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„Ein schlechter Tag“ mit Folgen

Aus dem Gericht „Ein schlechter Tag“ mit Folgen

Die Schluss-Szene hätte sich der Regisseur einer TV-Gerichtsshow nicht gefühlsduseliger ausdenken können. Der Angeklagte drückte zwei Polizisten entschuldigend die Hand, um dann seine Frau zu herzen und zu küssen.

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Das ist nicht die feine Art: Erst wie ein Berserker überholen und dann auch noch den Mittelfinger aus dem Fenster halten. Der Hintermann wusste sich zu helfen...

Quelle: Matthias Mayer

Kirchhain. Weil er sich am 23. März alles anderere als friedfertig und harmoniebedürftig gezeigt hatte, musste sich der 51-Jährige vor dem Kirchhainer Amtsgericht verantworten. Anklage-Vorwurf: Gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr in Tateinheit mit fahrlässiger Trunkenheitsfahrt und Beleidigung.

Nach den Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft befuhr der aus Thüringen stammende Arbeiter mit seinem Auto gegen 16.20 Uhr die Landesstraße zwischen Schweinsberg und Niederklein im Zustand absoluter Fahruntüchtigkeit. Die später entnommene Blutprobe ergab einen Promillewert von mindestens 2,33. Trotz Gegenverkehr überholte er einen anderen Autofahrer, dem er anschließend durch seine unsichere Fahrweise auffiel. Er befuhr teilweise die Gegenspur auf kompletter Breite. Auf entsprechende Lichtsignale und Handzeichen des überholten Autofahrers reagierte er, indem er diesem Mann zweimal den Stinkefinger zeigte. Nur war er dabei an den Falschen geraten, denn im verfolgenden Auto saß ein Polizeibeamter, der sich auf dem Weg zum Dienst befand. Der informierte telefonisch seine Stadtallendorfer Kollegen, die das Auto stoppten. Bei seiner polizeilichen Vernehmung gab der alkoholisierte Mann an, statt seiner sei seine nüchterne Frau gefahren.

Damit drohte der als Zeugin geladenen Ehefrau das Fegefeuer einer uneidlichen Falschaussage und damit im Zweifelsfall eine deutlich härtere Bestrafung, als ihren Mann. Darauf wies Amtsgerichtsdirektor Edgar Krug gleich zu Beginn der Beweisaufnahme den Angeklagten hin: „Wenn Sie das Auto gefahren haben, dann sollten Sie nicht lange drumherum reden.“

Morgens Kündigung, nachmittags Alkoholfahrt

Das tat der reumütige Angeklagte auch nicht. Er machte sofort reinen Tisch. „Der Vorwurf stimmt. Ich möchte mich bei allen Beteiligten entschuldigen. Bei dem Autofahrer für meine Beleidigung, bei dem Polizisten für meine Falschaussage und bei meiner Frau dafür, dass ich sie in die Sache hineingerissen habe“, sagte er. Und er bekannte, dass er Lügen hasse und deshalb versuche, sein Kind zu Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit zu erziehen. „Ich wollte wohl meine Haut retten“, begründete er sein Abweichen vom selbstgewählten Pfad der Tugend.

„Ich hatte einen schlechten Tag“, sagte er dem Gericht. Am Morgen habe er von einem Kollegen erfahren, dass sein Arbeitsvertrag krankheitsbedingt nicht verlängert werde. Dann habe er zu Hause Holz gemacht und den anfallenden Durst mit Flachmännern aus einem nahegelegenen Supermarkt gelöscht. Nach dem Wochenend-Einkauf in Homberg sei er mit seiner Frau zu einer dienstlichen Besprechung in Richtung Stadtallendorf gefahren - und auf diesem Teilstück dummerweise selbst gefahren.

Das umfassende Geständnis erübrigte eine Zeugenvernehmung . Da bei der Trunkenheitsfahrt glücklicherweise keine Verkehrsteilnehmer akut gefährdet worden waren, ließ Edgar Krug den Anklagepunkt Gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr für die Urteilsfindung fallen.

Wegen einer fahrlässigen Trunkenheitsfahrt in Tateinheit mit Beleidigung verurteilte er den von Krankengeld lebenden Mann zu einer Geldstrafe in Höhe von 60 Tagessätzen à 25 Euro und bewegte sich damit knapp unter dem Antrag der Anklage-Vertreterin. Zudem ordnete der Richter an, dass der vor sieben Monaten eingezogene Führerschein dem Angeklagten nicht vor dem Ablauf von fünf Monate erteilt werden kann.

Vor der Neuerteilung steht aber die medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU), und die kann, so Edgar Krug, für den Angeklagten zu einer großen Hürde werden. Das Problem: Bei allen Tests, die nach der Blutentnahme gemacht wurden, zeigte der Angeklagte keinerlei Ausfallerscheinung, was für eine starke Alkohol-Gewöhnung spricht.

Der Angeklagte nahm das Urteil sofort an und erklärte wie die Anklage Rechtsmittelverzicht.

von Matthias Mayer

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