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„Es wird wieder Wüstungen geben“

Leerstand „Es wird wieder Wüstungen geben“

Mit dem Thema Zukunft befasste sich Rauschenbergs Haupt- und Finanzausschuss. Was der geladene Experte Heiner Dippel berichtete, war partiell dazu angetan, die Depression in der Stadt zu fördern.

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Im Herzen der Rauschenberger Altstadt stehen gleich drei nebeneinander gelegene gewerbliche Räume leer. Das Problem findet sich fast in allen Klein- und Mittelstädten. Foto: Matthias Mayer

Rauschenberg. Der aus Kirchhain stammende Einzelhandelsfachmann war nach Rauschenberg gekommen, um über die Chancen für die Ansiedlung eines kleinen Lebensmittelmarktes in der Altstadt zu sprechen. Einen entsprechenden Antrag hatte die CDU-Fraktion am 8. Juni gestellt. Die Idee: Den verwaisten Schlecker-Markt in der Altstadt mit einem Nahversorger beleben.

Dippel zeichnete ein düsteres Bild zur Zukunft der ländlichen Räume, die unter dem Druck der demografischen Entwicklung stünden. Allein Gemünden habe innerhalb von wenigen Jahren 30 Prozent seiner Einwohner verloren. „Wie ist der Preis, wenn die Nachfrage gegen null tendiert? Dann ist der Preis auch gleich null“, sagte Dippel mit Blick auf den massiven Wertverlust von Immobilien in der ländliche Region.

„Es wird auch in Hessen wieder Wüstungen geben“, prophezeite Dippel mit Blick auf enorme Kosten für den Erhalt der Leitungsnetze in entvölkerten Dörfern. Im Schwalm-Eder-Kreis habe ein Landwirt bereits die Auflassung über seinen Hof erklärt. Damit gehe dieser zum Nulltarif an die zuständige Gemeinde - mit allen Verpflichtungen. Im Landkreis wachse nur noch die Stadt Marburg, Rauschenberg müsse mit einem weiteren Einwohnerrückgang rechnen, mutmaßte Dippel.

Vor diesem Hintergrund verfüge Rauschenberg über eine sehr gute Lebensmittel-Nahversorgung. Zum Rewe-Markt am Stadtrand kämen eine Metzgerei und eine Bäckerei. Das sei für 2000 Einwohner ein ausgezeichneter Bestand. Allein der Rewe-Markt stehe schon für eine Überversorgung. Er könne von der Kernstadt allein nicht leben, sondern brauche auch die Kunden aus Ernsthausen, Josbach, Albshausen und Schwabendorf. Weil dem so sei, brauche der Markt auch den für Kunden von außerhalb gut erreichbaren Standort am Stadtrand, sagte Dippel.

Der Fachmann sah keine Chance, einen externen Anbieter als Betreiber für einen kleinen Lebensmittelmarkt im Stadtzentrum zu finden. Vorstellbar wäre vielleicht, beispielsweise den ortsansässigen Bäcker zu bitten, das größere Ladenlokal zu übernehmen und sein Angebot um ein Lebensmittelsortiment zu erweitern. Auch eine Drogerie-Kette mit dem Schlecker-Sortiment werde sich für Rauschenberg nicht finden. Keiner der verbliebenen Anbieter lasse sich in einem nur 2000 Einwohner zählenden Ort nieder, beantwortete Dippel eine Frage von Michael Emmerich (CDU).

Emmerich änderte darauf den Antrag seiner Fraktion dahingehend ab, dass der Magistrat damit beauftragt wird, den ortsansässigen Einzelhandel für das leere Ladenlokal zu interessieren. Dabei solle jede Konkurrenzsituation für die Bäckerei und die Metzgerei in der Altstadt vermieden werden. Dem stimmte der Ausschuss einstimmig zu.

Ausschuss will besseres Stadtmarketing

Durch ein verbessertes Stadtmarketing will die Stadtverordnetenversammlung die Folgen des demografischen Wandels für Rauschenberg abmildern. Darin sind sich alle Fraktionen einig. Die SPD-Fraktion goss dieses Ziel in einen Antrag, den Manfred Günther vorstellte. Die SPD wolle einen nachhaltigen Prozess anstoßen. Dazu solle sich eine zu gründende Projektgruppe mit Leitbild und Zielen der Stadt beschäftigen. Diese seien zunächst vom Magistrat zu entwickeln. Ferner sei es notwendig, den Internet-Auftritt der Stadt erheblich zu verbessern, mit dem Ziel, die Stadt positiv zu verkaufen und den Leerstand über eine Immobilienbörse zu minimieren.

Ohne professionelle Hilfe könne die Arbeit der Projektgruppe kaum gelingen. Deshalb müsse zunächst geklärt werden, ob der Aufbau eines funktionierenden Stadtmarketings förderungsfähig sei, erklärte Michael Emmerich. Manfred Hampach (FBL) forderte mit Blick auf andere eingeschlafene Gremien der Stadt, dass die Projektgruppe nicht als totgeborenes Kind starten dürfe. Dazu brauche sie einen klaren Auftrag und einen festen Zeitplan. Der Ausschuss-Vorsitzende Stefan Seibert (Bündnis 90/ Die Grünen) forderte ein Leitbild, das von allen Fraktionen mitgetragen werden könne. Zudem müsse dem Magistrat eine Frist zur Überprüfung der Förderfähigkeit gesetzt werden.

Der Ausschuss stimmte dem Antrag einstimmig zu und em-pfahl dem Stadtparlament, die Frist bis zur Dezember-Sitzung zu setzen.

Geradezu beiläufig billigte der Ausschuss den Nachtragshaushalt 2012 mit einer Gegenstimme und einer Enthaltung. Der Nachtrag war wegen Mehrkosten bei Rauschenberger Tiefbauprojekten notwendig geworden (die OP berichtete).

n Die Rauschenberger Stadtverordnetenversammlung tagt am Montag, 27. August, ab 20 Uhr in der Mehrzweckhalle Bracht. Auf der Tagesordnung stehen unter anderem die im Haupt- und Finanzausschuss erörterten Themen und der Ausbau der Kratz‘schen Scheune zu einem Gemeinschaftshaus für die Kernstadt. Konkret soll der Magistrat beauftragt werden, den Bauantrag für das 1,4 Millionen Euro teure Projekt zu stellen und die Ausschreibungen vorzubereiten.

von Matthias Mayer

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