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Ostkreis Eine superprofessionelle Verrücktheit
Landkreis Ostkreis Eine superprofessionelle Verrücktheit
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09:24 06.07.2012
Marco Nau präsentiert den Pokal, den es bei der Handtaschen-Weitwurf-Weltmeisterschaft zu gewinnen gibt. Rund 15 000 Zuschauer erwarten die Organisatoren – das entspricht der durchschnittlichen Besucherzahl des Movie Parks an einem Tag im August.Privatfot
Kirchhain

Eigentlich ist Marco Nau ein seriöser Entspannungs- und Jobmassage-Therapeut, den große Firmen buchen, die ihren Mitarbeitern während der Arbeitszeit ein bisschen Entspannung und Erholung gönnen wollen. Der gebürtige Kirchhainer braucht keine eigene Praxis, um den Menschen Gutes zu tun: Er kommt zu ihnen ins Büro und lässt sie mit seinen magischen Fingern Stress, Anspannung und Alltagssorgen vergessen - zumindest, so lange er sie massiert.

Doch wie passt das zu seiner Aussage „Ich bin eigentlich zu allen Schandtaten bereit“? Ganz einfach: Ein Freund fragte und der 37-Jährige erklärte sich sofort bereit, an einer gleichermaßen verrückten wie witzigen Veranstaltung teilzunehmen: der Handtaschen-Weitwurf-Weltmeisterschaft. Und die Begründung hatte er ja bekanntermaßen auch gleich parat.

Jener Freund ist der Kölner PR-Berater André Puchta, der scheinbar öfters unterhaltsame Ideen hat - bisher zwar immer für Kunden, doch nun setzt er seinen anderthalb Jahre alten Einfall selber in die Tat um. Damals saß er mit der befreundeten Komödiantin Irmgard Knüppel in einem Café, als einer Frau die Handtasche gestohlen wurde. „Da merkten wir, wie wichtig einer Frau die Tasche ist. Und das ganz unabhängig vom Inhalt“, erinnert er sich. Also überlegten die beiden, wie sie diesem Objekt die gebührende Aufmerksamkeit zukommen lassen könnten - und kamen auf die Handtaschen-Weitwurf-Weltmeisterschaft.

Und die zieht Puchta jetzt richtig professionell auf: zum Beispiel mit einer Auftakt-Pressekonferenz und einer abwechslungsreichen Homepage. Auf der finden sich nicht nur Informationen zur Veranstaltung sondern auch zum Hintergrund. Die promovierte Wirtschaftspsychologin Dr. Ute Rademacher stellt dort ihre Studie zur Bedeutung der Handtasche in der Welt der Frauen zur Verfügung, es gibt aber auch Weisheiten wie: „Handtaschen sollten nie mehr als ein Zehntel des eigenen Körpergewichtes wiegen“ oder das Ergebnis einer Studie, das besagt, dass sich in Handtaschen durchschnittlich Dinge im Wert von rund 800 Euro befinden.

Er selbst besitze kein Männerhandtäschchen, erklärt Puchta - außer natürlich dem „Pokal“, der auf die Gewinnermannschaft der Weltmeisterschaft wartet. Was der Kölner indes hat, ist jede Menge Unterstützung von Freunden und Bekannten, so dass sich ein echtes Team um die „Athleten“ kümmern wird. Und zwar eines, um das ihn viele Sportvereine beneiden würden: Neben Cheerleadern und Fahnenträgern wartet in Diplom-Sportökonom Jens Vatter ein echter Experte als Nationaltrainer auf die deutschen Werfer. Schließlich müssen sie sich auf die Disziplinen Stoßen, Kurbelwurf, Freestyle und Diskuswurf vorbereiten, denn die Jury unter Vorsitz Knüppels beurteilt die Würfe auch nach technischer Ausführung und Choreographie. Hinzu kommen ein psychologischer Berater, ein Moderator (der sonst Stadionsprecher beim MSV Duisburg ist) und natürlich Marco Nau.

Er solle mit japanischer Druckpunktmassage, Gelenklockerung und traditioneller Bindegewebsmassage zur Entlastung von Nacken, Schulter, Rücken, Armen, Händen und Kopf der Athleten beitragen, heißt es in einer Pressemitteilung.

Er stehe bereit, wenn jemand massiert werden wolle oder einen Ansprechpartner brauche, erklärt Nau. Vornehmlich wolle er jedoch präventiv tätig sein: „Wenn ein Muskel warm ist, kommt es nicht so schnell zu Zerrungen oder anderen Verletzungen“, betont er und preist seine Wunderhände an. Und vielleicht könne er durch seine Arbeit die Athleten noch zusätzlich motivieren oder anheizen.

Ein bisschen Ernst sei aber auch dabei: „Es ist eine Weltmeisterschaft - es soll schon mit Ehrgeiz teilgenommen werden.“ Der Spaß stehe jedoch im Vordergrund: „Wenn wir am Ende des Tages zum Schluss kommen können, dass die Veranstaltung eine tolle Sache gewesen ist, dann sind wir zufrieden“, ergänzt der 37-Jährige.

Selber eine Handtasche durch die Gegend feuern, werde er allerdings nicht. Zwar spielte er früher Handball beim TSV Kirchhain und weiß genau, wie man wirft, doch durch seinen Beruf sei er „ein bisschen faul“ geworden: „Ich arbeite tagsüber sehr viel und biete abends als Hypnotiseur noch Sitzungen an.“ Ziel seiner „Kunden“ sei es beispielsweise, mit dem Rauchen aufzuhören, abzunehmen oder Ängste zu therapieren. Zeit für Sport sei da für ihn nicht mehr übrig: „Am Ende des Tages bin ich meistens platt.“

Nichtsdestotrotz sei er glücklich über seine Berufswahl und seine sieben Jahre zurückliegende Entscheidung, nach Köln zu ziehen. „Ich bin zwar noch gerne in Kirchhain und genieße es, am Marktplatz eine Bratwurst zu essen. Das ist wie ein Stück Heimatgefühl. Aber wenn ich dann zurück nach Köln komme, merke ich wieder, dass ich dort eigentlich zu Hause bin.“

Weitere Informationen zur Handtaschen-Weitwurf-Weltmeisterschaft am 11. August im Movie Park Germany gibt es im Internet unter http://www.htwwwm.de

Marco Nau (37) war viele Jahre Croupier beim Tortenwürfeln in der Kirchhainer Bäckerei Maus. 1992 erlangte er die mittlere Reife an der Alfred-Wegener-Schule und machte dann eine Ausbildung zum Groß- und Einzelhandelskaufmann. Während seiner zwölfjährigen Zeit bei der Bundeswehr in Neustadt ließ er sich zum Massagetherapeuten schulen. Vor sieben Jahren zog er nach Köln, nahm ein BWL-Studium auf doch erkannte nach zwei Semestern, das dies nichts für ihn ist. Also machte er sich als Massagetherapeut selbständig und ist nun zufrieden: „Ich bin in meinem Element und am Ziel angekommen – das zeigt mir auch der Erfolg.“Privatfoto

von Florian Lerchbacher