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Ostkreis Freundschaftsdienst kommt Angeklagte teuer
Landkreis Ostkreis Freundschaftsdienst kommt Angeklagte teuer
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20:41 08.03.2012
Einkaufswagen stehen vor einem Aldi-Markt. Der fingierte Überfall auf die Kirchhainer Aldi-Filiale führte vor dem Kirchhainer Amtsgericht zu einem dritten Strafprozess. Quelle: Matthias Mayer
Kirchhain

Es war bereits die dritte Verhandlung zu dem Tatkomplex. Nach der Verurteilung der beiden Haupttäter folgte ein Verfahren gegen einen Freund des Täterduos, der einen Teil der Beute in Höhe vom 5 040 Euro aufbewahrt hatte. Wegen Begünstigung war dieser Mann zu einer Geldstrafe in Höhe von 60 Tagessätzen à 10 Euro verurteilt worden. Wegen exakt des gleichen Tatvorwurfs stand eine langjährige Freundin des Mittäters und dessen Familie vor dem unter Vorsitz von Amtsgerichtsdirektor Edgar Krug  tagenden Gericht.

Die junge Angestellte aus Kirchhain sollte laut Anklageschrift 1 100 bis 1 500 Euro aus dem Beute-Anteil des Aldi-Azubis versteckt haben, der bei dem vorgetäuschten Überfall drei Wochen vor seiner Abschlussprüfung das „Opfer“ spielte. Er saß zur Tatzeit an der Kasse, wo er von seinem Kumpel mit einer Schreckschusswaffe „bedroht“ wurde. Der Mittäter floh mit dem Kasseninhalt.

Die Angeklagte wies den Tatvorwurf entschieden zurück. Sie habe von dem Angeklagten  kein Geld bekommen – weder für sich noch zum Zwecke der Aufbewahrung. Ferner habe sie die  Beute nie gesehen.

Ausführlich beschrieb sie ihre Kontakte zu ihrem rechtskräftig zu einer Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilten Bekannten nach der Tat. Danach traf sie  ihn zufällig in der Tatnacht im Notfallbereich des Marburger Uni-Klinikums, wo sie als Taxifahrerin einen Fahrgast abgesetzt hatte.  Das „Opfer“ weilte dort zur medizinischen Untersuchung in Begleitung zweier Polizeibeamter in Zivil. Der junge Mann signalisierte seiner Bekannten, dass er mit ihr telefonieren werde. Später bestellte er sie zu einem Treffpunkt am Kirchhainer Bahnhof. Gemeinsam fuhr man im Taxi zu einer Spielothek, um dort einen Kaffee zu trinken. Während der Fahrt berichtete das „Opfer“ von dem Überfall. „Ich habe ihm kein Wort geglaubt. Er erzählt oft Geschichten“, beschrieb die Angeklagte ihre Reaktion. Daraufhin rückte der junge Mann mit der Wahrheit raus. Sie habe ihn daraufhin geraten, sich endlich dem schlechten Einfluss falscher Freunde zu entziehen.

Am anderen Tag habe sie von der Mutter ihres Bekannten erfahren, dass dieser von der Polizei verhaftet worden sei. Sie habe der Mutter angeboten, dass deren Sohn für zwei, drei Tage bei ihr wohnen könne, um Abstand zu seinen Freunden zu gewinnen. Ferner habe sie am Abend auf deren Wunsch die Mutter auf dem Weg nach Marburg begleitet, um deren Sohn bei der Polizei abzuholen.

Warum sollte der Mann eine langjährige Freundin durch eine falsche Behauptung  in ein Strafverfahren ziehen, ohne dass diese ihm im geringsten nutze?, wollte Edgar Krug von der Angeklagten wissen. Dafür fand die Kirchhainerin keine Antwort, verwies aber auf den Hang ihres ehemaligen Freundes zu Phantasiegeschichten: „Oft ist schon der erste Satz gelogen“, sagte sie, die den Kontakt zu dem jungen Mann abgebrochen hat.

Eine Posse Loriotschen Ausmaßes
Das dilettantische Verhalten der Täter nach der Tat hatte zur schellen Aufklärung des Falles geführt. In der Gesamtschau ergibt sich eine Posse Loriotschen Ausmaßes, zu deren Unterhaltungswert zum deutlichen Missfallen Edgar Krugs auch die Polizei einen erheblichen Beitrag leistete.  Der Aldi-Azubi erklärte im Zeugenstand, dass sein Mittäter noch in der Tatnacht in der Wohnung eines gemeinsamen Freundes das erbeutete Geld vor den Augen zweier Unbeteiligter mit großer Geste auf den Tisch knallte und verteilte. So gab‘s sofort zwei Mitwisser. Bei dieser Gemengelage wundert es nicht, dass der Mann schon am Vormittag nach der Tat in der Kirchhainer Innenstadt von einer Streife verhaftet wurde. Er war in Begleitung seines Bekannten, – und der kompletten Beute. 700 Euro führte sein Freund im Portemonnaie mit. Er selbst hatte 695 Euro im Portemonnaie stecken und 1 000 Euro, verteilt in vier Hosentaschen.

Beute versteckt im Beisein der Polizei
Die Polizei kontrollierte beide. Dabei gelang es dem Freund, die 700 Euro unbemerkt von seinem Portemonnaie in seine Socken zu expedieren. Die Polizisten fanden nur das Geld  im Portemonnaie des später überführten Täters, den sie dann für eine Durchsuchung mit in dessen elterliche Wohnung nahmen. Dort gelang es dem Mann trotz Handschellen und Polizeipräsenz, den Rest der Beute aus den Hosentaschen zu nesteln, in der Küche zu deponieren, zwischen den Platten des Esstischs zu verstecken und herunterfallende Geldscheine mit dem Fuß unter Stuhl-Hussen zu schieben.

Nach seiner Vernehmung habe er das Geld eingesammelt und der Angeklagten  zur Aufbewahrung übergeben. Zudem habe er ihr 600 Euro zur Begleichung von Schulden überlassen. Er habe das Geld schnellstmöglich wieder loswerden, begründete er seine Großzügigkeit, von der  auch sein Freund mit 200 Euro profitiert hatte.

Anklage und Gericht hatten keinen Zweifel an diesem Geschehen, und stützten sich dabei auf die konstant gleichen Aussagen des ehemaligen Aldi-Azubis und dessen gesondert verurteilten Freundes zum Weg des Geldes nach dem fingierten Überfall. Peter Heinisch beantragte für die Anklage eine Geldstrafe von 50 Tagessätzen à 35 Euro wegen Begünstigung, die von der Angeklagten vermutlich als Freundschaftsdienst begangen worden sei. Der Verteidiger sprach von einer Lügengeschichte des Angeklagten, die allein dem Zweck diene, den Verbleib der Beute zu verschleiern. „In Wahrheit hat er noch heute das Geld“, sagte der Anwalt und forderte Freispruch. Die Angeklagte, die nach Aussage des verurteilten Täters den  Beute-Anteil mit Ausnahme der 600 Euro zurückgegeben hat, zeigte  sich „schockiert von dem, was heute gesagt wurde.“

Edgar Krug verurteilte sie wegen Begünstigung  zu einer Geldstrafe in Höhe von 60 Tagessätzen à 35 Euro.

von Matthias Mayer