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Ein langes Leben für die große Familie

90. Geburtstag Ein langes Leben für die große Familie

Die Liebe führte Maria Bauerbach geb. Hofmann einst nach Anzefahr. Die Zuneigung der heimatvertriebenen Sudetendeutschen galt Heinrich Bauerbach, einem Schriftsetzer der Oberhessischen Presse.

Anzefahr. Heute wird die vitale Seniorin 90 Jahre alt. An ihrem Ehrentag wird nur im kleinem Kreis in ihrem am Ortsrand von Anzefahr gelegenem Wohnhaus, das sie sich mit der Familie ihres Sohnes Winfried teilt, gefeiert. Die ganze Familie kommt dann mit vier Kindern, acht Enkeln und fünf Urenkeln zum großen Fest am Samstag in einem Anzefahrer Gasthaus zusammen.

Die Jubilarin wurde am 27. Oktober 1927 in Rosendorf, Kreis Römerstadt, geboren. Im Juli 1946 musste sie ihre Heimat verlassen - zusammen mit ihrer Mutter, zwei Brüdern und dem gelähmten Großvater. „Wir mussten ihn mitnehmen. Sonst wäre er erschossen worden“, ­erzählt Maria Bauerbach über diese dunkle Zeit.

"Die Zigeuner kommen"

Auch der Neustart in der neuen Heimat war alles ­andere als ein Zuckerschlecken. ­Einer ihrer Brüder kam in Essen-Katernberg unter. Maria wurde mit ihrer Mutter, dem zweiten Bruder und dem kranken Großvater, der 1949 sterben sollte, in einem Raum auf einem Bauernhof in Emsdorf untergebracht.

„Als wir reinkamen, riefen die Leute ,die Zigeuner kommen‘“, erinnert sich Maria Bauerbach und findet für den Ausruf nur eine Erklärung: Ihre Gastgeber müssen die zur sudetendeutschen Tracht gehörenden Pluderhosen wohl falsch gedeutet haben. Eine weitere Quelle für Missverständnisse: Die Neuankömmlinge verstanden kein Emsdorfer Platt. Und die Emsdorfer waren der sudetendeutschen Mundart nicht kundig.

Lebhaft erzählt sie von den Verhältnissen auf dem Hof, wobei ihr nicht die Arbeit, sondern die engen Wohnverhältnisse in unguter Erinnerung geblieben sind. „Alles geschah in diesem einen Raum, auch das Kochen und das Waschen.“

Sechs Kinder brachte Maria Bauerbach zur Welt

1947 kehrte Heinrich Bauerbach aus kanadischer Kriegsgefangenschaft zurück. Maria und Heinrich fanden zusammen, und am 1. August 1948 wurde in Anzefahr geheiratet. In Heinrichs Elternhaus, einem Eisenbahnergebäude, fanden die Eheleute ihre erste gemeinsame Unterkunft.

Die große Zeit der Enge war vorbei. 1954 legten die Bauerbachs den Grundstein für ihr Wohnhaus, das sie zwei ­Jahre später bezogen. „Wir haben uns gefreut wie die ­Schneekönige. Endlich allein“, erzählt sie aus dieser Zeit. Die Eheleute füllten ihr Haus mit sechs Kindern, von denen heute leider zwei nicht mehr leben. Mutter von sechs Kindern zu sein, ist ein Vollzeitberuf.

Maria Bauerbach verdiente sich trotzdem etwas dazu, ­arbeitete bei Kammgarn Richter in Stadtallendorf und bei der Marburger Tapetenfabrik in Kirchhain - wohl wissend, dass ihr Mann einst nach dem Tod seines Vaters das Gymnasium Stiftsschule verlassen musste, weil seine Mutter das Schulgeld nicht bezahlen konnte. Zuletzt arbeitete sie als OP-Zustellerin.

Ihr Mann starb am 5. Dezember 1993. Die Namen seiner OP-Kollegen kann Maria Bauerbach heute noch wie aus der Pistole geschossen nennen: „Den Sohn-Johannes, den kräftigen Schulze-Peter, den Schäfer-Heinz, den Strack-Wilhelm und den Junker-Bernhard.“

Der Bauerbach-Heinrich verabscheute Fehler in der Zeitung. Einmal ließ er nachts um 3 Uhr die Rotation anhalten, weil er in seinem Andruckexemplar einen Fehler entdeckt hatte. Das nennt man Berufsauffassung.

von Matthias Mayer

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