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Kinder laufen in den Orkan hinein

Kritik von Eltern Kinder laufen in den Orkan hinein

Schulen im Kreis durften während des Orkans eigenständig entscheiden, wann sie den Unterricht beenden. Eine Information des Schulamts erfolgte aber erst zwischen 11 und 12 Uhr am Tag von „Friederike“.

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Eine Pappel liegt während des Orkans umgestürzt auf einem Weg im kleinen Park neben der Stadthalle.

Quelle: Michael Rinde

Stadtallendorf. Eine umstürzende Pappel traf während des Orkans „Friederike“ am Donnerstag eine 13 Jahre alte Schülerin und eine Mitschülerin, die sie begleitete. Das Unglück geschah im kleinen Park neben der Stadthalle ( die OP berichtete) ungefähr zwischen 12.30 und kurz vor 13 Uhr. Mitschülerinnen holten die 13-Jährige unter dem Baum hervor, leisteten Erste Hilfe und riefen den Rettungsdienst. Sie wurde schwer, ihre Mitschülerin leicht verletzt.

Dass gleich zwei Mädchen von dem Unglück betroffen waren, wurde erst am Freitag bekannt. Wann genau der Notruf aus dem Park bei der Leitstelle einging, will der Kreis recherchieren. In jenem Zeitraum sind nach Angaben der Leitstelle mehrere hundert Notrufe zeitgleich dort eingelaufen.

Nach Auskunft von Bürgermeister Christian Somogyi, der mit den Eltern in Kontakt stand, ging es der Schwerverletzten, die im Uni-Klinikum weiter behandelt werden muss, am Freitag besser. Eltern klagten am Freitag darüber, dass die Georg-Büchner-Schule am Donnerstag, während Orkan „Friederike“ schon heftig tobte, den Schülern auf Empfehlung des Schulamtes freigegeben hatte. Dies gerade vor dem Hintergrund, dass die GBS eine Ganztagsschule ist und viele Eltern am Donnerstagmittag auch nicht die Möglichkeit gehabt hätten, Kinder abzuholen.

Andere Kreise handeln anders

Tatsächlich liefen nach Ende der sechsten Unterrichtsstunde um 13.10 Uhr zahllose Schüler den Lohpfad herunter und auch durch den kleinen Park an den bereits umgeknickten Pappeln entlang – mitten im größten Sturm, als die Feuerwehr bereits pausenlos im Einsatz war. Abgesperrt war der Park zu diesem Zeitpunkt nicht, obwohl die Bäume auf den Wegen lagen. Was war geschehen? Zwischen 11 und 12 Uhr habe er sich an die Schulen gewandt und es ihnen letztlich überlassen, ob sie den Unterricht ausfallen lassen, erklärt Schulamtsleiter Arno Bernhardt auf Nachfrage.

Der Schulausfall war an Bedingungen geknüpft, etwa, dass der Bustransfer gesichert ist und die Nachmittagsbetreuung gewährleistet bleibt. In benachbarten Kreisen ist das Thema Schulausfall angesichts des Orkans anders gehandhabt worden: Im Kreis Waldeck-Frankenberg waren zehn Schulen von vornherein geschlossen. Das hatten Kinder und Eltern teilweise bereits am Vortag erfahren. Dort hatte der Kreis als Schulträger empfohlen, den Unterricht nach der dritten Stunde enden zu lassen.

Schulausfälle gab es auch in den Kreisen Gießen, Schwalm-Eder, Lahn-Dill und Vogelsberg, wie die Deutsche Presse-Agentur berichtet hatte. An der Georg-Büchner-Schule fiel am Donnerstag nach der kurzfristigen Nachricht aus Marburg die Entscheidung, die Kinder, die der Rhythmisierung unterliegen, nach der fünften Stunde (ab 12.25 Uhr), die übrigen nach der sechsten Stunde nach Hause zu lassen. Warum? „Wir gingen nach unseren Informationen davon aus, dass der Orkan erst am frühen Nachmittag seinen Höhepunkt erreicht. Als wir entschieden haben, war der Bustransport noch sichergestellt“, sagt Schulleiterin Amanda Chisnell.

Chisnell: Wir haben niemanden davongejagt

Aus Sicht der Schulleitung war der Heimweg der Schüler zu diesem Zeitpunkt noch sicher. Dabei hätten sich alle Schulen, die am Lohpfad angesiedelt sind (wie die Landgräfin-Elisabeth-Schule), abgestimmt, erläutert auch Barbara Voeth, die stellvertretende Schulleiterin, mit der die OP am Freitag ebenfalls sprach. Die 13 Jahre alte Schülerin betraf der Unterrichtsausfall an diesem Tag allerdings ohnehin nicht. Ihr Unterricht war nach der fünften Stunde regulär beendet. Hätten Schüler, die nicht wussten, wie sie sicher nach Hause kommen, auch länger in der Schule bleiben können? „Ja, wir haben niemanden davongejagt und für Betreuung gesorgt“, antwortet Chisnell.

Schulamtsleiter Bernhardt stellte sich gegenüber dieser Zeitung ausdrücklich hinter die Entscheidung der Schulleitung. „Ich kann in Stadtallendorf kein unverantwortliches Handeln erkennen. Das war eine Abwägungsentscheidung nach bestem Wissen und Gewissen“, sagt Bernhardt. Das Ereignis sei ein tragischer Unfall gewesen, der allen im Schulamt und der Schule sehr leid tue.

Schulleiterin wünscht sich bessere Abstimmung

Barbara Voeth räumt ein: „Vielleicht haben wir Schulen an diesem Tag zu spät entschieden.“ Auch Schulleiterin Chisnell will aus den Ereignissen des Tages Konsequenzen ziehen. So sei etwa eine bessere Abstimmung für solche Krisensituationen mit allen Beteiligten nötig, etwa mit der Stadt und dem Kreis als Schulträger. Bessere Abstimmung wünscht sich für die Zukunft auch Bürgermeister Christian Somogyi, darüber sei er sich mit der Schulleiterin nach einem ersten Gespräch einig.

Das 13 Jahre alte Mädchen und ihre Mitschülerin wurden von einem Baum getroffen, der ganz offensichtlich von innen faul war. Die OP hakte bei der Stadt nach, wann ihre Pappeln im Park zuletzt auf ihre Standsicherheit überprüft wurden. Laut Somogyi erfolgte die letzte Baumschau dort im vergangenen Jahr, es seien keine Probleme festgestellt worden. „Wir können nicht jede Pappel anbohren, ob sie faul ist“, sagt Somogyi. Unabhängig davon soll die letzte in dem kleinen Park noch stehende Pappel angesichts der Ereignisse nun auch gefällt werden.

von Michael Rinde

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