Volltextsuche über das Angebot:

27 ° / 14 ° wolkig

Navigation:
Einsamer Streik einer Apothekerin

Apotheker-Streik Einsamer Streik einer Apothekerin

Die Krankenkassen haben ein Finanzpolster von 21,8 Milliarden Euro angehäuft. Für Apotheker ein guter Zeitpunkt, um die Honorare zu verhandeln.

Voriger Artikel
Auf der Suche nach mehr Schülern
Nächster Artikel
Großes Fest in Kleinseelheim

Michaela Bayer-Schurich von der Bahnhofsapotheke in Kirchhain setzt ein Zeichen und bedient
ihre Kunden heute nur an der Notfallklappe.Foto: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Kirchhain. Apotheken sind nicht gerade für Discountpreise bekannt. Doch wenn man glaubt, was die Apotheker sagen, die am heutigen Mittwoch in Baden Württemberg, Rheinlandpfalz und im Saarland streiken, sieht es so aus, als ob bei den „Verkäufern“ der Medikamente zu wenig ankommt. Sie fordern einen Euro mehr für jedes verkaufte Arzneimittel.

Michaela Bayer-Schurich, die Inhaberin der Bahnhofsapotheke in Kirchhain, hat sich den streikenden Kollegen im Süden angeschlossen. Heute bedient sie Ihre Kunden nur durch die Notfallklappe. Wir haben sie gefragt, wie sich die Preise für Medikamente in der Apotheke zusammensetzen.

So entstehen die Medikamentenpreise

Auf den Einkaufspreis schlägt die Apotheke drei Prozent und derzeit eine Pauschale von 8,10 Euro auf. Dazu kommen 19 Prozent Mehrwertsteuer. Das heißt, dass es in Apotheken kaum Arzneimittel gibt, die weniger als zehn Euro kosten. Das klingt erst einmal nach einer ordentlichen Gewinnspanne, aber dann kommen die Krankenkassen ins Spiel. Sie gehen davon aus, dass die Apotheker im Einkauf der Medikamente Rabatte einstreichen und verlangen deshalb ihrerseits 21 Prozent „Zwangsrabatt“ auf die meisten Medikamente von den Apothekern. Früher war diese Zahl, so Bayer-Schurich, nicht ganz unrealistisch. Seit letztem Jahr ist der Einkaufsrabatt für Medikamente aber gesetzlich auf etwas mehr als drei Prozent begrenzt. Die Apotheker gewähren den Krankenkassen also einen Rabatt aus der eigenen Tasche.

Die Krankenkassen haben im vergangenen Jahr ein finanzielles Polster von 21,8 Milliarden Euro aufgebaut. Das liegt vor allem daran, dass weniger Arbeitslose kostenlos krankenversichert sind und mehr Angestellte in die Versicherung einzahlen. Ein guter Anlass für die Apotheker, wie es derzeit auch die Ärzte tun, über die Honorare und den „Zwangsrabatt“ zu verhandeln.

Ein Euro mehr für jedes verkaufte Medikament

Die Politik hat offenbar anerkannt, dass die Apotheker eine Gehaltsverbesserung verdienen, der Bund schlägt vor, die Pauschale von 8,10 auf 8,35 Euro zu erhöhen. Die Apotheker verlangen einen Euro Aufschlag für jedes verkaufte Medikament, also 9,10 Euro. Ihr schwerstes Argument: „Derzeit sterben jede Woche sechs Apotheken in Deutschland“, sagt Bayer-Schurich. Wenn das so weitergehe, sei die „wohnortnahe Versorgung mit Medikamenten“ besonders in ländlichen Regionen gefährdet. Dann bräuchte man bald teure Programme, um Apotheker aufs Land zu locken, wie es derzeit bei den niedergelassenen Ärzten der Fall ist.

Besonders der nächtliche Notdienst belastet die Apotheker auf dem Land. Nachdem kürzlich eine Apotheke im Ostkreis geschlossen wurde, gibt es dort jetzt nur noch zwölf, die die Notdienste untereinander aufteilen. Zurzeit muss jede 25 bis 30 Notdienste im Jahr bestreiten. Dazu zählen neben Nacht- auch Sonn- und Feiertagsdienste.

So sieht ein Nachtdienst dann für Bayer-Schurich aus: Nach zehn Stunden Tagdienst geht sie kurz die Treppe hoch in ihre Wohnung und kommt mit ihrem Kissen und Abendbrot zurück in die Apotheke, um den Notdienst anzutreten. „Vor ein Uhr ist meistens so viel los, dass ich mich gar nicht hinlegen kann“, sagt die 62-Jährige. Danach werde es in der Regel ruhiger, „aber wenn man drei, vier Mal von der Klingel geweckt wurde, bringt der restliche Schlaf auch nicht mehr viel“, sagt sie.

Um etwa acht Uhr geht Bayer-Schurich dann noch einmal kurz zum Duschen in die Wohnung und dann geht auch schon der nächste Tagdienst los.

Warum sie die Nachtdienste nicht Angestellte machen lässt? Es sei zu teuer, sagt Bayer-Schurich. Auch im Notdienst müsse laut Gesetz ein voll ausgebildeter Apotheker im Dienst sein. Der verdiene rund 40 Euro pro Stunde plus Nachtzulage und das, so die Apothekerin, kommt bei den wenigen nächtlichen Kunden durch den Nachtzuschlag von 2,50 Euro pro Medikament längst nicht wieder rein. Alles in allem zahle sie im Jahr rund 15000 Euro für die obligatorischen Notdienste drauf.

Bayer-Schurich streikt heute wahrscheinlich als einzige Apothekerin in Hessen. Sie steht hinter der Forderung der süddeutschen Apotheker und möchte ein Zeichen setzen. Ihre Kunden, Politiker und Krankenkassen will sie darauf aufmerksam machen, dass die gewohnte Rundumversorgung bedroht ist. Wenn immer mehr Apotheken schließen, kann der flächendeckende Notdienst, aber vor allem die Beratung durch examinierte Pharma­zeuten nicht mehr gewährleistet werden. Und das ist vor allem eine Frage des Honorars.

Hintergrund - Warum die Apotheker in Süddeutschland streiken

Im Streit über die Honorarerhöhungen wollen die Apotheker mehr Druck auf die Bundesregierung ausüben. Heute sind die Apotheken in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und im Saarland zu flächendeckenden Warnstreiks aufgerufen. Der Saarländische Apothekerverein rechnet damit, dass sich mindestens 90 Prozent der 326 Apotheken im Land an der Aktion beteiligen. In allen drei Bundesländern sollen Kunden nur durch die Notdienstklappe bedient werden. Hierdurch kann es zu Wartezeiten kommen.Sollte die Politik daraufhin in der Honorarfrage keine Zuge­ständnisse machen, ist als nächste Stufe ein Streik geplant, bei dem dann wirklich alle Apotheken für einen Tag schließen sollen. Abgesehen von der Notversorgung ausgewählter Apotheken. Als Termin hierfür sei der 10. Oktober vorgesehen, sagte der Geschäftsführer des Saarländischen Apothekervereins, Carsten Wohlfeil, der Nachrichtenagentur dapd. Die bundesweit etwa 21 300 selbstständigen Apotheker mit ihren rund 148 000 Mitarbeitern fordern eine Honorarerhöhung von knapp einem Euro pro verordnetem Arzneimittel auf 9,14 Euro, der Bund sieht bislang eine Erhöhung um 25 Cent ab 1. Januar 2013 vor.

Quelle Hintergundkasten: dapd

Text  von Thomas Strothjohann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Von Redakteur Andreas Arlt

Lumira24

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr