Volltextsuche über das Angebot:

24 ° / 14 ° Regenschauer

Navigation:
"Extremfall" beschäftigt einige Bürger

Windenergie "Extremfall" beschäftigt einige Bürger

Von Wutbürgern war während der Versammlung zum Thema Windenergie nichts zu sehen, wohl aber von zwei eher unzufriedenen Bürgermeistern, die sich gerne in das Amöneburger Projekt einmischen würden.

Voriger Artikel
Stadtparlament verleiht Vollmer die Ehrenbürgerwürde
Nächster Artikel
Vom Schlossberg in den Schwarzwald

Mehr als 120 Bürger ließen sich über die Windkraftpläne informieren und nutzten die Zeit, Fragen zu stellen.Fotos: Lerchbacher

Roßdorf. Mehr als 120 Menschen aus Ortschaften rund um die Mardorfer Kuppe, auf der 16 Windräder entstehen sollen, nutzten die Bürgerversammlung in der Mehrzweckhalle Roßdorf, um Fragen rund um das Projekt zu äußern. Sie äußerten Bedenken, aber keine echte Kritik - diesen Part übernahmen die Bürgermeister Andreas Schulz (Ebsdorfergrund) und Béla Dören (Homberg), die mit ihren Anliegen jedoch bei den Amöneburgern auf kein Verständnis stießen und auch von den Bürgern aus ihren Kommunen keine erkennbare Unterstützung erhielten.

Nach einer generellen Einführung in die Pläne der Stadt (die OP berichtete) stellte Sven Kunze das Projekt vor. Der Mitarbeiter der Firma Juwi, mit der die Waldgenossen Roßdorf bereits erste Verträge für die auf ihrem Grund liegenden neun geplanten Windräder geschlossen hat, sprach unter anderem über Schattenwurf und Lärm, die die Anlage mit sich bringen. Dabei konnte er auf einige Erfahrunggswerte zturückgreifen: Rund 550 Windräder hat das Unternehmen bereits erstellt - mehr als 100 davon im Wald.

1,1 Kilometer ist die kürzeste Distanz zur Bebauung, in diesem Fall zu Höingen, ansonsten sind die Abstände größer. Maximal 30 Minuten lang darf eines der 200 Meter hohen Windräder Schatten auf Ortschaften werfen. Im extremsten Fall wären Erfurtshausen 35 Minuten lang, Rauischholzhausen 33 Minuten lang und Haarhausen 38 Minuten lang davon betroffen. Sollte die Grenze von 30 Minuten wirklich überschritten werden, schalte sich die Anlage automatisch ab, betonte Kunze und diskutierte daraufhin mit einem Roßdorfer über die Beschallung. Erneut brachte er Berechnungen des „extremsten Falls“ auf den Tisch - dennoch würden die Grenzwerte von 40 bis 45 Dezibel bei Windverhältnissen von zehn Metern pro Sekunde in den Ortschaften nie überschritten. „40 Dezibel können leise sein aber auf Dauer auch fies und nervend“, entgegnete der Roßdorfer. „Wenn der Wind so stark weht, hören sie das Rauschen der Blätter des Baumes vor ihrer Tür - aber nicht die Windräder“, versprach Kunze und empfahl den Besuch eines lokalen Windparks.

Einem Jagdpächter aus Höingen versicherte Kunze, dass das Wild sich schnell an die Windräder - die während des Aufenthalts im Wald kaum zu sehen seien - sich schnell an die Neuerungen Umgebung gewöhne: „In der Bauphase wird es allerdings zu Vergrämungen kommen - dann zahlt Juwi aber einen Ausgleich.“ Auf die Lebenswelt von Schwarzstorch, Rotmilan und Fledermaus hätten die Anlagen nahezu keine Auswirkungen - im Notfall könnten sie abgeschaltet werden.

Auch zum Bau äußerte sich Kunze: Vorhandene Wirtschaftswege müsse sein Unternehmen nur leicht verbreitern lassen. Über Roßdorf sollten die Anlagen in den Wald gekarrt werden - woraufhin Bürgermeister Michael Richter-Plettenberg Anwohner der Waldstraße beruhigte: Sonderzahlungen der Waldinteressenten zum Ausbau hätten dafür gesorgt, dass keine Schäden zu erwarten seien.

Neben der Beteiligung und der Rendite sei weitere regionale Wertschöpfung zu erwarten, berichtete Kunze: jährlich 150000 Euro für Wegenutzung und Flächenpacht sowie 240000 Gewerbesteuer, rund 400000 Euro für naturschutzfachlichen Ausgleich und acht Millionen Euro für Bauunternehmen für den Ausbau der Infrastruktur.

Die Geschäftsform, mit der Bürger sich beteiligen können, ist noch offen. Ebenfalls offen ist, ob die Nachbargemeinden sich beteiligen. Schulz klagte jedenfalls, dass sein Amöneburger Amtskollege die Nachbarn drei Jahre zu spät eingeladen habe und keinerlei Bereitschaft zeige, in Details auf Dören und ihn zuzugehen. Der Homberger schlug in die gleiche Kerbe, woraufhin Richter-Plettenberg hervorhob, dass er der einzige der drei gewesen sei, der sich um Standorte für Windräder gekümmert habe. Konkret monierte er, dass die beiden Bürgermeister eine Beteiligung an der Gewerbesteuer forderten. Sie könnten die gleichen Konditionen bekommen wie seine Stadt - die Gewerbesteuer bleibe jedoch in der Stadt Amöneburg, schließlich stünden die Anlagen auch auf deren Gebiet. Richter-Plettenberg hat sogar Sonderkonditionen ausgehandelt: Statt der üblichen 30 Prozent erhält Juwi als Betreiber nur 10 Prozent, der Rest geht an die Stadt.

Anschließend äußerte sich Richter-Plettenberg zu weiterer Kritik Dörens und Schulz‘: „Ich sehe bei diesem Projekt kein Akzeptanzproblem in der Bürgerschaft - auch nicht in Rauischholzhausen. Das wird konstruiert.“ Jan-Gernot Wichert (CDU) sprang ihm ebenso wie andere Fraktionsvorsitzende zur Seite und wurde in Richtung Dören und Schulz deutlich: „Ihnen geht es doch nur ums Geld und nicht um planerische Probleme - die schieben Sie nur vor.“

von Florian Lerchbacher

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Ostkreis

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr