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"Gefestigt und zielstrebig"

Vergewaltigungsprozess "Gefestigt und zielstrebig"

Beim Prozess um eine mögliche Vergewaltigung in der Erstaufnahme Stadtallendorf ist ein Ende der Beweisaufnahme in Sicht.

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Die Beweisaufnahme im Vergewaltigungsprozess am Landgericht in Marburg ist fast abgeschlossen.

Quelle: Thorsten Richter

Stadtallendorf. Am Donnerstag hörte die große Jugendkammer des Landgerichts Marburg weitere Zeugen, darunter Ermittlungsbeamte der Polizei. Hinzu kam eine Stellungnahme des Jugendamtes des Landkreises zur Persönlichkeit der beiden 19 und 21 Jahre alten Angeklagten. Ihnen wird (die OP berichtete) die gemeinschaftliche Vergewaltigung eines 26 Jahre alten weiteren Bewohners der damaligen Erstaufnahmeeinrichtung in Stadtallendorf vorgeworfen. Alle drei, mutmaßliche Täter wie Opfer, stammen aus verschiedenen Regionen Afghanistans.

Es obliegt der Jugendkammer, möglicherweise zu entscheiden, ob die beiden Männer nach Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht zu verurteilen wären. Zum Tatzeitpunkt Ende Mai 2016 galten beide als Heranwachsende, befanden sich also im Alter zwischen 18 und 21 Jahren.

Eine Mitarbeiterin des Jugendamtes des Landkreises hatte mit dem jüngeren der beiden Angeklagten bereits ein erstes Gespräch in der Justizvollzugsanstalt geführt. Mit dem inzwischen 21 Jahre alten zweiten Angeklagten sprach sie gestern in einer eigens eingeplanten Verhandlungspause.

Der 19-Jährige hatte in Afghanistan bereits ein Studium aufgenommen, der 21-Jährige hat die Schule dort abgebrochen, aber unter anderem drei Jahre in Indien gelebt. Grund seiner Flucht war nach Aussage der Jugendamts-Mitarbeiterin aufgrund des Gesprächs Angst um seine Sicherheit.

Sein Vater arbeite im Verteidigungsministerium. Nach ihren Gesprächen kam die Jugendamtsmitarbeiterin zu der Empfehlung an das Gericht, bei beiden Männern Erwachsenenstrafrecht anzuwenden. „Es ist keine Entwicklungsstörung feststellbar, beide wirken gefestigt und zielstrebig“, sagte sie. Beide hätten konkrete berufliche Absichten in Deutschland - Sprache lernen, Weiterstudieren oder Beruf erlernen.

Flüssige Aussagen,einige Spuren

Die 19 und 21 Jahre alten Männer bezeichneten sich gegenseitig als engste Freunde. Bei dem 21-Jährigen sind während der inzwischen mehr als sechsmonatigen Untersuchungshaft offenbar psychische Probleme aufgetreten.

Sein Verteidiger Carsten Dalkowski berichtete von Selbstmordversuchen, ein Grund, warum der junge Mann in eine andere Haftanstalt verlegt wurde. Das Gericht erwartet Aussagen der beiden unterschiedlichen Justizvollzugsanstalten auch zum Gesundheitszustand.

Breiten Raum nahm die Aussage des Kriminalbeamten ein, der als Mitglied des Kriminaldauerdienstes das mutmaßliche Opfer seinerzeit zuerst vernommen hatte. Es war eine sehr umfassende Vernehmung des 26-Jährigen, der selbst bei der Auftaktverhandlung am Montag vor Gericht ausgesagt hatte.

Zunächst habe sich der Mann etwas geziert, auch weil möglicherweise eine weitere Kriminalbeamtin bei der Aussage dabei war. „Ich habe das als Scham betrachtet“, sagte der Kriminalbeamte. Nach einigen klärenden Worten sei die Aussage dann sehr flüssig erfolgt, der Mann habe intensiv über das Geschehene berichtet, habe sogar unterbrochen werden müssen, um zu protokollieren.

Mitarbeiter der Erstaufnahme übersetzte

Der Polizist gehörte zu den Beamten, die seinerzeit die beiden jetzigen Angeklagten zunächst festnahmen. Er war bei der Durchsuchung von deren Zimmern anwesend. Dabei seien Tabak von der Sorte, wie sie dem 26-Jährigen gestohlen worden sein soll, Filterblättchen und ein Einwegfeuerzeug wie das des mutmaßlichen Opfers, gefunden worden.

Als Übersetzer bei der Befragung des 26-Jährigen fungierte bei der Polizei ein Mitarbeiter der Erstaufnahme, ein gebürtiger Afghane, doch wie sich bei dessen Befragung durch das Gericht bereits herausstellte, kein vereidigter Dolmetscher. Ein weiterer Ermittler erläuterte dem Gericht Verlauf und Ergebnisse der Spurensicherung.

Hierzu wurden vor Gericht auch Gutachten des Landeskriminalamtes eingebracht. Faktisch wurden im Zimmer des 26-Jährigen Blut- und Spermaspuren nachgewiesen.

Am Montag, 23. Januar, folgt ab 12 Uhr der vierte Verhandlungstag. Der Vorsitzende der Kammer, Richter Dr. Thomas Wolf, hält ein Ende der Beweisaufnahme an diesem Tag für möglich. Derzeit bemüht sich das Gericht noch darum, einen weiteren Zeugen der Verteidigung ausfindig zu machen, der Angaben zu den Ereignissen im Zimmer des 26-Jährigen machen könnte.

von Michael Rinde

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