Gericht fallen.

Gleichwohl droht dem Mann noch ein Nachschlag: Weil er in einem Stadtallendorfer Drogeriemarkt mit Hilfe eines Messers Parfümfläschchen im Wert von mehreren hundert Euro gestohlen haben soll, muss er sich erneut verantworten. Das Gericht trennte das Verfahren ab, weil der Angeklagte den Einsatz des von der Polizei sichergestellten Messers bestritten hatte. Zu dem Verfahren sollen Polizeibeamte und Mitarbeiterinnen des Drogeriemarktes als Zeugen geladen werden.

von Matthias Mayer

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