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Ein teurer Akt ganz spezieller Nächstenliebe

Gerichtsurteil Ein teurer Akt ganz spezieller Nächstenliebe

Ein ausgesprochen freundlicher und höflicher Zeitgenosse stand im Kirchhainer Amtsgericht vor Richter Joachim Filmer. Seine Freundlichkeit hatte ihn auf die Anklagebank gebracht.

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Stadtallendorf. Es ist Donnerstag,der 4. August 2011 in Stadtallendorf. Der Tag ist noch sehr jung und ein 48-jähriger Stadtallendorfer Familienvater noch munter. Er hat keine Zigaretten mehr im Haus. Mit zwei Bier im warmen Bauch fährt er los, um Zigaretten zu kaufen. Es bleibt nicht beim schnellen Einkauf.

Der Arbeiter dreht noch eine Runde durch die Stadt und trifft dabei einen Freund. Damit nimmt das Verhängnis für ihn seinen Lauf. Der Freund bittet ihn gegen 2.30 Uhr um einen besonderen Akt der Nächstenliebe: Er möchte noch in der Nacht einer käuflichen Dame geschlechtlich seine Aufwartung machen.

Zu diesem Behufe möge ihn der freundliche Freund noch zu einem entsprechenden Stadtallendorfer Etablissement chauffieren. Der brave Familienvater tut‘s, beteiligt sich aber nicht an den im Obergeschoss dieses Hauses üblichen Lustbarkeiten, sondern hält sich unten in der Bar eine geschlagene Stunde an einem kleinen Glas Bier fest. Für das – so wird der Gast später bei seiner polizeilichen Vernehmung mit kritischen Unterton konstatieren – er fünf Euro bezahlen muss.

Der stille Zecher geht laut seiner Aussage bei der Polizei derart sparsam mit dem hochpreisigen Gerstensaft um, dass für seinen Kumpel noch das halb gefüllte Glas übrig bleibt, als dieser nach einer Stunde an den Tresen zurückkehrt.

Das Duo bricht auf, fährt gegen 3.30 Uhr über die Niederrheinische Straße Richtung Innenstadt – und fällt einer Polizeistreife auf. Die Beamten wenden ihr Fahrzeug und haben Mühe, mit den beiden Lustreisenden mitzuhalten. Der 48-jährige fährt innerorts auf einer Länge von 300 Meter Tempo hundert – und dies in leichten Schlangenlinien, wie der Streifenpolizist im Zeugenstand berichtet.

Erst nach mehreren hundert Metern beachtet der Autofahrer das Anhaltesignal der Polizeistreife und fährt an einer Tankstelle rechts ran. Der eine Stunde später vorgenommene Alkoholtest ergibt beim Fahrer einen Promillewert von 0,5. Bei 0,5 Promille spricht die Justiz von einem Zustand relativer Fahruntüchtigkeit.

Die Schlussrechnung, die Joachim Filmer dem Angeklagten für dessen teuren Akt der Nächstenliebe im Urteil präsentiert, entspricht exakt den Anträgen der Staatsanwältin. Der Richter berücksichtigt für das Strafmaß den niedrigen Promillewert und das bislang straffreie Leben des Angeklagten als strafmildernd.

Mit einem freundlichen Lächeln und einem leisen „Dankeschön“ quittiert der Angeklagte das Urteil und erklärt sogleich Rechtsmittelverzicht: „Ich nehme an, ist ja meine Schuld.“ Und – höflich wie er ist – verabschiedet er sich von dem Polizeibeamten, der ihn am 4. August gestellt hatte, mit einem freundlichen Händedruck.

von Matthias Mayer

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