Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis Der flauschige Franz
Landkreis Ostkreis Der flauschige Franz
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:05 05.05.2018
Ziehpapa Johannes Rhiel füttert den kleinen Franz mit der Flasche. Bis zu drei Liter säuft das verstoßene schottische Hochlandrind pro Mahlzeit. Das knuffige Kerlchen, das von seiner Mutter auf die Hörner genommen wurde, ist mittlerweile zahm wie ein Hund. Quelle: Nadine Weigel
Anzeige
Erfurtshausen

Mit seinen kurzen Stummelbeinchen kann er schon ziemlich schnell rennen, der kleine Franz. Kaum hat ihn Johannes Rhiel beim Namen gerufen, kommt das knuffige Kalb schon über die Wiese gezockelt. Der 26-Jährige strahlt. „Er hat sich wirklich gut entwickelt“, freut sich Rhiel.

Der kleine Franz wurde von seiner Mutter verstoßen. Familie Rhiel peppelt das knuffige Kalb mit der Flasche auf. Fotos: Nadine Weigel

Am Tag seiner Geburt sah es für das kleine schottische Hochlandrind gar nicht gut aus. Wenn sich Johannes Rhiel an den Ostermontag erinnert, kann er nur mit dem Kopf schütteln. „Das war schon echt heftig.“ ­Eine Nachbarin hatte morgens beim Joggen etwas im Gras liegen sehen und Familie Rhiel alarmiert.

Mutter hat Kalb mit Hörnern attackiert

Als Rhiels dann auf die kleine Lichtung mit den blühenden Bäumen am Ortsrand von Erfurtshausen kamen, bot sich ihnen ein schreckliches Bild: Im Gras lag ein neugeborenes Kalb, das von seiner Mutter brutal mit den Hörnern attackiert wurde. „Es wurde richtig durch die Luft geschleudert“, sagt Wolfgang Rhiel und streicht durch das flauschige Fell des Kälbchens.

„Wir mussten uns was überlegen, damit der Kleine überlebt.“ Familie Rhiel fackelte nicht lange und trennte das Kalb von der Mutter. Das Hochlandrind musste­ schnellstmöglich mit Biestmilch versorgt werden, der ersten Milch der Mutterkuh, die neben Proteinen, Enzymen und Vitaminen auch die überlebenswichtigen Antikörper enthält. „Glücklicherweise stellte uns ein Nachbar Biestmilch zur Verfügung“, sagt Wolfgang Rhiel.

Rasse gilt als gutmütig und langlebig

Der Erfurtshäuser Ortsvorsteher hatte die Hochlandrinder im November angeschafft – zusammen mit seinem ältesten Sohn Johannes, dessen Interesse an der Landwirtschaft vor ­einiger Zeit entfacht wurde. 22 Hektar bewirtschaften Rhiels noch, aber Tiere gab es eigentlich schon länger nicht mehr. „Ein Freund von mir hat schottische Hochlandrinder und die fand ich ziemlich gut“, sagt ­Johannes Rhiel und grinst.

Die robuste Rasse gilt als gutmütig und langlebig, sie eignet sich für die ganzjährige Freilandhaltung. Eigentlich wird der ältesten eingetragenen Viehrasse auch nachgesagt, leicht und ohne menschliche Hilfe zu kalben.

Mutter wollte das Kalb nicht annehmen

Also kauften Rhiels zwei tragende Highland-Kühe. Im April brachte­ eine der Kühe ihr Kalb zur Welt. Alles verlief reibungslos. Die Geburt klappte, die Mutterkuh kümmerte sich aufopferungsvoll um ihr Kalb. „Die Kuh hatte schon mehrere Kälbchen und hat das einwandfrei gemacht.“

Bei der anderen Kuh hatten Rhiels weniger Glück. Sie wollte­ das Kalb partout nicht annehmen. „Wir haben es noch mehrmals versucht, doch sie ging jedes Mal wieder auf den kleinen Franz los“, erzählt Mutter Michaela Rhiel. Es half also nur eines: Familie Rhiel musste das Kalb mit der Flasche füttern.

Franz ist Familienprojekt geworden

Drei Mal am Tag rühren seither Wolfgang, Michaela, Johannes, Marius (24) und Christopher (22) Rhiel das Milchpulver an und fahren auf die Weide. „Wir arbeiten im Schichtbetrieb, deshalb klappt das ganz gut“, sagt Johannes Rhiel, der als Dreher in Stadtallendorf tätig ist. Franz ist zum Familienprojekt geworden. „Das schweißt einen wirklich zusammen“, betont Michaela Rhiel lächelnd.

Alle lieben Franz, der – ginge es nach Marius Rhiel – viel lieber Hansi hätte heißen sollen. Aber da hatte Jungbauer Johannes etwas gegen: „Ne, Hansi wäre zu niedlich gewesen, er soll ja groß und stark werden“, lacht der Älteste der Brüder.  

Das süße Fellknäuel mit den schwarzen Knopfaugen hat mittlerweile die Herzen vieler­ Erfurtshäuser erobert. Immer wieder laufen Jogger und Spaziergänger an der Kuhweide vorbei und verfallen in verzückte Freudenschreie, wenn sie das knuffige Kalb erblicken.

Kalb ist gut in Herde integriert

Und auch Franz hat einen Narren gefressen an seiner menschlichen Familie und vor allem seinem Ziehpapa Johannes. Sobald er ihn sieht, kommt er über die Weide gelaufen und holt sich seine Ration Milch ab – was pro Mahlzeit bis zu drei Liter sein können. Danach wird ausgiebig geschmust.

Anschließend folgt das Kalb seinem Ziehpapa über die Weide. „Er ist auch ganz gut in die Herde integriert. Seine Mutter lässt ihn jetzt in Ruhe und mit dem Jungbullen versteht er sich von Anfang an. Ich denke, die zwei sind Freunde geworden“, sagt Wolfgang Rhiel augenzwinkernd.

Trotz dieser Zutraulichkeit müsse jedoch immer Vorsicht geboten sein, rät Tierarzt Thomas Grasemann auf Nachfrage­ der OP. Der Michelbacher Veterinär für Groß- und Kleintiere erinnert daran, dass auch ein handzahmer Bulle, der in die Geschlechtsreife kommt, mit seinen langen Hörnern gefährlich werden kann.

„Falls der Bulle nicht geschlachtet werden soll, ist eine Kastration im jungen Alter ratsam, das macht ihn auf jeden Fall auch später umgänglicher“, so der Tierarzt.

Berühmte Flaschenkinder

Knut der Eisbär
Das wohl berühmteste tierische Flaschenkind war sicherlich Knut, der Eisbär (Archivfoto). Er wurde 2006 im Berliner Zoo geboren und von seinem Pfleger Thomas Dörflein mit der Flasche aufgezogen. Medien aus aller Welt berichteten regelmäßig über den kleinen Eisbär. Ein regelrechter Hype brach aus, der den Berliner Zoo so viele Besucher wie noch nie verschaffte. Knut starb im Jahr 2011.
Hermann das Schaf
2015 wurde das Schwarznasenschaf Hermann auf dem Pferdehof Lemmer in Großseelheim geboren (Foto: Weigel). Weil das kleine Lamm von seiner Mutter verstoßen wurde, zog es Birgit Lemmer mit der Flasche groß. Der kleine Hermann wurde schnell zum Star mit eigenem Face­book-Profil. Nach einem Bericht in der OP wurde auch das Fernsehen auf das handzahme Lamm aufmerksam. Hermann starb vor einem Jahr ganz plötzlich.

von Nadine Weigel

Anzeige