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Ostkreis In der Not ist die Gemeinschaft da
Landkreis Ostkreis In der Not ist die Gemeinschaft da
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08:19 27.12.2017
Ein Freund machte die Aufnahmen des lichterloh brennenden Hauses. Erst vor wenigen Tagen war Eckhardt Schraub stark genug, sich die Bilder der Unglücksnacht anzuschauen. Quelle: Florian Lerchbacher
Erfurtshausen

Mit einem Kopfschütteln schaut sich Eckhardt Schraub die Bilder vom 1. September dieses Jahres an. „Dass wir da lebend rausgekommen sind, ist ein Wunder“, kommentiert er die Fotos, die sein Haus zeigen, wie es lichterloh in Flammen steht (die OP berichtete).

„Das war kurz, nachdem wir es verlassen hatten“, ergänzt er und blättert durch Aufnahmen, die er erst vor wenigen Tagen das erste Mal sah. Davor brachte er das einfach nicht übers Herz, schließlich zeigen sie, wie sein gesamtes Hab und Gut dem Feuer zum Opfer fiel. Außer den Klamotten am Leib blieb ihm nichts – abgesehen von ein paar Bildern, die er später aus den Überbleibseln seines Hauses fischte: „Man freut sich über jede Kleinigkeit, die man noch findet.“

Das Unglück hatte sich am 
1. September dieses Jahres ereignet. Eckhardt Schraub und Sohn Jan-Eric hatten für ihren verstorbenen Nachbarn eine Kerze angezündet und ins Fenster gestellt. Dabei platzte wohl das Glas, in dem die Kerze platziert worden war – und so entstand das verheerende Feuer.

Rauchen rettet vier Menschen das Leben

Zum Glück für die beiden Erfurtshäuser war Eckhardt Schraubs Bruder aus München samt Freundin zu Gast, konnte nicht schlafen und ging mitten in der Nacht eine Zigarette rauchen. Einen der wenigen Glimmstengel, die Leben retteten: Denn der Bruder nahm Brandgeruch wahr und weckte die anderen, die quasi in letzter Sekunde das brennende Haus verließen. Nur wenige Minuten später stand das Haus lichterloh in Flammen.

Auf einmal standen Eckhardt und Jan-Eric Schraub ohne Dach überm Kopf und ohne jegliche Besitztümer da – doch was dann passierte, sucht seinesgleichen: Die Menschen aus dem Ort und der Umgebung, Vereine, Gewerbetreibende – sie alle halfen. Auf unterschiedliche Art und Weise. Eben im jeweiligen Rahmen der Möglichkeiten.

Einzelpersonen oder Firmen spendeten Kleidung, brachten Essen, die Vereine richteten ein kleines Volksfest zugunsten der Schraubs aus, die Schüler der Grundschule Schweinsberg schickten die Hälfte des Erlöses ihres Spendenlaufs in den Nachbarort, eine Friseurin schnitt einen Tag lang Haare zugunsten der beiden Männer, die Freundin des Sohnes und auch der Sportverein richteten Spendenkonten ein, von dem Freunde und Bekannte Gebrauch machten, die Fußballer sammelten Geld, Menschen steckten Eckhardt Schraub einfach so Scheine zu.

„Wollte meine Mutter damit nicht belasten“

„Das war unfassbar. Ich kann gar nicht alle Hilfsaktionen und alle Helfer aufzählen“, betont Eckhardt Schraub, der überglücklich und allen Spendern extrem dankbar ist: „Mir kamen nicht nur einmal die Tränen“, gibt er unumwunden zu und freut sich beispielsweise auch darüber, dass eine fünfköpfige Familie ihn, seinen Sohn und einen Freund sowie seinen Nachbarn jeden Montag zum Essen einlädt.

Während sein Sohn zunächst bei einem Freund Unterschlupf fand und dann in die Nähe seiner Arbeitsstelle in Grünberg zog, wohnte Eckhardt Schraub erst mal bei einem Nachbarn. Inzwischen lebt er im Elternhaus – was in diesem Katastrophenjahr aber auch nicht so einfach umzusetzen war. Seine Mutter hat seit einigen Jahren Demenz. „Ich habe mich immer um sie gekümmert. Aber dass sie keinen Fremden im Haus haben will, war das nach dem Feuer etwas schwierig“, berichtet der 60-Jährige.

Eine Bekannte wusste allerdings von seiner Notlage und organisierte für seine Mutter einen Platz in einem Seniorenheim. Von der Katastrophe habe er ihr nicht erzählt, betont Eckhardt Schraub: „Meine Mutter half mir, als ich das Haus einst baute. Ich wollte sie damit nicht noch zusätzlich belasten.“

Der Erfurtshäuser möchte genau dort, wo sein altes Haus stand, das neue platzieren – allerdings dieses Mal nicht in Eigenleistung sondern in Form eines Fertighauses. Vom alten kann nichts übrigbleiben: Es muss komplett abgerissen werden. Finanziell dürfte die Angelegenheit, so Schraub, gesichert sein: „Mit der Versicherung ist eigentlich alles geklärt. Und auch die Staatsanwaltschaft hat gesagt, dass ich raus bin aus der Nummer. Ich habe nur eine ganz geringe Schuld. Man darf eben keine Kerzen unbeaufsichtigt rumstehen lassen.“

Helfer mit Herz will einen Teil der Hilfen weitergeben

Kurz vor Weihnachten überbrachte Pfarrer Marcus Vogler Eckhardt Schraub noch einen Spendenscheck über 3750 Euro. „Sie machen viel für die Menschen in der Gemeinde“, lobt der Pfarrer den 60-Jährigen, der in Erfurtshausen beispielsweise in allen Vereinen tätig und eigentlich immer, wenn jemand Unterstützung braucht, zur Stelle ist. Alle fünf Kirchengemeinden der Seelsorgeeinheit hatten Geld aus ihren Töpfen genommen, die sie für karitative Hilfe vor Ort vorhalten. Zudem widmeten sie die Kollekten den beiden Schraubs. „Das zeigt die große Anteilnahme der Menschen. Die Spende ist ein Stück praktizierte Nächstenliebe“, sagt Vogler.

„Es ist mir fast schon ein bisschen unangenehm“, kommentiert Schraub und betont: „Ich möchte mich an der Geschichte auf keinen Fall bereichern.“ Wie viel Geld auf dem vom Sportverein eingerichteten Spendenkonto liege, wisse er beispielsweise gar nicht: „In jedem Fall ist es toll, wie viel Hilfe man bekommt.“

Eckhardt Schraub ist eben ein Helfer, der in der Not nun auch Hilfe zurückbekommt – die er in seiner bescheidenen Art mit viel Demut annimmt, aber auch weitergeben will: „Ich bin sehr dankbar für die Spenden, werde einen Teil aber weiterleiten. Das alles für mich ist und andere gucken in die Röhre? Das kann nicht sein. Ich werde einen guten Zweck suchen und bestimmt Menschen finden, die finanzielle Unterstützung auch dringend brauchen.“

von Florian Lerchbacher

Pfarrer Marcus Vogler (rechts) überreichte Eckhard Schraub den Spendenscheck der Seelsorgeeinheit Amöneburg. Foto: Lerchbacher