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Ostkreis Gesetzlicher Auftrag lautet Erziehung
Landkreis Ostkreis Gesetzlicher Auftrag lautet Erziehung
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Joachim Filmer sitzt in seinem Kirchhainer Richterzimmer. Der Marburger ist sowohl Straf- als auch Jugendrichter. Quelle: Matthias Mayer
Kirchhain

Kirchhain. Verhandelt wird auch hier im Saal 116 im ersten Obergeschoss des prächtigen Gründerzeit-Gebäudes. Den Vorsitz führt - wie in anderen Strafverfahren - Jochim Filmer, auch wenn er in Jugendverfahren nicht als Strafrichter, sondern als Jugendrichter agiert. Es gibt einen Staatsanwalt und eine Protokollführerin. Nur ein äußerlicher Unterschied ist auf den ersten Blick erkennbar, und der weist schon auf die Besonderheit eines Jugendgerichtsverfahrens hin: An dem Tisch, an dem sonst Gutachter oder Nebenkläger Platz nehmen, sitzen Vertreter der Jugendgerichtshilfe.

Joachim Filmer weiß die Arbeit der Jugendgerichtshilfe zu schätzen. Deren Vertreter sind in der Regel Mitarbeiter des Jugendamtes, die Verfahren nach dem Jugendgerichtsgesetz (JGG) sozialpädagogisch begleiten, dazu den Kontakt zu den Beschuldigten suchen, ihren familiären, schulischen und sozialen Hintergrund abklären. Im Prozess äußern sie sich zur Prognose ihrer Klienten und geben bei heranwachsenden Angeklagten (zur Tatzeit schon 18, aber noch nicht 21 Jahre alt) eine Empfehlung ab, ob Jugendstrafrecht oder Erwachsenenstrafrecht anzuwenden ist.

Voraussetzung dafür ist: Junge Angeklagte lassen sich auf Gespräche mit der Jugendgerichtshilfe ein. "Mit der Jugendgerichtshilfe zu sprechen hat sich noch nie negativ für einen Angeklagten ausgewirkt", sagt Joachim Filmer und nennt dafür ein drastisches Beispiel. "Wenn ein 15-jähriges Mädchen auf dem Schulklo eine 12-Jährige niederschlägt und deren Kopf derartig heftig gegen die Kloschüssel stößt, dass das Opfer stark blutet, ist das zunächst eine brutale Tat. Wenn sich dann aber herausstellt, dass die Täterin schon als Kleinkind ansehen musste, wie ihr sadistischer Vater vor den Augen der Kinder die Mutter regelmäßig folterte, erscheint die Tat in einem anderem Licht", erklärt der Richter und ist sich sicher, dass solche schrecklichen Erlebnisse aus dem familiären Umfeld eher in einem Gespräch mit der Jugendgerichtshilfe ans Tageslicht kommen, als während eines Prozesses.

Der Werdegang eines Jugendgerichtsverfahrens ähnelt dem eines normalen Strafverfahrens. Die Polizei ermittelt, die Staatsanwaltschaft verfasst bei begründeten Verdachtsmomenten eine Anklageschrift und stellt sie dem zuständigen Gericht zu. Dort prüft ein Richter die Anklageschrift. Lässt der Richter die Anklageschrift zu, wird diese dem Angeklagten zugestellt. Das ist der Moment, in dem Joachim Filmer den Angeklagten zum Gespräch einlädt.

In der Hauptverhandlung zeigen sich die Unterschiede zwischen Erwachsenenstrafrecht und Jugendstrafrecht. "Die Tatbestände sind wie bei den Erwachsenen. Was es nicht gibt, ist der Strafrahmen. Der spielt im Jugendstrafrecht überhaupt keine Rolle", erklärt Filmer, der dies als große Stärke des JGG ansieht: "Es gibt eine Riesenbandbreite, mit der ich auf bestimmte Delikte reagieren kann. Die lassen sich ganz individuell auf die jeweilige Persönlichkeit des Angeklagten zuschneiden." "Ich soll auf Jugendliche erzieherisch einwirken, um weitere Straftaten zu vermeiden", nennt Joachim Filmer die oberste Maxime für einen Jugendrichter.

Die unterste Stufe dieser Einwirkung sind Weisungen, die Gebote und Verbote beinhalten können. "Ich kann Jugendliche anweisen, bestimmte Lokale zu meiden, Hilfen vom Jugendamt anzunehmen, regelmäßig die Schule zu besuchen und Fördermöglichkeiten der Schule wahrzunehmen", nennt der Jugendrichter einige Beispiele.

"Nach dem Arrest trennt sich die Spreu vom Weizen"

Auf der nächsten Stufe sehen die sogenannten "Zuchtmittel". Dazu können Auflagen wie Geldzahlungen, gemeinnützige Arbeitsstunden oder auch Jugendarrest gehören. Den gibt es in der Jugendarrest-Einrichtung Friedberg als Freizeitarrest von Freitagmittag bis Sonntagabend oder als Dauerarrest von einer bis vier Wochen.

Nach Filmers Erfahrung wird der Jugendarrest zu unrecht unterschätzt. Das Wissen, eine geschlossene Tür nicht selber öffnen zu können, beeindrucke vor allem die jüngeren Jugendlichen zutiefst. Außerdem werde im Arrest pädagogische Arbeit geleistet. "Nach dem Arrest scheidet sich die Spreu vom Weizen. Wer dort seine Lektion gelernt hat, den sehen wir nie wieder. Wer wieder kommt, bei dem ist der spätere Weg oft schon vorgezeichnet", berichtet der Richter.

227 Jugendliche standenin Kirchhain vor Gericht

Der spätere Weg führt dann nicht selten zur Jugendstrafe, dem schärfsten Schwert des Jugendstrafrechts, das Joachim Filmer während seiner zwölfjährigen Praxis als Jugendrichter nur einmal anwenden musste. Hier beträgt die Mindeststrafe sechs Monate, die Höchststrafe zehn Jahre. "Selbst wer als Jugendlicher einen grausamen Mord begeht, kann keine höhere Strafe bekommen", stellt Filmer einen Punkt heraus, der nach Kapitalverbrechen mit jugendlichen Tätern in der Öffentlichkeit immer wieder für Unverständnis sorgt.

227-mal hat Joachim Filmer im Jahr 2010 Verhandlungen gegen jugendliche und heranwachsende Straftäter führen müssen. Dabei spielten nach Eigentumsdelikten und Verkehrsstrafsachen Körperverletzungen die wichtigste Rolle. Filmer bedauert in diesem Zusammenhang, dass es im Landkreis kein Angebot für Anti-Aggressionstraining mehr gibt. "Mit diesem Training hatten wir beim harten Kern unserer Körperverletzer messbare Erfolge. Angeklagte, die in der Verhandlung den dicken Macker spielten, haben dort angefangen zu heulen", trauert der Richter um ein wirksames Instrument, Jugendliche zu erreichen, Einsicht für begangenes Unrecht zu wecken.

Die Öffentlichkeit bekommt von dem Geschehen der Jugendgerichtsbarkeit wenig mit, denn gegen strafmündige Jugendliche, die zur Tatzeit mindestens 14 Jahre, aber noch nicht 18 Jahre alt sind, wird grundsätzlich hinter verschlossenen Türen verhandelt. Nur wenn Heranwachsende auf der Anklagebank sitzen, wird die Öffentlichkeit zugelassen. Was geschieht hinter den verschlossenen Türen? Filmer erlebte die orientierungslose 18-Jährige, die ihren Platz im Leben noch nicht gefunden hat, aber auch den abgezockten 15-jährigen Straftäter: "Ein paar jugendliche Angeklagte sind nicht erreichbar, da können Sie sich noch so anstrengen. Aber das sind Gott sei Dank nur wenige." Das klingt hoffnungsvoll.

von Matthias Mayer