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Ostkreis „Das war ein ganz unglücklicher Zufall“
Landkreis Ostkreis „Das war ein ganz unglücklicher Zufall“
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09:00 04.03.2018
Archivbild: Laut Gutachten hatte der Motorradfahrer keine Chance, auf das Fehlverhalten des Autofahrers zu reagieren. Quelle: Nadine Weigel
Roßdorf

„Das ist ein Verfahren, das ich nicht nur ungern verhandele, weil es belastend ist, sondern auch, weil es uns vor Augen führt, dass so etwas jedem von uns passieren kann“, sagte Richter Joachim Filmer während der Verhandlung wegen fahrlässiger Tötung gegen einen Stadtallendorfer.

Der 25-Jährige hatte im Mai des vergangenen Jahres einem 40 Jahre alten Motorradfahrer aus dem Hinterland auf der Landesstraße 3048 bei Roßdorf die Vorfahrt genommen. Es kam zum Zusammenstoß, bei dem der Motorradfahrer über das Auto geschleudert wurde und tödliche Verletzungen erlitt.

Keine Nebenkläger

„Ich möchte mein tiefstes Bedauern ausdrücken“, betonte der Angeklagte zu Beginn und zum Ende der Verhandlung. Noch dazu wolle er sich entschuldigen – Worte, die allerdings nur die Prozessbeteiligten hörten. Angehörige des Unfallopfers waren im Gerichtssaal nicht zugegen. „Ich weiß auch nichts über das Opfer. Es gibt keine Nebenkläger. Das habe ich selten erlebt“, kommentierte Filmer die für ihn „sehr ungewöhnliche Situation“. Eigentlich sei über den 40-Jährigen nur bekannt, dass seine Eltern nach dem Unfall informiert wurden und der Mann das Motorrad ausgeliehen hatte.

"Augenblicksversagen" als Grund für den Unfall genannt

Der Angeklagte musste sich für seine Aussage an den Tag des Unfalls zurückerinnern: Er sei aus Richtung Ebsdorfergrund von der Arbeit gekommen und wollte auf dem Heimweg in Richtung Roßdorf abbiegen. Dabei habe er angehalten, um ein entgegenkommendes Fahrzeug vorbeizulassen. Dann sei er wieder losgefahren und habe seine Freundin nur noch erschrocken Luft holen hören, bevor es zum Zusammenstoß kam. Laut Gutachten hatte der Autofahrer beim Unfall eine maximale Geschwindigkeit von 20 Stundenkilometern, der Motorradfahrer war mit 70 bis 90 Stundenkilometern (bei einer Geschwindigkeitsbegrenzung von 80) unterwegs.

Der Getötete habe keine Chance gehabt zu reagieren, stellte Filmer heraus und ließ auch kein Nachbohren des Anwaltes zu, der daran erinnern wollte, dass der Motorradfahrer gar nicht reagiert hatte. Dazu habe er keine Möglichkeit gehabt, betonte der Richter erneut. Das habe das Zeit-­Wege-Diagramm ergeben: „Und natürlich muss man als Motorradfahrer immer eigentlich drei Augen auf dem Verkehr haben. Aber die Situation hier schien aus Sicht des Motorradfahrers sicher zu sein, schließlich hatte der Angeklagte das vorherfahrende Auto ja auch gesehen.“

Unfall belastet den 25-Jährigen noch immer

Die Staatsanwältin sagte in ihrem Plädoyer, dass „Augenblicksversagen“ Grund für den Unfall gewesen sei: „Jeder, der am Verkehr teilnimmt, ist manchmal für eine Sekunde abgelenkt – beispielsweise von der Freundin oder den Geschehnissen des Tages, aber manchmal ist man auch einfach so nicht aufmerksam. Was dem Angeklagten passiert ist, kann jedem von uns passieren“, betonte sie und ergänzte: „Der Angeklagte muss nun mit den Auswirkungen des Unfalls leben und damit, einen Menschen getötet zu haben.“

Ein Punkt, der den 25-Jährigen sichtlich belastet: Auf dem Arbeitsweg fährt er täglich zweimal an der Unfallstelle vorbei und wird immer wieder an das Unglück erinnert. Lange nahm er auch Seelsorge und Therapie in Anspruch. Doch abgeschlossen hat er mit dem Fall noch nicht im Geringsten – wie auch seine Reaktion auf die Worte seines Anwaltes am Ende der Verhandlung deutlich macht. Dabei hatte dieser eigentlich nur herausstellen wollen, dass sein Mandant die ebenfalls belastende Verhandlung hinter sich gebracht habe.

90 Tagessätze à 50 Euro

Der 25-Jährige muss – wie von Staatsanwältin und Verteidiger angeregt – wegen fahrlässiger Tötung 90 Tagessätze à 50 Euro zahlen. „Das war ein ganz unglücklicher Zufall“, sagte Filmer und sprach von „unerklärlichen Gründen“, die zum Übersehen des Motorradfahrers geführt hätten: „Einmal nicht richtig aufgepasst, schon ist ein Mensch gestorben. Wenn Sie einen Pkw übersehen hätten, wäre es wahrscheinlich nur zu einem größeren Blechschaden gekommen.“ Der Richter tat sich sogar schwer damit, in der Verhandlung den Begriff „vorwerfen“ zu verwenden. Er bezeichnete eine Geldstrafe als völlig ausreichend – wobei es schwierig sei, in so einem Fall überhaupt die Höhe festzulegen. Beide Seiten erklärten Rechtsmittelverzicht.

von Florian Lerchbacher