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Exhibitionist verfolgte Opfer bis zur Tür

Aus dem Gericht Exhibitionist verfolgte Opfer bis zur Tür

Der Exhibitionismus-Fall, der am Freitag vor dem Kirchhainer Amtsgericht verhandelt wurde, hatte es wahrlich in sich. Der geständige Angeklagte ging laut Anklageschrift gezielt und äußerst dreist vor.

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Thomas Rösser (links) und Rudolf Nieth zeigten Courage und stellten am 15. Mai 2011 den Exhibitionisten, der in ihrer Nachbarschaft zwei Kinder verschreckt hatte. Bereits vier Tage vorher hatte er sich in Kirchain einem Mädchen gezeigt. Foto: Lerchbacher

Kirchhain. Der Mann hatte sich sein Opfer, eine zur Tatzeit am 11. Mai 2011 13-jährige Schülerin, offenbar zuerst ausgesucht und dann deren Wege studiert. Er erwartete das Mädchen auf deren Heimweg auf einem Parkplatz in Kirchhain mit heruntergelassenen Hosen und eindeutigen Handbewegungen. Nachdem ihn das Kind passiert hatte, zog er seine Hosen hoch, und fuhr mit seinem Roller weiter entlang des Heimwegs seines Opfers, auf das er auf dem nächsten Parkplatz wartete. Dort wiederholte sich das Geschehen. Zusätzlich sprach der heute 57-Jährige die 13-Jährige an und versicherte ihr, dass sie sehr schön sein.

Der Mann ließ auch dann nicht von seinem Opfer ab. Er verfolgte die verängstige Schülerin, die nie zuvor einen nackten Mann gesehen hatte, mit seinem Roller bis zu deren elterlichen Wohnung.

Wenige Tage später saß der Mann hinter Schloss und Riegel. Er hatte sich am 15. Mai 2011 in einem Kirchhainer Wohngebiet zwei Mädchen gezeigt und diese völlig verschreckt. Zwei Anwohner suchten sofort die Umgebung ab, fanden und stellten den Mann und übergaben ihn der Polizei. Staatsanwaltschaft und Gericht arbeiteten rasend schnell. Die Anklageschrift lag schon zwei Tage nach der Tat vor und schon drei Wochen später verurteilte das Kirchhainer Amtsgericht den geständigen Exhibitionisten als Wiederholungstäter und Bewährungsversager wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern zu einer neunmonatigen Freiheitsstrafe ohne Bewährung.

Die zentrale Frage: Mit oder ohne Bewährung?

Die am Freitag verhandelte Tat räumte der Angeklagte ein - vollumfänglich, mit dem Ausdruck des Bedauerns und der Versicherung, dass er dies nie wieder tun werde. Mit dem angekündigten Geständnis ersparte er seinem Opfer eine Aussage vor dem unter Vorsitz von Richter Joachim Filmer tagenden Gericht. Statt mit der Beweisaufnahme musstem sich die Prozessbeteiligten nur noch mit einer Frage beschäftigen: Bewährung oder nicht Bewährung?

Dabei prallten zwei Meinungen aufeinander. Pflichtverteidiger Carsten Dalkowski warb für eine Bewährungsstrafe. Die viereinhalbmonatige Untersuchungshaft habe seinen Mandanten tief beeindruckt. In der Hinwendung zur Religion habe er neue Werte gefunden, die Rückkehr zu seiner Ex-Frau stabilisierte zusätzlich sein Leben. Außerdem gehe sein Mandant aktiv gegen seine exhibitionistischen und pädophilen Neigungen vor. Er absolviere eine Gesprächstherapie, die Erfolge zeige. Der Therapeut habe inzwischen die Gesprächsintervalle verlängert und sehe derzeit keine Rückfallgefahr für seinen Klienten, erklärte Dalkowski.

Angesichts der Vorgeschichte des Angeklagten und der Tatfolgen für die Opfer war diese Mutmaßung eines Therapeuten der Vertreterin der Anklage deutlich zu wenig für eine weitere Bewährungschance. Trotz Vorstrafe und während der Bewährungszeit sei er im angeklagten Fall rücksichtslos gegen sein Opfer vorgegangen, dass er sogar noch über einen halben Kilometer bis zur Haustür verfolgt habe. Die Anklagevertreterin sprach von einer äußerst belastenden Situation für das Mädchen und beantragte eine Freiheitsstrafe von einem Jahr. Die Verteidigung plädierte für eine sechsmonatige Freiheitsstrafe auf Bewährung.

Joachim Filmer verurteilte den Angeklagten wegen Missbrauchs eines Kindes zur einer zehnmonatigen Freiheitsstrafe, die er für vier Jahre zur Bewährung aussetzte. In dieser Zeit steht der Angeklagte unter der Aufsicht eines Bewährungshelfers. Seine Therapie darf er nicht ohne Zustimmung seines Therapeuten beenden. Der Richter machte dem 57-Jährigen deutlich, dass er seine Bewährungschance nicht den unter Tränen vorgetragenen Reue-Schwüren, sondern allein der begonnen Therapie verdanke. „Schlägt die Therapie fehl, gibt es für Sie auf lange Zeit keine Zukunft in Freiheit mehr“, stellte Joachim Filmer klar.

von Matthias Mayer

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