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Ostkreis "Gassenschrift" enthält neue Erkenntnisse rund um die Stadt
Landkreis Ostkreis "Gassenschrift" enthält neue Erkenntnisse rund um die Stadt
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15:39 13.08.2014
Die „Hungerbögen“ der Stadtmauer waren eine Sparmaßnahme: Durch diese Technik sparten die Rauschenberger beim Bau Steine ein.Fotos: Heinz-Dieter Henkel
Rauschenberg

Als die Hobbyhistoriker der Geschichtswerkstatt im Jahr 2011 einer Idee von Ludwig Pigulla folgend ihre Arbeit aufnahmen, wussten sie nicht, wo sie ihre Nachforschungen hinführen würden. Nicht ohne Stolz präsentierten jetzt Renate und Walter Gamb, Elisabeth Brock, Beate und Ulrich Kison, Helga und Willi Wolf, Anna Moll, Helmut Nau, Reinhard Naumann, Ursel Riedig und Ulli Stein eine 72-seitige „Gassenschrift“, die zahlreiche Entdeckungen und Erkenntnisse rund um Rauschenbergs Straßen, Häuser und Menschen enthält. Die ehemalige Grundschullehrerin Ursel Riedig hatte sich zur Präsentation Wortspiele einfallen lassen, um die nicht immer einfache Erstellung der anspruchsvoll gestalteten, zweiten Stadtschrift zu beschreiben.

Grundlage der Arbeit der Geschichtswerkstatt war ein farbiger Grundriss der historischen Altstadt aus dem Jahr 1740. Die Rauschenberger Hobbyhistoriker unterteilten den Altstadtbereich innerhalb der Stadtmauer in vier Viertel mit Teilungsachse Schloßstraße/Marktstraße und Schmaleichertorstraße/Albshäusertorstraße aufgeteilt und forschten anschließend in Kleingruppen weiter. Sie recherchierten im Staatsarchiv Marburg, wo ihnen in Helmut Klingelhöfer ein Ur-Rauschenberger zur Seite stand, der ihnen gerne zuarbeitete, informierten sich aber auch durch Ortsbegehungen und führten zahlreiche Gespräche mit langjährigen Bewohnern verschiedener Häuser, die in ihrem Tätigkeitsbereich lagen.

Immer wieder fanden Treffen der Kleingruppen statt, um Ergebnisse zu sichten, Auffälligem weiter nachzugehen und erste Erkenntnisse schriftlich festzuhalten. Schnell wurde klar, dass die neue Stadtschrift wesentlich umfangreicher sein würde, als der schon lange vergriffene Vorgänger über das Rauschenberger Wasser.

„Ich wusste gar nicht, dass Rauschenberg von so vielen Gassen und Durchgängen durchzogen ist“, nannte Helga Wolf als ein Beispiel für die bemerkenswertesten Erkenntnissen ihrer Nachforschungen. Wer kenne zum Beispiel das „Seidene Strümpfchen“ - einen Durchgang zwischen der „Blauen Pfütze“ und dem Fußweg „Hinter der Mauer“ entlang der alten Stadtmauer?

In der Gassenschrift geht es aber auch um Schrecksteine, die nur noch vereinzelt vorhanden sind: Sie dienten in früheren Zeiten dem Schutz der Häuser vor den Erntewagengespannen, die bei ihrem riesigen Wendekreis immer Probleme hatten, um Kurven zu kommen. Die Steine sorgten dafür, dass die Wagen nicht so nah an die Fachwerkhäuser kommen und entsprechend keinen Schaden anrichten konnten.

Beim Vergleich von früher und heute springt besonders „Kattens Hoob“ (heute Blaue Pfütze Nummer 8) ins Auge, den die neuen Besitzer Helmut Nau und Markus Semmler in mühevoller Kleinarbeit restauriert hatten und dafür im vergangenen Jahr mit dem Denkmalschutzpreis des Landkreises ausgezeichnet worden waren. Gleichzeitig informierten sie sich über die Geschichte des Hauses, in der einst Juden wohnten. Während ihrer Nachforschungen nahmen sie Kontakt zu den in Amerika wohnenden Nachfahren auf. So darf dieses Gebäude wohl als geschichtlich besterforschtes Fachwerkhaus Rauschenbergs gelten.

Stolz sind die Rauschenberger Historiker aber auch auf einen weiteren Fund: Sie freuten sich, auf das wohl einzige, noch existierende Foto mit Ansicht der ehemaligen Rauschenberger Synagoge in der Rosengasse gestoßen zu sein.

Ein weiteres Thema sind die sogenannten „Hungerbögen“ in der alten Stadtmauer, die verdeutlichen, wie die Rauschenberger einst versuchten, durch diese Technik viele Mauersteine einzusparen.

Ein etwas traurigeres Thema ist das Burgmannenhaus in der Schloßstraße, das einzige Rauschenberger Haus mit zwei prunkvollen Erkern. Heutzutage bereitet es den Rauschenbergern große Sorgen, weil es - seit Jahren unbewohnt - langsam verfällt.

Die Verantwortung, all diese Ergebnisse unter einen Hut zu bringen, lag bei Helga und Willi Wolf. Schnell wurde klar, dass die Gruppen mit unterschiedlichen Schwerpunkten gearbeitet hatten. Mal standen die Beobachtungen im Vordergrund, mal waren es die beruflichen Tätigkeiten der früheren Bewohner. So bedurfte es noch einiger Sitzungen, um die Ergebnisse aufeinander abzustimmen.

Gleichzeitig suchten Mitarbeiter der Geschichtswerkstatt nach Sponsoren, um den Druck der neuen Stadtschrift finanzieren zu können. Sie wurden fündig: Zahlreiche Gewerbetreibende und Privatpersonen förderten das Projekt „Gassenschrift“ - zu dem es bereits vor der Veröffentlichung erste Ergänzungen gibt. Insgesamt habe es von Testlesern durchweg positive Rückmeldungen gegeben, freute sich Ulli Stein.

Ab sofort kann die „Gassenschrift“, die in einer Auflage von 500 Stück gedruckt wurde, für zehn Euro zu den üblichen Öffnungszeiten in der Stadtbücherei erworben werden. Die Mitglieder der Geschichtswerkstatt haben beschlossen, mit dem eingenommenen Geld aus dem Verkauf Schilder anzufertigen, die an entsprechenden Stellen auf die alten Gassennamen hinweisen sollen.

von Heinz-Dieter Henkel

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