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Ostkreis Tafeln geben Opfern einen Namen
Landkreis Ostkreis Tafeln geben Opfern einen Namen
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14:01 07.05.2018
Landrätin Kirsten Fründt und Eva Pusztai-Fahidi betrachteten eine der vorläufigen Namenstafeln. Das untere Bild zeigt Steine des Gedenkens auf dem symbolischen Lagertor. Quelle: Michael Rinde
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Stadtallendorf

Rund 1 000 jüdische ungarische Frauen 
aus dem Konzentrationslager Auschwitz arbeiteten unter 
 unmenschlichen Bedingungen von August 1944 bis April 1945 im Sprengstoffwerk der Dynamit Aktiengesellschaft. An ihr Schicksal erinnert seit nunmehr 30 Jahren die Gedenkstätte Münchmühle nahe dem Wasserwerk.

An Betonsäulen angebrachter Stacheldraht umrahmt die Gedenkstätte. Künftig sind auf den Säulen Tafeln angebracht. Der Stadtallendorfer Künstler Michael Feldpausch hat sie gestaltet. Auf ihnen stehen die Namen dieser Frauen.

Am Samstag erinnerten Landkreis und die Stadt 
Stadtallendorf gemeinsam an die Einweihung der Gedenkstätte. Zugleich enthüllten sie zunächst nur symbolisch angebrachte drei Tafeln. Leider waren die Originale nicht rechtzeitig geliefert worden.

Mit dabei war Eva Pusztai-Fahidi, vor einigen Tagen mit ihrem Lebensgefährten aus Budapest angereist. Wieder einmal. Und wieder hatte sie vor dem Wochenende Schülern von ihren 
Erlebnissen im Konzentrationslager und im damaligen Allendorf berichtet. Ihre Schilderungen bewegten am Samstag die Teilnehmer.

Mit klaren Worten machte sie deutlich, was es für sie heißt, in der Gedenkstätte zu stehen. „Ich sehe die acht Baracken vor mir, sehe viele Menschen“, so ihre ersten Sätze. Sie war eine der „Zitronen“. So hätten Bewohner Allendorfs die Zwangsarbeiter wegen ihrer gelben Haut genannt. Die Hautverfärbung stammte vom ungeschützten Umgang mit Chemikalien und Sprengstoffen.

Es geht um das Erinnern

Eva Pusztai-Fahidi wiederholte bewusst konkrete Erlebnisse aus ihrer Zeit als Zwangsarbeiterin. Es gehe um das Erinnern. So sprach sie wieder vom Aufseher Peter, der Insassen heimlich Brot zuschob, eine für ihn sehr gefährliche Hilfe.

„Vorher schrie er uns an, damit keiner Verdacht schöpft“, fügte Pusztai an. Sie erinnerte aber auch daran, dass sie in der Zeit im Lager zweimal habe tanzen können – zwischen Granaten. Nach ihrem Wissen leben von den damals 1 000 Frauen heute noch „weniger als 10“.

In deutschen Konzentrations­lagern verloren Insassen ihre 
Identität, wurden Nummern. Dass die Gedenkstätte nunmehr nach 30 Jahren auch die Namen der 1 000 Lagerinsassinnen bewahrt, ist für Eva Pusztai-Fahidi „etwas Wunderbares. Der Name ist doch das Gesicht“.

Vor ihrer Ansprache hatten Landrätin Kirsten Fründt, Stadtallendorfs Bürgermeister Christian Somogyi und Dr. Monika Hölscher, Leiterin des Gedenkstätten-Referats der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, gesprochen.

Auch Somogyi griff in seiner Begrüßung den Umstand auf, dass auch jene 1 000 Frauen vor mehr als 70 Jahren „zu Nummern erniedrigt wurden“. Die Erinnerung sei eine zentrale Aufgabe, seit 1986 sei die Stadt Stadtallendorf aktiv bei der Erinnerungsarbeit.

Landrätin Fründt wies darauf hin, dass es gegen den Bau der Gedenkstätte seinerzeit durchaus noch Widerstände gegeben habe. Und sie machte bewusst, dass es einst Schüler der Stadtallendorfer Georg-Büchner-Schule und der Kirchhainer Alfred-Wegener-Schule gewesen waren, die die Geschichte jener Jüdinnen aufgearbeitet hätten – und damit die Gedenkstätte möglich machten.

Steine am Zaun abgelegt

Wie wertvoll Berichte wie der der Stadtallendorfer Ehrenbürgerin inzwischen sind, brachte Dr. Monika Hölscher zu Bewusstsein. Die jüngste Zeitzeugin, die sie kenne, sei mittlerweile 81 Jahre alt.

„Wir müssen bei der Erinnerungsarbeit kreativ werden“, forderte sie. Wie problematisch es sein kann, jüngere Generationen zu erreichen, hat Eva Pusztai-Fahidi selbst erlebt. Ihr Enkel habe ihre Erinnerungen an ihre Zeit als KZ-Insassin und Zwangsarbeiterin nicht lesen wollen. Sie schaffte es schließlich doch, ihn zu erreichen, mit einer Tanzvorführung anlässlich ihres 90. Geburtsta­ges, wie sie schilderte.

Es blieb am Samstag nicht bei Erinnerungen. Alle Redner stellten den Gegenwartsbezug in Deutschland her. Kirsten Fründt verlangte etwa, gemeinsam dafür zu sorgen, „dass sich braunes Gedankengut nicht wieder verbreitet.“ Besonders eindringlich war der Schluss von Eva Pusztai-Fahidis Rede. Zunächst lobte sie Deutschland.

Nirgendwo habe sie eine solche Aufrichtigkeit der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit erlebt wie dort.

Aber: Sie habe stets in ihrer Heimat Ungarn damit geworben, dass in Deutschland keine rechtsextreme Partei im Bundestag sitze. „Doch jetzt sitzt wieder eine radikal rechte Partei im Bundestag. Mir scheint, ich habe das schon einmal erlebt. 
Ich hoffe, die Demokratie hat ihre Wirkung getan“, beklagte sie.

Eine besondere Geste gab es am Samstag außerdem noch. Besucher der Gedenkveranstaltung hatten die Möglichkeit, nach jüdischem Brauch an Gedenkstätten, Steine am Zaun des symbolischen Lagertors abzulegen. Das Duo Santiago untermalte mit der passenden Musik die Feierstunde.

von Michael Rinde

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