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Ostkreis Mit Augenmaß bei jedem Einzelfall
Landkreis Ostkreis Mit Augenmaß bei jedem Einzelfall
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15:49 29.05.2018
Mohammad Yunes Maneh hat zwei Jahre in der Flüchtlingsunterkunft an der Niederrheinischen Straße gewohnt. Jetzt musste er umziehen in die Posener Straße. Quelle: Katja Peters
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Stadtallendorf

Die Flüchtlingsunterkunft an der Niederrheinischen Straße in Stadtallendorf wird dichtgemacht. Der Mietvertrag läuft aus, die Bewohner müssen raus. Es handelt sich um Asylbewerber für deren Unterkunft der Landkreis verantwortlich ist. 41 von ihnen müssen jetzt in anderen Häusern untergebracht werden – landkreisweit. „Das ist für die Bewohner ein herber Schlag“, weiß Beate Richter, ehrenamtliche Sozialarbeiterin, die viele der Bewohner seit Jahren betreut und schon aus der Zeit in der Erstaufnahmeeinrichtung kennt.

Zusammen mit Sportcoach Eckhard Wind hat sie dafür gesorgt, dass die Flüchtlinge sich integrieren – in Sportgruppen, in Schulen, Einstiegsqualifizierungen bei Unternehmen vor Ort und in der Nähe machen. Das war ein harter Weg. Sowohl für die beiden Sozialarbeiter, als auch für die Asylbewerber. „Das Geld liegt in Deutschland auf der Straße. Du musst es nur nehmen.“ Das wurde ihnen in ihrer Heimat immer wieder suggeriert.

Stabiles Umfeld in Unterkunft half

Mit dieser Vorstellung haben sie sich auf den Weg gemacht, sind geflüchtet aus Afghanistan, Pakistan, Somalia. „Das Schlimmste ist die Flucht. Ihre Familien sehen sie wahrscheinlich nie wieder. Und dass das Geld hier doch nicht auf der Straße liegt, das wird ihnen schnell bewusst“, beschreibt Beate Richter, was sie in unzähligen Gesprächen mit den Flüchtlingen erfahren hat.

Viele sind traumatisiert, bekamen einen Schock über das gesellschaftliche Gefüge hier in Deutschland. „Da half das stabile Umfeld in der Unterkunft, gerade hier an der Niederrheinischen Straße“, sagt Eckhard Wind. „Man kriegt viel mehr Verständnis für die Situation der Flüchtlinge, wenn man sich mit ihnen und ihrer Situation beschäftigt“, ergänzt Beate Richter.

Nur wenige Miethaie

Das ehemalige Hotel bot beste Voraussetzungen für die Unterbringung und der Vermieter kümmerte sich persönlich um die Einhaltung der Regeln und sorgte für Ordnung. Vor fünf Jahren war der Landkreis froh über derartige Unterkünfte. „Wir haben in den Jahren 2014, 2015 und 2016 viele Unterkünfte gebraucht, aber diese nicht immer günstig bekommen“, erklärt Marian Zachow, erster Kreisbeigeordneter des Landkreises.

Anders an der Niederrheinischen Straße. Zachow hätte „gerne überall so gute Unterkünfte und engagierte Vermieter wie in Stadtallendorf gehabt“. Trotz einiger weniger Miethaie konnte der Landkreis die Kostensteigerungen aber immer im Rahmen halten.

Schwer, eigene Wohnung zu finden

„Wir sind natürlich sowohl vom Rechnungshof als auch von der Kreisspitze angehalten, das Geld nicht für Leerstand zu verschleudern, sondern möglichst in die Integration zu stecken“, betont Zachow. Bis zu 250 leerstehende Betten hat der Landkreis derzeit, die er loswerden muss. Dabei muss er mit zwei Unbekannten kalkulieren: „Wir wissen nicht, wie viele noch kommen, weil der Familiennachzug noch nicht endgültig geklärt ist und wir wissen nicht, wie viele wieder gehen“, sagt Andrea Martin, Fachdienstleiterin Integration und Arbeit beim Landkreis. Gemeint sind die Flüchtlinge, die anerkannt werden und dann in eigene Wohnungen ziehen müssen. „Für sie ist es sehr schwer, eine normale Wohnung zu finden und das trotz Unterstützung.“

Bestehende Verbindungen erhalten bedeutet Arbeit

Auch Andrea Martin bedauert, dass die Kündigungswelle vor allem die kleinen Unterkünfte trifft, „die eine gute Kultur haben“. Und sie weiß auch, dass das Auflösen der Einrichtungen „integrationsfachlich nicht immer gut ist.“ Daher hat es sich die Verwaltung zur Aufgabe gemacht, „mit Augenmaß auf jeden Einzelfall zu gucken. Das bedeutet zwar viel mehr Arbeit für den Sozialarbeiter, aber die bestehenden wichtigen Verbindungen können so erhalten bleiben“, erklärt Heike Weiss, Fachdienstleiterin Teilhabe und Sozialdienst Zuwanderung.

Sie verweist in diesem Zusammenhang auf die sehr gute Zusammenarbeit mit den ehrenamtlichen Helfern. Und Andrea Martin ergänzt: „Wir brauchen die Ehrenamtlichen. Sie sind Türöffner und Brückenbauer.“ Was der Fall Niederrheinische Straße beweist. Beate Richter und Eckhard Wind haben nach Lösungen gesucht, damit die Asylbewerber in Stadtallendorf bleiben können.

Umwidmung der Unterkünfte

Der Vorschlag, die Asylbewerber in die Unterkunft an der Posener Straße, wo noch ein längerfristiger Mietvertrag existiert, umzuziehen und das Haus an der Niederrheinischen Straße in eine Unterkunft nach dem Sozialgesetzbuch II umzuwidmen, wurde vom Landkreis dankend angenommen. Somit schaffen sie auch wieder Wohnraum für anerkannte Flüchtlinge, die aus den vom Landkreis bezahlten Unterkünften ausziehen müssen. „Aber uns ist natürlich daran gelegen, dass diese Menschen nicht in der Obdachlosigkeit landen“, betont Andrea Martin.

Für Mohammad Yunes Maneh heißt es nun Taschen packen. Er ist einer der Asylbewerber, die jetzt von der Niederrheinischen Straße in die Posener Straße umziehen müssen. Der Afghane lebt seit zwei Jahren in Stadtallendorf, spielt schon in der zweiten Mannschaft der dortigen Eintracht und arbeitet in der Industrie.

In der Region Fuß gefasst

Er hatte keinen Anspruch auf einen Sprachkurs, hat sich selbst gekümmert und spricht nach einem selbst bezahlten Kurs an der Volkshochschule und fleißigem Üben mittlerweile fast perfekt deutsch und hat immer einen lustigen Spruch auf den Lippen. „Aber am besten habe ich die Sprache beim Fußball gelernt“, sagt der 20 Jahre junge Mann. Die wöchentlichen Trainings bei Karl-Heinz Jarosch haben auch ihm geholfen, in der neuen Region Fuß zu fassen.

„Ich sollte in den Krieg ziehen. Das wollte ich nicht“, sagt er. „In Afghanistan ist Krieg. Nicht in jeder Stadt, nicht in jedem Dorf. Aber er breitet sich schnell aus.“ Er kann nicht verstehen, dass sein Heimatland als „sicheres Herkunftsland“ eingestuft ist.

Hier in Deutschland setzt er alles daran, um seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Er will studieren, am liebsten Medizin. Seinen Führerschein hat er bereits in deutscher Sprache abgelegt. Das Wohnumfeld an der Niederrheinischen Straße hat ihm geholfen, die Sprache zu lernen, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Der Umzug an die Posener Straße ist für ihn kein Problem.

Hintergrund

Der Landkreis Marburg-Biedenkopf ist verpflichtet, Unterkünfte für Asylbewerber bereit zu halten. Dabei spielt es keine Rolle, aus welchem Herkunftsland die Flüchtlinge kommen. Entscheidend ist, welchen Aufenthaltsstatus der Flüchtling hat. Solange er nicht anerkannt ist, steht ihm ein Bett in einer der Landkreis-Unterkünfte zu.
Wechselt der Aufenthaltsstatus und der Asylbewerber gilt als „anerkannt“, muss er die vom Landkreis bereit gestellte Unterkunft verlassen und sich selbst um Wohnraum bemühen und diesen auch selbst bezahlen. Aufgrund der angespannten Wohnungsmarkt-Lage unterstützt der Landkreis hier bei der Suche und führt Gespräche mit Vermietern.

von Katja Peters

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