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Ostkreis Handwerkskunst statt Schmuddel-Image
Landkreis Ostkreis Handwerkskunst statt Schmuddel-Image
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00:16 16.10.2018
Benjamin Krapp beim Abfüllen seines „Ryekorns“ in Flaschen: Der 37-Jährige gebürtige Neustädter will den Schnaps aus seiner „Schmuddelecke“ holen. Quelle: Privatfoto
Hamburg

Nein, das Image von Korn ist oft nicht das Beste. Lange Zeit galt er als „Billig-Sprit zum Flatrate-Saufen“, häufig in Mixgetränken wie „Fako“, ­also Fanta mit Korn, oder „Kobra“ – Korn mit Brausepulver. Nicht wegzudenken ist er auch aus dem klassischen „Herren­gedeck“ – also einem Bier mit einem Korn.

Doch jetzt könnte der Brand, meist aus Weizen und manchmal auch aus anderem Getreide hergestellt, ein Revival erleben. Denn: Angesagt ist, was handgemacht ist. Und dafür eignet sich Korn, für den es übrigens ein Reinheitsgebot gibt, wunderbar. Vermehrt setzen kleine Brennereien auf Korn, der somit dem Gin auf Sicht den Rang ablaufen könnte. Darauf setzt auch Benjamin Krapp. Der 37-jährige Neustädter wohnt mittlerweile in Hamburg. „Aber erst seit sechs Jahren“, wie er lachend sagt. Zuvor hatte er dreieinhalb Jahre in Nürnberg gelebt und davor in Marburg studiert.

Vor einem Jahr "Korn-Reise" begonnen

Er hat in Hamburg mit seinem Start-up den „Ryekorn“ entwickelt. „Rye“ ist englisch und steht für Roggen – und beschreibt somit die Grundzutat. Denn Krapp hat einen Roggenkorn in Zusammenarbeit mit Hamburgs ältester Spirituosenmanufaktur kreiert. „Ich habe­ vor rund einem Jahr meine­ ,Korn-Reise‘ angetreten mit dem erklärten Ziel, mit einem wirklich guten Korn, einem tollen Packaging und viel Social- Media-Aktivität diesen Schnaps wieder salonfähig zu machen“, sagt Krapp.

Er habe sich bewusst für Roggen als Rohstoff entschieden. „95 Prozent des Korns auf dem Markt wird aus Weizen hergestellt. Aber Roggen macht ihn viel milder im Geschmack – dadurch eignet sich mein Korn auch gut für Longdrinks und Cocktails aller Art“, sagt Krapp selbstbewusst.

Den passenden Korn zu kreieren habe ein gutes Jahr gedauert. Immer wieder hat Krapp mit der Brennerei herumprobiert, verschiedene Mischungen getestet – bis dann endlich der „Ryekorn“ so war, wie es ihm gefiel. Einen gut fünfstelligen Betrag hat der ehemalige Neustädter, der in Marburg Betriebswirtschaft studiert hat, bereits in sein Projekt investiert. Und seit wenigen Wochen ist sein Korn im Verkauf.

Doch warum Korn? „Anders als beim Gin gibt es bei Korn ein Reinheitsgebot“, sagt Benjamin Krapp. Für seine Herstellung dürfen ausschließlich Weizen, Roggen, Buchweizen, Hafer und Gerste verwendet werden. „Ein Aromatisieren wie beim Gin fällt also weg – insofern kann man bei Korn sicher sein, ein Produkt zu konsumieren, das frei von Aromen und Zusätzen ist. Das eigentliche Produkt – bei uns der Roggen – macht also den geschmacklichen Unterschied aus.“

Mehrere Brennereien widmen sich nun dem Korn

„Unser Korn ist wirklich handgemacht: Wirklich jeder Arbeitsschritt wird in Handarbeit ­vorgenommen“, versichert der ­gebürtige Neustädter. Und das schmecke man, versichert er.

Doch warum Korn? „Man kann ihn wunderbar pur trinken oder auch ganz tolle Sachen mischen. Ich möchte ihn gerne aus der Ecke holen, denn häufig gilt Korn als Pennergesöff – und das ist er auf keinen Fall“, sagt Krapp.

Mittlerweile gebe es mehrere Start-ups, die sich des Themas Korn annehmen würden, „und das ist auch gut so. Denn als ich vor eineinhalb Jahren angefangen habe, mich mit Korn zu beschäftigen, war ich recht alleine.“ Er sehe die Mitbewerber nicht als Konkurrenz, „ich denke eher, das wird mir meine Mission vereinfachen, Korn wieder als Getränk für ein gepflegtes Ausgehen zu positionieren“.

Privatfoto

Vor wenigen Wochen hat der Verkauf begonnen, „es gibt einige Gastronomen in Hamburg, die ich von meinem ,Ryekorn‘ bereits überzeugen konnte“, sagt Krapp. Bald soll auch sein Online-Shop unter ryekorn.com online gehen. Aber leben­ kann der 37-Jährige von seiner Spirituosen-Kreation noch nicht. „Im Moment bin ich noch Marketingleiter eines mittelständischen Unternehmens in Hamburg“, sagt er. Das Geschäft mit „Ryekorn“ sei ein zweites Standbein, „ich hoffe, dass es sich ­irgendwann selbst trägt“.

Nach Neustadt kommt Benjamin Krapp übrigens noch regelmäßig, besucht Familie und Freunde, „und ich bin auch immer noch Mitglied im VfL Neustadt“. Dort würde er noch in der zweiten Mannschaft mitkicken, „wenn sie mich noch brauchen“, sagt er. Ob es dann in der Kabine nur Bier geben würde – oder das klassische Herrengedeck mit „Ryekorn“? Das ließ Krapp lachend offen.

von Andreas Schmidt