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Ostkreis „Habe nur den Arbeitgeber gewechselt“
Landkreis Ostkreis „Habe nur den Arbeitgeber gewechselt“
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06:16 01.07.2012
Willkommen im Ruhestand – Manfred Vollmer, der Alt-Bürgermeister von Stadtallendorf, genießt die neu gewonnen Freizeit in vollen Zügen.Foto: Florian Lerchbacher
Stadtallendorf

30 Jahre lang bestellte Manfred Vollmer den politischen Boden Stadtallendorfs. 30 Jahre lang war er der erste, der das Rathaus betrat und der letzte, der es wieder verließ. 30 Jahre lang prägte er als Bürgermeister das Geschehen in der jungen Stadt im Grünen, drückte ihr seinen Stempel auf. Dann zog er den Schlussstrich, stellte sich nach fünf Legislaturperioden nicht mehr zur Wahl und ist nun einer von 22000: ein ganz normaler Bürger der Stadt Stadtallendorf. 107 Tage ist er im Ruhestand - Zeit, für eine Zwischenbilanz.

Zunächst sei gesagt, dass die Bezeichnung „ganz normal“ dem Bürger Manfred Vollmer natürlich auch nicht gerecht wird, schließlich sitzt er noch immer als finanzpolitischer Sprecher für die CDU im Kreistag und genießt in Stadtallendorf weiterhin einen besonderen Status: „Die Aufnahme durch die Menschen ist freundlich plus. Ich muss mir viel Zeit nehmen, wenn ich durch die Stadt gehe“, berichtet der 69-Jährige, der nun, da er mehr Zeit hat, sich selbige auch gerne nimmt: „Es fühlt sich wie im Urlaub an: Was ich früher sehr hektisch erledigen musste, kann ich heute ganz ruhig angehen.“ Am meisten genießt Vollmer die neue Freiheit selbstverständlich im Kreis der Familie: Gerade sonntags sei es sehr angenehm, wenn er und seine Frau Margot den Besuch bei Kindern nicht sofort nach dem Frühstück beenden müssten, sondern ohne Druck ein paar Stunden sitzen bleiben können - oder den Besuch einfach noch um einen Tag verlängern.

Früher hatte er stets Termine im Nacken sitzen, nun höchstens den Schalk: „Ich habe doch eigentlich nur den Arbeitgeber gewechselt. Ich bin ins zweite Glied zurückgetreten und arbeite nur noch nach Weisung“, erklärt Vollmer mit einem Grinsen und berichtet von seinen neuen Aufgaben wie der Gartenarbeit, dem Umdekorieren des Hauses oder dem Einkaufen.

Wer nun an Loriot in „Papa Ante Portas“ denkt, dem sei gesagt: Parallelen sind vorhanden, die Extreme aber nicht: „Wenn ich einkaufen gehe, arbeite ich meinen Zettel von oben nach unten ab, schaue aber nicht nach links und rechts“, sagt der Bürgermeister im Ruhestand - kistenweise Senf wie in dem Loriot-Klassiker hat er also noch nicht nach Hause gebracht.

„Aufräumen, sortieren, sich trennen und ein bisschen neu ordnen.“ So fasst Vollmer seine Tätigkeiten der vergangenen Monate zusammen - sowohl im Haus als auch im Leben. Kleidungstechnisch gesehen ist auffällig, dass er noch immer Hemd und schicke Hose trägt, auf die Krawatte verzichtet er jedoch. T-Shirt trage er nur im Urlaub, wiegelt er ab. Und einen geregelten Tagesablauf habe er auch noch: So stelle er sicher, dass er nicht „ins Gammeln“ komme.

Ob er sich denn schon einmal dabei erwischt habe, morgens aufgestanden zu sein und sich bereit für das Büro gemacht zu haben, will diese Zeitung wissen. „Ich bin doch nicht krank“, entgegnet Vollmer - erneut mit schelmischen Lächeln - und zeigt dem Fragesteller einen Vogel. „Ich wusste genau, wann Schluss ist und fühle mich jetzt pudelwohl.“ Kurz: Er genießt den Ruhestand. Mit Hilfe seiner Frau lernte er zum Beispiel, mit dem Internet umzugehen und E-Mails zu schreiben: „Ich lebe doch nicht hinterm Mond“, betont er, präsentiert die neuesten Errungenschaften Handy und Smartphone und kommentiert den Hinweis: „Früher konnten Sie das alles nicht“ mit dem Kommentar: „Früher hatte ich ja auch kein Privatleben. Jetzt habe ich Kontakt zur Außenwelt und pflege diesen auch.“

„Ich hole nach, was ich versäumt habe“, fasst er zusammen. Vermissen würde er die Arbeit nicht, „aber es ist doch klar, dass man nach so langer Zeit im Amt an Dingen, Projekten oder Personen hängt und sie nicht so einfach abschütteln kann.“ Zu politischen Fragen oder seinem Nachfolger will sich der Bürgermeister a.D. nicht äußern. Zum einen aus Respekt, zum anderen, weil für ihn anderes im Vordergrund steht.

Sein Terminkalender ist noch immer randvoll. „Bis Herbst bin ich ausgebucht“, berichtet Vollmer, der auch ein wenig gelassener geworden ist. Eine Aussage von ihm wie „Man muss ja nicht immer die Welt bewegen - oder meinen, man bewegt sie“, wäre früher schier undenkbar gewesen. Doch heute klingt sie glaubwürdig. Vor allem angesichts seines Fazits: „Ich fühle mich sehr gut - sehr gut plus.“

von Florian Lerchbacher