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Ostkreis Ein Zeichen für ein enges Miteinander
Landkreis Ostkreis Ein Zeichen für ein enges Miteinander
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19:42 26.01.2014
Bei dem Angriff auf das Asylbewerberheim randalierten vier Täter und beschädigten mehrere Rollläden. Quelle: Archivfoto
Wohratal

Jener Angriff von vier geständigen jungen Männern auf das Asylbewerberheim in Wohra hat wie eine Initialzündung im positiven Sinne gewirkt, so scheint es zumindest. Am vergangenen Donnerstagabend trafen sich rund 40 Wohra­taler Bürger und Bewohner des Asylbewerberheims in der Hofreite Wohra. Darunter waren Vertreter der Kirchengemeinde, der Grundschule wie auch der Kindertagesstätte oder frühere Mitglieder des Arbeitskreises Asyl, um Beispiele zu nennen. Aber auch Bürger, die vom Runden Tisch gehört hatten und sich einbringen wollen.

Mit einem derart großen Interesse hatte Harald Homberger, der Organisator, nicht gerechnet. Im Zentrum stand eine Frage: „Was können wir vor Ort für die Flüchtlinge tun, was können wir anbieten?“ Hauptziel ist es laut Homberger, das, was sich das Gemeindeparlament schon vorgenommen hat, schnell in Gang zu bringen: Die Integration von Asylbewerbern zu beleben, zu verbessern. „Der Runde Tisch ist als Signal an die Heimbewohner gedacht, dass wir uns wirklich Gedanken machen - und das dieser Angriff eine Ausnahmeerscheinung war“, betont Homberger, der unter anderem Mitglied im Gemeindeparlament ist. Dazu ist den Anwesenden in zwei Stunden vieles eingefallen: Zwei Lehrerinnen und vertretungsweise auch Pfarrer Hardy Rheineck bieten Sprachunterricht an. Bewohner des Asylbewerberheims berichteten über mangelnde Mobilität. Es fehlt an Möglichkeiten, etwa um zum Einkaufen nach Gemünden (Wohra) zu kommen. Das soll ein Fahrdienst ändern.

Viele Angeboten sind nicht bekannt

„Es hat sich aber auch gezeigt, dass viele vorhandene Angebote in der Gemeinde nicht bekannt waren“, berichtet Homberger im Gespräch mit dieser Zeitung, beispielsweise, dass es „fahrende Supermärkte“ gibt, die nach Wohra kommen oder eine Einkaufsmöglichkeit für Obst und Gemüse.

Die Bewohner des Asylbewerberheimes sind sehr auf ihre engste Umgebung konzentriert, aufgrund ihres Status fehlt ihnen teilweise auch einfach Beschäftigung. Auch das lässt sich möglicherweise mit einfachen Mitteln ändern. So will die Gemeinde prüfen, ob sie nicht ein Grundstück in der Nachbarschaft für die Anlage eines Garten bereitstellt.

Aber auch die unmittelbaren Folgen jenes Angriffs auf das Gebäude standen im Blickpunkt, wie Homberger berichtet: die Sicherheit des seit 20 Jahren bestehenden Gebäudes. Das brachten die zehn Asylbewerber beim Runden Tisch zur Sprache. Sie bekamen eine positive Rückmeldung. Die Eigentümer des Gebäudes, die beim Runden Tisch dabei waren, haben schon reagiert. Sie haben sich von einem Polizeiexperten beraten lassen, es soll sich schnell etwas tun. „Da geht es beispielsweise um Bewegungsmelder für die Außenbeleuchtung“, erläutert Homberger.

"Die Menschen in Wohratal stehen hinter uns"

Bei den Bewohnern des Heimes hat sich der erste Schockeffekt gelöst, berichtet Hossein Atai, der aufgrund seiner hervorragenden Deutschkenntnisse immer wieder dolmetscht. „Wir haben den Eindruck, dass die Menschen in Wohratal hinter uns stehen. Zumindest die Erwachsenen, mit denen ich spreche, fühlen sich wieder sicher“, sagt Atai. Zu den Kindern könne er allerdings nichts sagen.

Um Kinder wie Erwachsene wollen sich zwei in Wohratal lebende Psychologen kümmern, unentgeltlich Hilfen anbieten. Dabei geht es um die Traumata, die die Bewohner durch die Ereignisse in ihren Heimatländern, in Afghanistan, in Somalia, Pakistan oder Syrien davongetragen haben. Traumata, die möglicherweise sonst gänzlich unerkannt und unbehandelt blieben.

Damit das Kennenlernen untereinander leichter wird, ist an ein alle zwei Wochen stattfindendes Begegnungs-Café gedacht. Es könnte zum Beispiel in Räumen der Kirchengemeinde stattfinden, wie Homberger erläutert.

Hilfe beim Umgang mit Formularen

Und auch eine ganz einfache Rechtsberatung könnte entstehen. So haben Vertreter der Kindertagesstätte beim Runden Tisch berichtet, dass sie von Heimbewohnern immer wieder um Hilfe beim Umgang mit deutschen Formularen gebeten wurden.

Am Runden Tisch nahm auch Bürgermeister Peter Hartmann (parteilos) teil. Er würdigt zunächst den großen Einsatz von Harald Homberger im Sinne aller Menschen der Gemeinde. „Ich habe in den vergangenen 14 Tagen viel über Integration von Asylbewerbern dazugelernt“, bekennt er. Hartmann will kurzfristig im Gemeindeparlament beantragen, dass 4000 Euro für die Arbeit des Runden Tisches bereitgestellt werden.

„Wir wollen keinen Helferaktionismus, wir wollen Selbstständigkeit im Umgang miteinander, Kontinuität und Struktur“, betont Homberger. Am 20. Februar gibt es die nächste Sitzung des Runden Tisches. Dann sollen erste Erfahrungen ausgetauscht werden.

von Michael Rinde