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Großer Streit um sechs Meter

Bahnhofsumfeld Großer Streit um sechs Meter

Das Kirchhainer Stadtparlament hat am Montagabend mit den Stimmen der Koalitionsfraktionen das größte Projekt zur Innenstadtentwicklung planungsrechtlich auf den Weg gebracht: Die Neugestaltung des Bahnhofsumfeldes.

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Nur einmal am Tag hält ein Zug auf Gleis 5 des Kirchhainer Bahnhofs, dessen Bahnsteig relativ leicht barrierefrei zu gestalten ist. Die Regionalbahn Gießen–Kirchhain endet dort. Um 8.02 fährt der Zug zurück nach Gießen.

Quelle: Matthias Mayer

Kirchhain. Bevor der Satzungsbeschluss zum Bebauungsplan gefasst wurde, erlebten die Zuhörer eine teilweise ruppig geführte Debatte zwischen der SPD und den Koalitionsfraktionen von CDU, Grünen und FDP. Als Bürgermeister Jochen Kirchner (parteilos) einen in seinen Augen höchst unsachlichen Redebeitrag des SPD-Stadtverordneten Ralf Binz höhnisch mit „Tä-täää, tä-täää, tä-täää“ kommentierte, drohte die Veranstaltung aus dem Ruder zu laufen.

Die karnevalistische Tusch- Imitation des Bürgermeisters brachte die SPD auf die Palme. „Das war eine Frechheit“, hallte es aus der SPD-Fraktion dem Bürgermeister entgegen. Der schoss erbost zurück: „Ihr Vortrag war eine Frechheit.“ SPD-Fraktionschef Olaf Hausmann ging daraufhin in die Bütt: „Ich halte es für ungebührlich, wie der Bürgermeister mit einem Stadtverordneten umgeht. Und ich finde es überraschend, dass der Stadtverordnetenvorsteher an dieser Stelle nicht eingeschritten ist“, sagte Hausmann.

Worum ging‘s? Die SPD hatte zur Verärgerung der Koalitionäre ihre Vorstellungen zu dem Projekt erst extrem spät in Antragsform gegossen und sich dabei auch von der im Oktober 2010 noch mit dem Stimmen der SPD beschlossenen Festlegung der Quartiere für Busbahnhof Kurzparkzone, Park-and-ride-Plätze losgelöst, wie Reiner Nau (Grüne) den Sozialdemokraten vorhielt. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, kommentierte Professor Erhard Mörschel (CDU) das Verhalten der SPD. „Ich verstehe nicht, wie die SPD jetzt noch diesen Antrag stellen kann, da Planung und Förderung stehen“, kritisierte Angelika Aschenbrenner (FDP).

Was die beiden Entwürfe trennt: Die von der Koalition getragene Planung des Magistrats orientiert an der berühmten Neujahrsansprache des aus Kirchhain stammenden Einzelhandelsexperten Heiner Dippel, der zur Stärkung der Fußgängerzone das „Knochen-Modell“ vorgeschlagen hat. Als Gegenstück zur zugkräftigen Mühltor-Passage solle am Bahnhof ein attraktives Gegenstück mit Einzelhandel, Gastronomie und Dienstleistung entstehen. Die Planung setzt das um. Ein Investor soll das Bahnhofsgebäude für bedarfsgerechten Einzelhandel herrichten und nebenan ein Marktgebäude errichten. Ein gestalteter Platz vor dem Empfangsgebäude und eine bessere Anbindung des Bahnhofs an die Fußgängerzone sollen das Areal für Besucher einladender machen.

„Stuttgart 21“

Die SPD setzt dagegen auch aus Kostengründen auf eine deutlich abgespeckte, rein funktionale Lösung. Sie möchte den neuen Busbahnhof nicht 150 Meter abseits, sondern direkt rechts neben dem Empfangsgebäude errichten und die Verkehrsachse Feldweg/ Am Bahnhof durch den Bau eines kleinen Kreisels mit 27 Metern Durchmesser ertüchtigen. Die Koalition setzt dagegen auf einen im Durchmesser um sechs Meter kleineren, dafür aber überfahrbaren Minikreisel. Um diese sechs Meter Durchmesser entspann sich während der Debatte ein regelrechter Glaubenskrieg, wobei beide Seiten für sich in Anspruch nahmen, allein Verkehrssicherheit und Verkehrsfluss im Auge zu haben. Worte wie „Schildbürgerstreich“, „realitätsfern“, „niveaulos“, „der Bürger bleibt auf der Strecke“, „Fehlentwicklung“ „was totaler Quatsch“ und sogar „Stuttgart 21“ prägten die Debatte, die mit dem erwarteten Abstimmungsergebnis endete.

Wie sagte Angelika Aschenbrenner: Jetzt, da der große Rahmen stehe, könne zügig mit der Detailarbeit begonnen werden. Dass diese notwendig ist, steht für den Kirchhainer Bürger Hans Rutz außer Frage. Rutz ist auf einen Rollstuhl angewiesen; ihm liegt eine barrierefreie Erschließung der Bahnsteige besonders am Herzen. In einem Schreiben an diese Zeitung kritisiert er die Pläne der Stadt, die Unterführung durch eine Rampe zu erschließen. Solche Pläne ohne verbindliche Absprachen mit der Bahn seien realitätsfern. Der behindertengerechte Ausbau des Inselbahnsteigs sei wegen der Kurvenlage und der extremen Neigung der Gleise eins und zwei praktisch nicht machbar. Stattdessen wirbt er für den Ausbau des Bahnsteigs am leicht zugänglichen Gleis 5. Eine Verlegung des Haltepunktes an dieses Gleis lehnt die Bahn aber ab, weil sich dadurch die Fahrzeiten der in Kirchhain haltenden Züge um drei Minuten verlängert.

von Matthias Mayer

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