Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis Erste Lichtblicke für „vergessenes“ Dorf
Landkreis Ostkreis Erste Lichtblicke für „vergessenes“ Dorf
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:23 23.07.2017
Bei der Ankunft des Transporters der „Kleinen Löwen“ mit den Lebensmittelspenden ist der Andrang gleich groß. Quelle: Joachim Boucsein
Hertingshausen

Joachim Boucsein aus Hertingshausen war wieder einige Tage im rumänischen Felnaq. Dort engagiert sich unter anderem die Facebook-Gruppe „Hessen helfen“, die Boucsein mitbegründet hat und die zahlreiche Menschen aus der hiesigen Region unterstützen. In Felnaq selbst ist die Hilfsorganisation „Kleine Löwen“ aktiv, die für jede Unterstützung dankbar ist. Es geht um eine kleine Roma-Siedlung am Ortsrand. Dort leben „vergessene Menschen“, wie es Boucsein im Frühjahr formulierte (die OP berichtete im Februar).

Sein Fazit nach dem neuerlichen Besuch im Ort: „Es gibt Lichtblicke.“ Viele der Müllberge sind zum Beispiel verschwunden. Im Gegenzug hat der Bürgermeister von Felnaq einige befestigte Wege bauen lassen. Doch Hilfe ist weiter nötig.

Beim neuerlichen Besuch im Ort begleitete die 14 Jahre alte Kiera ihren Vater. Sie wollte selbst sehen, was in der kleinen Siedlung passiert, und vor allem selbst helfen. „Das können auch Kinder. Und ich möchte angesichts der Bilder einfach nicht nur zu Hause sitzen, wenn mein Vater dort ist“, sagt sie. Ihre Klasse, die G7c der Alfred-Wegener-Schule, hatte im vergangenen Advent ein kleines Konzert in der Kirchhainer Fußgängerzone gestaltet. Die Spendengelder gehen auch nach Felnaq. Dort fehlt es den meisten Familien nach wie vor am Nötigsten. Nach ihrer Ankunft kauften Joachim und Kiera Boucsein zunächst ordentlich ein. Reis, Mehl, Zucker, Nudeln, Fertigsoße und Wurst kamen in zusammen 64 Pakete. Die verteilten die beiden an die Familien im Ort. Beim Verteilen hatten viele in der kleinen Siedlung Angst, dass am Ende nichts für sie übrigbleiben könnte. Doch die Boucseins und ihre Unterstützer der „Kleinen Löwen“ hatten darauf geachtet, dass jede Wohnstätte – es sind durchweg Baracken – etwas bekam. Es habe viel Freude „über ein bisschen was“ gegeben, freut sich Joachim Boucsein, als er Bilder der Verteilaktion zeigt.

20 Euro an Kosten für die Anmeldung stehen Schulbildung im Weg

Und sie organisierten an den drei Tagen, an denen sie dort waren, Spiele für die Kinder. „Schön zu sehen, dass die Kleinen dort dann auch einmal Spaß haben“, sagt Kiera. Für die Kinder seien das richtige Lichtblicke gewesen. „Es ist krass zu sehen, dass es so etwas in Europa gibt“, berichtet die 14-Jährige von ihren Eindrücken im Ort. Der OP-Bericht vom Februar hat eine große Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst. Noch immer bekommt Boucsein zum Beispiel Kleiderspenden. Für den Herbst ist die nächste große Tour mit einem 40-Tonner-Lastwagen geplant. Den stellt eine Spedition zur Verfügung. Boucsein sucht gerade einen qualifizierten Fahrer dafür. In einem früheren Stall in Schwabendorf sind zahlreiche Spenden für den Transport schon vorbereitet. Bei der jüngsten Tour waren Joachim Boucsein und seine Tochter nach Rumänien geflogen.

Im Lastwagen wird dann auch eine Motorspritze stehen. Sie wurde von der Werkfeuerwehr der Marburger Tapetenfabrik gestiftet und von der Freiwilligen Feuerwehr Kirchhain technisch überprüft. Hinzu kommen die nötigen Schläuche. Die OP hatte darüber berichtet, dass es in dem Ort mit insgesamt 6500 Einwohnern kein Feuerwehrauto mehr gibt. Es ist nicht mehr fahrbereit und lässt sich auch nicht reparieren.

Boucsein hofft immer noch darauf, dass sich ein ausgemustertes Fahrzeug bei einer Feuerwehr aus der Region findet. „Aber die Motorspritze wird schon ein riesengroßer Fortschritt sein“, sagt er. Der Kreisfeuerwehrverband unterstützt ihn dabei.

Ein großes Problem ist neben der Unterkunft in Baracken und dem Fehlen von Kleidung und Lebensmitteln auch die Tatsache, dass nur wenige der Kinder aus der Siedlung zur Schule gehen. Für die Hilfsorganisation ist das eine Herausforderung. Zwar gilt in Rumänien ebenfalls die Schulpflicht, wie Boucsein betont. Aber dazu müssten auch alle Kinder gemeldet sein. Und das ist bei Weitem nicht der Fall. „Jede Anmeldung kostet 20 Euro, das kann sich eigentlich dort keiner leisten“, nennt er den Grund. Die „Kleinen Löwen“ übernehmen Patenschaften für Kinder.

Joachim Boucsein hat inzwischen auf Einladung auch Schulklassen in Kirchhain an der AWS und in Marburg an der Brüder-Grimm-Schule besucht. „Wenn es Interesse gibt, komme ich gerne auch in andere Schulen oder informiere Vereine über das, was wir machen“, bietet er an.

von Michael Rinde

Hessen Helfen

Die Gruppe „Hessen helfen“ ist im sozialen Netzwerk Facebook hier zu finden. Die Gruppe hat aktuell 600 Mitglieder, davon 100 aktive Spender; fünf Mitglieder planen und organisieren die einzelnen Hilfsaktionen. Die Gruppe hatte sich im vergangenen Jahr zunächst um Flüchtlingslager in Griechenland gekümmert. Joachim Boucsein ist unter der Rufnummer 06453/7164 erreichbar.