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Ostkreis Rentner lässt Betrüger abblitzen
Landkreis Ostkreis Rentner lässt Betrüger abblitzen
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00:18 08.12.2018
Arthur Flöter präsentiert den zweiseitigen Brief des angeblichen Inkasso-Unternehmens. Der Stadtallendorfer ließ sich von dem offiziell wirkenden Schreiben nicht einschüchtern.  Quelle: Andreas Schmidt
Stadtallendorf

Als Arthur Flöter kürzlich seine Post öffnete, bekam der Stadtallendorfer einen gehörigen Schreck: „Letzte­ außergerichtliche Mahnung“ steht als Betreff in dem zweiseitigen Brief, der einen offiziellen Anschein hat und von der Firma „Central Inkasso BVBA“ kommt.

 Eine Aktennummer ist angegeben, und in dem Schreiben heißt es, Flöter habe sich telefonisch zu einem Gewinnspiel „Top 100 Gewinnspiele / EuroWin 6-49“ angemeldet. Da bisher drei Monate lang keine Zahlung eingegangen sei, müsse Flöter an das Inkasso-Unternehmen nun 279,46 Euro zahlen – ansonsten käme es zu „erheblichen weiteren Kosten“, es wird unter anderem mit Zwangsvollstreckung durch einen Gerichtsvollzieher und Pfändung der ­
Bezüge gedroht.

Doch der Stadtallendorfer Rentner wird stutzig: „Ich war mir absolut sicher, mich niemals per Telefon irgendwo angemeldet zu haben“, sagt er. Im Internet sei er häufig unterwegs, „da ist es nicht unmöglich, dass ich mal irgendwas angeklickt hätte. Aber hier ist ja von einer telefonischen Anmeldung die Rede“, sagt Flöter.

Ein kleiner Zweifel bleibt bei dem 69-Jährigen aber dennoch: Bei einem Lotto-Service habe er schon mal mitgespielt – und die Formulierung „EuroWin 6-49“ ziele ja schon in Richtung Lotto. Doch Flöter lässt sich nicht ins Bockshorn jagen.

Nach dem ersten Schrecken nimmt er das Schreiben genauer unter die Lupe – und findet so einige Ungereimtheiten. Zunächst einmal gibt es weder Umlaute wie Ä, Ö oder Ü, und auch kein ß – das Schreiben kommt also offensichtlich aus dem Ausland, wo diese Zeichen auf der Tastatur nicht vorhanden sind. „Außerdem steht in der Betreffzeile Berlin mit einem Datum, und es ist auch eine Adresse in Berlin angegeben – aber die gedruckten Telefonnummern auf dem Brief gehen alle ins Ausland“, sagt Flöter im Gespräch mit der OP.

Telefonnummern führten nach England

Merkwürdig auch: Die Telefonnummern mit der Ländervorwahl 0044 führen nach England, die IBAN der Kontodaten beginnt jedoch mit BE, was auf ein Konto in Belgien schließen lässt. Und: Das angebliche ­Inkasso-Unternehmen hat ­keine Firmen-Webseite angegeben, die mutmaßlich geschäftliche E-Mail-Adresse führt zu ­einem Konto bei Google-Mail.

Und Flöter sind auch die zahlreichen Rechtschreibfehler in dem Brief aufgefallen, „das ist alles sehr unprofessionell – dennoch kann ich mir vorstellen, dass einige Leute, wie einsame Rentner, auf solch ein Schreiben reinfallen könnten“.

Er habe sich an die OP gewandt, „um die Öffentlichkeit zu warnen“, sagt Flöter – „die Betrüger haben sogar gleich eine Kündigung mitgeschickt“, sagt er lachend, „das ist schon dreist. Aber wenn ich die zurückschicken würde, wäre das bestimmt eine Anmeldung zu irgendwas“, ist er sich sicher.

Für Martin Ahlich, Pressesprecher der Polizei Marburg, ist klar, dass Flöter sich richtig verhalten habe, indem er das Schreiben ignoriert hat. „Noch besser wäre allerdings, er würde Anzeige erstatten“, sagt Ahlich.

Prinzipiell helfe häufig schon die Suche im Internet nach dem mutmaßlichen Inkasso-Unternehmen, „weil viele Leute häufig schon ihre Erfahrungen dort gemeldet haben“. Sollte es Zweifel an der Echtheit eines Schreibens haben, „dann sollte der Weg zum Betrugsdezernat führen“, rät Martin Ahlich. Zu einer Häufung solcher Schreiben sei es in den vergangenen Wochen nicht gekommen, „aber es gibt immer mal wieder solche Forderungen“, das Phänomen sei nicht neu.

Es kursieren auch Briefe 
mit falschen Gewinnen

Der Polizeisprecher betont, dass man mit dem falschen ­Inkasso-Unternehmen „auf ­keinen Fall in Kontakt“ treten sollte.
Auch mit vorgetäuschten ­Gewinnen versuchen Betrüger häufig, Verbraucher in die Irre zu locken, wie die Polizei weiß. Die Vorgehensweise sei ähnlich wie bei den falschen Inkasso-Unternehmen – allerdings werde in diesen Fällen nicht die Angst, sondern vielmehr die Hoffnung geschürt.

„Das Versprechen angeblich hoher Gewinne ist eine Masche, die Betrüger in den unterschiedlichsten Varianten anwenden“, sagt Kriminaloberrat Harald Schmidt, Geschäftsführer der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes.

Die Methode sei immer die gleiche: Vor einer­ 
 ­Gewinnübergabe würden die Opfer dazu aufgefordert, eine­ Gegenleistung zu erbringen, zum Beispiel „Gebühren“ zu ­bezahlen, kostenpflichtige Tele­fonnummern anzurufen oder an Veranstaltungen teilzunehmen, auf denen minderwertige Ware zu überhöhten Preisen ­angeboten wird.

Häufig gäben sich beispielsweise Anrufer unter anderem als Rechtsanwälte aus. „Zielgruppe sind zumeist ältere Menschen, die von überwiegend aus der Türkei agierenden Betrügern kontaktiert werden“, so Schmidt.

Die Anrufer seien in Gesprächsführung gut geschult und wirkten überzeugend. Um ihre Opfer in falscher Sicherheit zu wiegen, gäben sie vor, im Auftrag von Rechtsanwälten und Notaren anzurufen „und teilen den angeblichen Gewinnern eine Rückrufnummer für die weitere Gewinnabwicklung mit“.

Melden sich die „Gewinner“ daraufhin unter den Nummern, werden sie dazu aufgefordert, angeblich angefallene Kosten zu zahlen, bevor sie den Gewinn entgegennehmen können, „zum Beispiel Rechtsanwalts-, Notar-, Bearbeitungs- oder Zollgebühren, Transport- oder Versicherungskosten“, weiß Schmidt.

Ist der Angerufene kritisch und nicht so leicht zu überzeugen, würden die Täter massiv Druck ausüben und nicht selten mit „Konsequenzen“ drohen, wie etwa einer Strafanzeige, wenn das Opfer nicht zahlen will.

Zahlt das Opfer dagegen – und zwar meist ins Ausland–, melden sich die Täter immer wieder erneut, um unter verschiedenen Vorwänden weiter Geld zu fordern. „Den versprochenen Gewinn allerdings bekommen die Opfer nie zu Gesicht. Und das Geld, das sie überwiesen haben, ist weg“, warnt Kriminaloberrat Harald Schmidt.   

von Andreas Schmidt