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Ostkreis Eine Kindheit im Schatten des Turms
Landkreis Ostkreis Eine Kindheit im Schatten des Turms
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20:09 04.05.2014
Den Junker-Hansen-Turm an der Wand, die alte Schreibmaschine, auf der sie während ihrer Ausbildung zur Rechtsanwalts- und Notarsgehilfin noch das Zehn-Finger-Schreiben lernte, auf dem Tisch: Susanne Wettlaufer aus Neustadt wird im Juni 50 Jahre alt und ist stolz darauf zur Babyboomer-Generation zu gehören. Quelle: Katharina Kaufmann
Neustadt

OP: Sie werden im Juni 50 Jahre alt und gehören damit zum Babyboomer-Jahrgang 1964. Wie fühlen Sie sich damit?

Susanne Wettlaufer: Ich fühle mich auf jeden Fall kein bisschen alt. Eher freue ich mich, dass ich 50 werde. Ich kenne genug Menschen, die dieses Alter nicht erreicht haben und bin zufrieden damit, gesund und wohl auf zu sein.

OP: Sie sind in Neustadt groß geworden und leben dort noch heute. Wie war das damals?

Wettlaufer: Es war ganz anders. Ich wuchs im Schatten des Junker-Hansen-Turms auf, als auf dem Rasen im Park noch nicht gespielt werden durfte, als in Neustadt noch richtig Betrieb war, als es noch viele Händler und Geschäfte gab. Das gesamte Leben war anders als heute - aber weder besser noch schlechter.

OP: Inwiefern?

Wettlaufer: Naja, man war zufrieden, mit dem was man hatte. Sei es der Kassettenrekorder oder der Plattenspieler. Es gab nur ein Telefon pro Haushalt und nur einen Fernseher. Mein 18-jähriger Sohn könnte sich das so nicht mehr vorstellen. Wir haben draußen gespielt und kamen erst heim, wenn es dunkel wurde. Vermisst hat uns deswegen keiner. Samstagabend saßen meine Schwester und ich frisch gebadet im Schlafanzug vor dem Fernseher und sahen uns „Daktari“ und die „Disco“ mit Ilja Richter an.

OP: Klingt, als hätten Sie eine schöne Kindheit gehabt.

Wettlaufer: Ja das hatte ich. Und auch meine Jugend in Neustadt war schön.

OP: Sie waren Neustadts erstes Burgfräulein, nicht?

Wettlaufer: Ja, richtig. Ich bin stolze Neustädterin und habe die Stadt immer gerne als solche vertreten. Als ich 28 Jahre alt war, entstand zur 488. Trinitatiskirmes die Idee, einen Junker Hans und zwei Burgfräuleins als Vertreter der Stadt zu küren. Ich habe ich mich gleich begeistert darum beworben. Zudem war ich jahrelang im Karneval aktiv, habe Büttenreden gehalten und in der Neustädter Prinzengarde getanzt.

OP: Vermissen Sie heute etwas, was es damals gab?

Wettlaufer: Die Gemeinsamkeit, zum Beispiel beim Essen. Handy und Fernseher stören heute manchmal das Familienleben. Man hatte auch viel, viel mehr Respekt vor den Eltern und Lehrern. Ich habe noch heute großen Respekt vor meinem Vater. Ihm würde ich doch keine Widerworte geben. Was nicht heißt, dass ich nicht liebevoll erzogen worden bin. Es war autoritär. Und ich habe viel von meinen Eltern gelernt: Ordnung, Fleiß und vor allem Pünktlichkeit.

OP: Stichwort Mode der damaligen Zeit - für Frauen ja immer ein Thema, was meinen Sie?

Wettlaufer: Oh, die Mode war toll damals für uns Mädchen. Ich weiß noch genau, was mein Lieblingsteil war: ein dunkelrotes Samtkleidchen, zu welchem ich immer weiße Lackstiefel mit Schnürung getragen habe. Das kann man sich heute gar nicht mehr angezogen vorstellen. Außerdem gab es Miniröcke, Schlaghosen und Plateau-Schuhe. Aber das kommt nach und nach alles wieder. Davon bin ich fest überzeugt.

Lebenslauf

Kindergarten: In der Allee Neustadt

Grundschule: Stadtschule Neustadt

weiterführende Schulen: zuerst Waldschule in Neustadt, nach dem Realschulabschluss noch Höhere Handelsschule

Ausbildung: Rechtsanwalts- und Notarsgehilfin

Arbeitsstelle: Sparkasse Marburg-Biedenkopf, Vollstreckungsabteilung

von Katharina Kaufmann